Jetzt fliessen in Basel wieder die Millionen

Was an der Art Basel auffällt: Kunst von Frauen erzielt endlich gleich hohe Preise wie die von Männern. Zugleich werden die Galeristen vorsichtiger.

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Die gläserne Decke des Kunstmarkts bekommt Risse. Die ersten Nachrichten über Superverkäufe an der Kunstmesse Art Basel betrafen, o Wunder, die Werke einer Künstlerin. Zwei grosse Leinwände der endlich als gleichberechtigte Abstrakte Expressionistin anerkannten amerikanischen Malerin Joan Mitchell (1925–1992) fanden bereits am Dienstagnachmittag neue Besitzer, für je 14 Millionen Dollar. Damit schliessen die Preise für die farbintensiven Kompositionen Mitchells zum Niveau der Preise für die Werke ihrer männlichen Kollegen wie Jackson Pollock oder Willem de Koo­ning auf. «Die Stunde war reif für eine Neueinschätzung ihres Werks – was zurzeit für einige Künstlerinnen gilt», kommentierte Iwan Wirth von der Galerie Hauser & Wirth den guten Preis.

Kunst von Frauen, deren Preise im überhitzten Kunstmarkt trotz hervorragender Qualität bisher stagnierten, wird langsam zum Marktliebling. Allein von Joan Mitchell boten verschiedene Galerien über zehn Werke an, die New Yorker Galerie Lévy Gorvy verkaufte ihr «Untitled» von 1959 für eine zweistellige Millionensumme. Sowohl Sammler wie Museen versuchen die Lücken in ihren Beständen zu füllen, die wegen der sexistisch verzerrten Wahrnehmung aufklafften.

Eine grosse Metallskulptur der in Genf geborenen 47-jährigen Künstlerin Carol Bove hat ihr Galerist David Zwirner in den ersten Tagen für 1,5 Millionen Dollar verkauft. Das ist mehr als das Vierfache ihres bisherigen Auktionsrekords von 330'000 Dollar. Die Berliner Galerie Sprüth Magers bringt grossartige Werke der frühen Feministin Barbara Kruger und der kalifornischen Konzeptualistin Cady Noland zur Messe mit – sie sollen sich hervorragend verkaufen. Die Preise bleiben geheim.

Die Marge bricht weg

Ebenfalls gute Verkäufe, wenn auch nicht einen markanten Preisanstieg für die Kunst der von ihnen repräsentierten Künstlerinnen, meldet die in Zürich und Los Angeles beheimatete Galerie Karma International. Die von Karolina Dankow und Marina Olsen gegründete Galerie besticht dieses Jahr durch einen ausschliesslich weiblich bestückten Messestand. Die Galerie konnte ihren Stand mit Werken von Vivian Suter, Pamela Rosenkranz, Judith Bernstein und Sylvie Fleury ansprechend gestalten. Die farbigen Leinwände von Vivian Suter, die in den 80er-Jahren von Basel nach Guatemala ausgewandert ist, gewinnen immer mehr Anhänger. Die Galeristinnen hatten am Mittwochnachmittag bereits ihrer zehn verkauft, für je zweistellige Tausenderbeträge.

Die Messe macht dieses Jahr allgemein einen ernsten Eindruck, und auch wenn die Basler Ausgabe der Art Basel schon immer weniger verspielt war als ihre Schwester in Miami Beach, kann man sich der Ahnung nicht erwehren, dass nun auch auf den Kunstmarkt etwas härtere Zeiten zukommen könnten. Die Sammler sind vorsichtiger geworden. Vielen, auch guten Galerien bricht die Marge weg in einem Markt, in dem die Spekulanten am meisten gewinnen. Auch wenn der geschäftsfördernde Optimismus weiterhin zur Schau gestellt wird und vorteilhafte Verkäufe gerne herausposaunt werden, hört man hinter vorgehaltener Hand anderes. Dass etwa um Preisnachlässe weniger hart gekämpft wird als früher, weil Galerien sie bereitwilliger gewähren.

Auf den Vorplatz der Messe hat die New Yorker Kunstorganisation Creative Time eine Ladung Kies ausgeleert, sie spielt damit auf den Stoff an, aus dem Städte bestehen. Die vom Kunstkollektiv verordneten Belebungsmassnahmen für Basel – Vorträge, akustische Berieselung oder Anleitung zum Langsamgehen – verfehlen ihre Wirkung indes komplett. Selten hat eine Messevorplatz-Inszenierung weniger inspiriert gewirkt als diese «Basilea» aus Übersee. Wenn schon ein dröges Quartiergemeinschaftszentrum hermuss, denkt die Besucherin, dann soll man doch bitte nächstes Jahr den heimischen Künstler Thomas Hirschhorn darum bitten, der kann solche Eingriffe in die Stadtstruktur eindeutig interessanter in Szene setzen.

Die Grösse wird kleiner

Auch die Unlimited-Sektion wirkte schon grosszügiger. Das kann an der Tatsache liegen, dass die den grossen Kunststücken gewidmete Abteilung der Messe dieses Jahr nicht in der hohen Halle im Parterre stattfindet, sondern in dem etwas niedrigeren ersten Stock. Es könnte allerdings auch sein, dass das Prinzip der Grösse durch den Markt relativiert wurde und dass die Galerien darum weniger darauf erpicht sind, die zusätzlichen 20'000 Franken für die Teilnahme am Unlimited auszugeben.

Seit die Museen mit ihren grossen Hallen nämlich über weniger und die neureichen Sammler über mehr flüssige Mittel verfügen, ist die im Verkauf beliebteste Grösse des Kunstwerks nicht «riesig». Meistens genügt ein Werk in mittleren Dimensionen von anderthalb auf zwei Meter, um die Gäste eines Stadtlofts zu beeindrucken.

Art Basel, noch bis Sonntag, 19 Uhr, www. artbasel.com

Erstellt: 15.06.2018, 08:21 Uhr

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