Verdacht: Im Kunsthaus Zürich hängt ein falscher Tizian

Ein millionenschweres Gemälde des italienischen Meisters ist der neue Stolz des Zürcher Museums. Jetzt zeigt sich: An der Urheberschaft bestehen grosse Zweifel.

«Abendlandschaft mit Figurenpaar», Öl auf Papier (1518–1520) – Tizian oder nicht Tizian? Foto: Kunsthaus Zürich, Geschenk der Dr.-Joseph-Scholz-Stiftung, 2019

«Abendlandschaft mit Figurenpaar», Öl auf Papier (1518–1520) – Tizian oder nicht Tizian? Foto: Kunsthaus Zürich, Geschenk der Dr.-Joseph-Scholz-Stiftung, 2019

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Vor drei Monaten jubelte das Kunsthaus Zürich über einen Neuzugang. Einen veritablen Tizian habe man geschenkt bekommen. Die liebliche «Abendlandschaft mit Figurenpaar» hänge nun im ersten Stock des Museums und setze der Altmeistersammlung die Krone auf. Stolz meldete die Presse­abteilung am 27. März: «Als einziges Kunstmuseum in der Schweiz besitzt das Kunsthaus nun einen Tizian.»

Das Gemälde dürfte zwischen einer und zwei Millionen Franken gekostet haben. Genaue Zahlen gibt das Kunsthaus nicht bekannt, da es sich um ein Geschenk handle. Für einen echten Tizian wäre dieser Preis ein Schnäppchen. Für einen falschen wäre dieser Preis etwa hundertmal zu hoch. Als wir das Kunsthaus Zürich damit konfrontieren, dass Experten Zweifel an der Echtheit des Gemäldes hegten, erhalten wir als Antwort: «Das Kunsthaus Zürich hat keinerlei Zweifel betreffend die Authentizität des wunderbaren, jüngst von der Dr.-Joseph-Scholz-Stiftung geschenkten Gemäldes, das Tiziano Vecellio zugeschrieben wird.»

Dokumente überzeugen nicht

Sollte es aber. Auch wenn man einem geschenkten Gaul für gewöhnlich nicht ins Maul schaut, wäre das in diesem Fall nötig gewesen. Das Landschaftsbild hat die Masse 33 mal 55 Zentimeter. Eine wichtige Rolle beim Erwerb spielte der ehemalige Sammlungskurator des Kunsthauses, der seit 2011 pensioniert ist. Er ist Berater der Scholz-Stiftung und sitzt in deren Stiftungsrat.

Da Gemälde von Altmeistern meist nicht signiert sind, werden sie von einem ganzen Schwall von Dokumenten begleitet, die ihre Echtheit bezeugen sollen. Sie wurden uns vom Kunsthaus auch vorgelegt. Doch leider können die Dokumente nicht wirklich überzeugen.

Schauen wir zurück in die lange Geschichte des Werkes, die über die Dauer von 200 Jahren dokumentiert ist. Erstmals wird das Landschaftsbild am 18. Mai 1821 für Historiker greifbar. Der englische Porträtist Richard Cosway liess es damals als Schöpfung des italienischen Malers Giorgione – er lebte von 1478 bis 1510 – versteigern. In den folgenden 110 Jahren wechselte das Bild fünfmal den Besitzer und galt dabei immer als Werk von Giorgione.

Für Zeitgenossen war er «die Sonne unter den Sternen»: Selbstbildnis von Tizian, 1550–1562. Foto: Gemäldegalerie Berlin

Erst der Londoner Kunsthändler Frank T. Sabin, der das Gemälde 1932 bei einer Versteigerung des Auktionshauses Christie’s erwarb, schrieb es Tizian zu. Wobei erstaunt, wie freihändig er dabei vorging. Denn es gibt wenig, was den Wechsel der Autorschaft begründet hätte, ausser etwa einem Aufsatz in der englischen Kunstzeitschrift «Burlington Magazine». Er erschien 1938 und stammte aus der Feder des aus Finnland stammenden Kunsthistorikers Tancred Borenius.

Frank T. Sabin verkaufte das Bild einem Sammler, der es 1956 bei der Galerie Fischer in Luzern als Tizian versteigern liess, die es für einen Preis von 10'000 Franken in einer uns nicht bekannten deutschen Privatsammlung platzierte. Die Luzerner Galerie Fischer, die sich schon als Handelsplatz für entartete Kunst einen zweifelhaften Namen gemacht hatte, war mithin das einzige Auktionshaus in der langen Geschichte des Gemäldes, das es trotz unklarer Autorschaft als Tizian handelte.

Als die Erben des deutschen Kunstsammlers das Bild 1988 bei Sotheby’s in London anbieten, wird der temporäre Tizian rasch wieder in die Nähe von Giorgione gerückt. Im Auktionskatalog heisst es, das Werk stamme aus dem Umfeld von Giorgione. Es wird für 20'350 Pfund losgeschlagen, was damals etwa 50'000 Franken entsprach.

Der neue Besitzer will rasch mehr Cash sehen und bringt das Bild schon sechs Jahre später, also 1994, wieder zur Auktion bei Sotheby’s in London. Nun wird an der Autorschaft wieder geschraubt. Aus dem «Circle of Giorgione» wird ein «Follower of Giorgione», und das Preisschild steigt auf mehr als das Doppelte – mit dem Resultat, dass das Werk unverkauft an den Besitzer zurückgeht. Offenbar steigen poten­zielle Käufer nicht auf jede Namens­änderung ein.

Selbstporträt von Giorgione als David, um 1508. Foto: PD

Diese gescheiterte Transaktion, ein Schandfleck in der Karriere des Bildes, wird in der Provenienzliste allerdings unterschlagen. Da der Besitzer offenbar Geld braucht, bringt er das Werk schon zwei Jahre später wieder bei Sotheby’s zur Versteigerung. Nun wechselt man von London nach New York, um neue Käuferschichten zu erreichen. Das Gemälde, das nun wieder – wie acht Jahre vorher – aus dem Kreis um Giorgione stammen soll, kommt zu einem Schätzpreis von 30'000 bis 40'000 Dollar unter den Hammer. Da niemand den geforderten Preis bezahlt, geht es unterpreisig für schlappe 28'750 Dollar, was damals etwa 33'000 Franken entsprach, an eine Privatsammlung.

Vielleicht liegt das Desinteresse des Marktes ja einfach am Namen, wird sich der neue Besitzer gedacht haben. Unsere Recherchen ergaben, dass das Gemälde damals in die Sammlung des New Yorker Kunsthändlers Ira Spanierman gelangte, in dessen Galerie der englische Kunsthistoriker Paul Joan­nides das Bild zum ersten Mal sah. Joannides, der unter Kunsthistorikern nicht zur ersten Garde der Tizian-Experten zählt, steuerte bei der Aufwertung des Bildes zu einem Tizian die Expertise bei, die den Verkauf nach Zürich erst möglich machte.

Wir treffen Karim Khan, einen in Zürich wohnhaften Kunsthändler, der in den Neunzigerjahren Botschafter Pakistans in Norwegen war und 2004 das Kunsthaus mit zwei Kunstwerken beschenkte. Er erzählt, dass er Joannides auf seine wacklige Beweisführung aufmerksam gemacht habe. Dieser habe darauf kleinlaut geantwortet. Sein «Report» über das Gemälde sei mitnichten als Echtheitszertifikat zu verstehen, schreibt Joannides in einem E-Mail, das dieser Redaktion vorliegt.

Die Gedanken geordnet

Er habe den Text im Gegenteil nur für sich selbst geschrieben («the report was written for myself rather than at Mr. Hall’s request»), und zwar um seine Gedanken zu ordnen. Die «Abendlandschaft» gelangt nach der Schliessung von Spaniermans Galerie in den Besitz des Londoner Kunsthändlers Fergus Hall, der es schliesslich nachZürich verkauft.

Joannides erwähnt übrigens in seinem 2001 erschienenen Buch «Titian to 1518: The Assumption of Genius» die Zürcher «Abendlandschaft mit Figurenpaar» mit keinem Wort. Dabei kannte er das Gemälde nach eigenen Angaben seit den 90er-Jahren, als er es bei Ira Spanierman gesehen hatte. Er gibt sich in besagtem E-Mail freilich nicht nur selbstkritisch, sondern macht dem Kunsthaus Zürich auch den Vorwurf, dass es sich bei der Frage der Echtheit offenbar nicht auf andere Experten gestützt habe («I imagine that the curators who acquired the painting from Mr. Hall consulted other scholars about it but of that I have no knowledge»).

«Als einziges Kunstmuseum in der Schweiz besitzt das Kunsthaus einen Tizian», meldete das Kunsthaus. Wirklich? Foto: Thomas Egli

Kunsthändler Karim Khan argumentiert: «Es gibt kein anderes Bild von Tizian, das mit Öl auf Papier gemalt ist. In unserem Fall wurde das Papier zudem in jüngster Zeit auch noch auf Leinwand geklebt, was ein Unding ist. Zweitens hat dieses Gemälde keine jener malerischen Qualitäten, für die Tizian bekannt ist. Drittens kam es dreimal bei Sotheby’s zur Versteigerung und blieb dabei zweimal unverkauft, was der Verkäufer Fergus Hall in seiner Provenienz­beschreibung verschweigt.»

Dem Gemälde, das auf so wunderbare Weise zum Tizian wurde, fehlt also ein Echtheitszertifikat. Khan, der selbst mit Altmeistern handelt, behauptet: «Dieses Gemälde wird in keinem der vier Tizian-Werkkataloge aufgeführt. Es wurde vom grossen Renaissance-Experten Bernhard Berenson explizit als Malerei eines Möbelmalers zurückgewiesen. Es fehlen, was bei einer Umwidmung eines solchen Werkes unabdingbar ist, Expertisen von ausgewiesenen Tizian-Experten wie Sir Nicolas Penny von der National Gallery in London, Keith Christiansen vom Metropolitan Museum in New York, Miguel Falomir vom Prado in Madrid. Auch die Tizian-Experten Peter Humphrey und Mauro Lucco wurden nicht angefragt, geschweige denn die Spezialisten des Louvre und des Kunsthistorischen Museums in Wien.»?

Bei der Herkunft getrickst

Wenn man sich die Mühe macht, die Ausstellungsgeschichte zu analysieren, so fällt auf, dass dieses Werk nie Aufnahme in eine veritable Tizian-Ausstellung gefunden hat. Auch wenn das Kunsthaus Zürich stolz darauf verweist, dass die Malerei einmal, nämlich 2001 in einer Ausstellung des Kunsthistorischen Museums in Wien unter dem Namen Tizian, zu sehen war, so relativiert sich diese Aussage: Ausgestellt wurde das Gemälde in einer Ausstellung mit dem Titel «Musik in der Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts» im auf unterhaltsame Kost spezialisierten Palais Harrach in Wien.

Zudem wurde der Katalogeintrag zum Bild nicht von einem Tizian-Experten oder einem Fachmann des Kunsthistorischen Museums geschrieben, sondern vom Amerikaner William Roger Rearick, der das Gemälde 2001 in seinem Buch «Il disegno veneziano del Cinquecento» als von Tizian stammend bezeichnete. Er stand damit am Anfang der Aufwertung des von Ira Spanierman 1996 unterpreisig erworbenen Bildes, sodass sich der Kreis der «Tizianmacher» auf ein paar wenige Personen reduziert.

Zudem liess man die erfolglose Auktion von 1994 unerwähnt.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Kunsthaus Zürich von der Dr.-Joseph-Scholz-Stiftung ein Bild geschenkt erhielt, bei dem, betrachtet man seine Geschichte und die mitgelieferten Dokumente, sehr wenig auf Tizian hinweist. Dem Kunsthaus liegt kein einziges wirklich belastbares Echtheitszertifikat von einem ausgewiesenen Experten vor, mit dem die Umwidmung des «Circle of Giorgione» zu einem «Tizian» begründet werden könnte.

Zudem liess man die erfolglose Auktion von 1994 unerwähnt. Der Verkäufer müsste bei einem solchen Handel aber zwingend alle Karten offenlegen, sagen Experten. Dennoch liessen sich die Scholz-Stiftung und das Kunsthaus Zürich auf den Deal ein, sodass der Verkäufer angesichts der Preise, die in den 90er-Jahren für das Bild bezahlt wurden, gut und gerne einen Gewinn von einer Million Franken und mehr realisieren konnte. Zu unseren Recherchen will das Kunsthaus Zürich weiter nicht Stellung nehmen.

Erstellt: 13.07.2019, 07:19 Uhr

Tiziano Vecellio

Der Meistermaler wurde in Pieve di Ca­dore, einem Dorf in den Dolomiten, geboren. Sein Geburtsdatum ist umstritten: zwischen 1477 und 1490. Tizian starb 1576 in Venedig. Von seinen Zeitgenossen wurde er als «die Sonne unter den Sternen» bezeichnet und gilt noch heute als einer der grössten Maler aller Zeiten.

Am Anfang seiner Laufbahn war Tizian stark von Giorgione (geboren 1478 in Castelfranco, gestorben 1510 in Venedig) beeinflusst. Eines seiner Schlüsselwerke ist das berühmte Altarbild «Himmelfahrt Mariä» (1516/18), das sich heute in der Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frariin Venedig befindet. 1530 begann Tizians Tätigkeit für Karl V. und den Kaiserhof, 1550 für den Habsburger Philipp II. Im Auftrag dieser Herrscher entstanden psychologisch eindringliche, repräsen­tative Porträts.

In den letzten Jahren kamen zwei Meisterwerke Tizians auf den Markt und erzielten Spitzenpreise. «Diana und Actaeon» wurde 2009 von der Londoner National Gallery und der National Gallery of Scotland für 71 Millionen Dollar erworben. 2004 kaufte das Getty Museum das «Porträt des Alfonso d’Avalos mit einem Pagen» für 70 Millionen Franken. (hm)

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