Eine Art Manifesta für Zürichs Kunstszene

Die «Kunst: Szene Zürich 2018» löst das überkommene Konzept der Weihnachtsausstellung zeitgemäss ab – dezentral, doch vernetzt, diskurslastig und integrativ.

«Ave Maria»: Walter Kirchmeier eröffnet die «Kunst: Szene Zürich 2018» im Quartiertreff Affoltern. Foto: Dominik Zietlow

«Ave Maria»: Walter Kirchmeier eröffnet die «Kunst: Szene Zürich 2018» im Quartiertreff Affoltern. Foto: Dominik Zietlow

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit den Weihnachtsausstellungen ist es so eine Sache. Sie waren ja beliebt: Die lokalen Künstler boten ihre Werke feil, das ­Publikum bewunderte oder belächelte sie, trank Glühwein und kaufte in vorweihnachtlicher Stimmung. Diese gemütliche ­Unstrukturiertheit geriet aber in Verruf: Miefig sei so etwas, konsumistisch, dem wachsenden professionellen Anspruch der Künstlergilde nicht angemessen.

Dennoch fristen die vorweihnachtlichen lokalen Leistungsschauen unter anderen Namen ein fröhliches Weiterleben: «Cantonale» (Bern und Jura) oder «Regionale» (Basel und die trinationale Umgebung), «Heimspiel» in St. Gallen und «Auswahl» in Aarau. In Zürich gab es bis 2011 die Kunstszene. Die letzte fand in den Hallen des Zollfreilagers in Albisrieden statt und war ein Erfolg: 630 Künstler­anmeldungen, 25'000 Besucher, blendende Umsätze. Danach war Schluss. Die städtische Organisatorin Eva Wagner ging in Pension, man wollte sich modernisieren und erneuern.

Vernissage an 27 Orten

Als also am Freitag im Quartiertreff Affoltern der Sänger Walter Kirchmeier feierlich «Ave Maria» intonierte, war das nicht nur der Startschuss der «Kunst: Szene Zürich 2018», sondern auch der Beginn eines kulturpolitischen Experiments. In den sieben Jahren des Nachdenkens wurde im Präsidialdepartement ein Konzept auf der Höhe des algorithmischen Zeitalters ersonnen: dezentral, doch vernetzt, frei, doch nicht beliebig, diskurslastig sowie integrativ sensibel.

Gemütlich wird diese Veranstaltung niemand schimpfen, denn die Vernissage fand gleichzeitig an 27 Orten statt und forderte sportlich heraus. Das Netz der Ausstellungsorte reicht von Affoltern bis nach Witikon, von Altstetten und Albisrieden bis nach Zürich-West, wobei auch das Zentrum nicht zu kurz kommt: Im Löwenbräu lief die Kunstbuchmesse Volumes, und die gemeinsame Party fand in der Amboss-Rampe hinter der Baustelle HB-Nord statt.

Künstler und Ausstellungs­orte wurden nach einem ausgeklügelten Muster zusammengeführt. Dieses entstammte keiner künstlichen, sondern einer natürlichen Intelligenz, der des Projektteams um Barbara Basting, der städtischen Ressortleiterin Kunst. Die Paarung Künstler - Ort sollte passen und doch die jeweiligen Filterblasen sprengen.

Stadt lässt 320'000 Franken springen

Die heikle Aufgabe scheint geglückt zu sein, die Betreiber der Gastorte melden Positives. Im Studio XOX etwa freut sich ein Vertreter des den Ort betreibenden Künstlerkollektivs U5, neue Künstler kennen gelernt zu haben und über sie auch neues ­Publikum – die Vernissagengäste stammen mehrheitlich aus dem Umfeld der Künstler. Claudia Jolles, Chefredaktorin der Zeitschrift «Kunstbulletin», deren Redaktionsräume ein weiterer Gastort sind, empfindet die ihr zugeteilte Kunst als Bereicherung, etwa die fotografische Arbeit von Hennric Jokeit, die sich mit der postkolonialen Rezeption der Moderne beschäftigt.

Zögerlicher klingt es aus dem Umfeld der Künstler. «Mit einer gewissen Nostalgie» erinnert sich etwa Tina Good Hannibal an die alte Kunstszene, bei der «alle zusammenkamen». Man habe gesehen, was die anderen Künstler mitbrachten: gut für die eigene Verortung. Sie stellt im U5 ihre auf ausgeklappten Milchtüten angebrachten atmosphärischen Kompositionen aus. Der Künstler Boris Billaud zweifelt das Konzept der «dezentralisierten Verantwortung» an, räumt gleichzeitig aber auch ein, dass ihn gerade dieser Zweifel zum in der Kunstschule F+F ausgestellten Gemälde inspiriert habe.

Insgesamt erinnert die Veranstaltung ein wenig an die Manifesta von 2016, die ja auch in die Stadt ausschwärmen wollte, die lokale Kunstszene dabei aber aussen vor liess. Die Stadt, die sich damals mit 7 Millionen einspannen liess, lässt nun also 320'000 Franken springen, um das Lokale zu coachen. Ganz am Schluss findet im Neumarkt-Theater eine Bilanzdiskussion statt, die sich der Frage stellen will: «Wie gehts der Szene? Lasst uns darüber sprechen (oder für immer schweigen)». Man hofft doch sehr, dass es nicht auf das Letztere rausläuft.

Kunst: Szene Zürich 2018, bis 2. 12. www.kunstszenezuerich.ch (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.11.2018, 18:23 Uhr

Artikel zum Thema

Wie gehts Zürichs Kunstszene?

Mit der «Kunst: Szene Zürich 2018», einem zehntägigen Ausstellungs- und Event-Potpourri, will die Kulturabteilung der Stadt der Szene den Puls nehmen. Unsere Highlights. Mehr...

Ein millionenteures Minihaus für Oerlikon

Das Duo Fischli/Weiss ist weltberühmt für seine humorvollen Werke – nun steht ein Schlüsselwerk in Zürich. Mehr...

Wie Zürichs Agglo aufgehübscht wird

«Neuer Norden Zürich» will mit Kunst im öffentlichen Raum auf die städtebaulichen Entwicklungen in Schwamendingen, Seebach und Oerlikon aufmerksam machen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Nachspielzeit Die Zitrone Champions League ist ausgepresst
Politblog So reden Verlierer

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...