Einer der wichtigsten US-Künstler ist tot

John Baldessari war ein wegweisender Konzeptualist. Der Amerikaner rebellierte gegen langweilige Kunst – und brachte Pflanzen das Lesen bei.

John Baldessari posiert vor einem seiner Kunstwerke während der Ausstellung «Pure Beauty» in Barcelona im Jahr 2009.

John Baldessari posiert vor einem seiner Kunstwerke während der Ausstellung «Pure Beauty» in Barcelona im Jahr 2009. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Pure Beauty» nannte das Tate Modern in London 2009 seine grosse Retrospektive des Künstlers, die schliesslich 2011 im Metropolitan Museum of Art in New York vorgestellt wurde. Der US-amerikanische Künstler John Baldessari war da auf dem Höhepunkt seines Ruhms.

Der Titel versprach «Reine Schönheit» in einer Kunstausstellung und verweigerte genau diese auf paradoxe und witzige Weise: Er war ein Zitat eines Werkes, das der 1931 geborene Künstler Mitte der Sechzigerjahre schuf. «Pure Beauty», das waren schwarze Buchstaben auf weissem Grund.

John Baldessari wurde 1931 als Sohn eines Schrottwarenhändlers in National City geboren, das ist eine Stadt in Kalifornien, die zwischen San Diego und Tijuana in Mexiko liegt. Er sprach später davon, dass er wohl aufgrund des Einflusses seines Vaters kaum Sachen fortwerfen könne.

Die Kunst im Krematorium

Schon früh wurde seine artistische Begabung entdeckt, sodass der junge Baldessari Kunst in San Diego studieren konnte und 1957 einen Master erwarb. Er begann mit Malerei und schuf ein umfangreiches Konvolut von Gemälden, das er 1970 in einer gross inszenierten Geste in einem Krematorium verbrannte.

John Baldessari, der sich schon vorher von der Malerei zu distanzieren begann, hat sich damals als Konzeptkünstler neu erfunden. Schon 1968 gestaltete er ein Umschlagbild des Kunstzeitschrift «Artforum», indem er ein Gemälde von Frank Stella mit der Unterschrift versah: «This is not to be looked at».


Baldassari-Kunstwerk «Ohrensofa». Bild: Keystone.

1970 versprach er in einer Kunstaktion, dass er nie mehr langweilige Kunst machen werde: In ein Notizbuch schrieb er unzählige Male den Satz: «I will not make any more boring art». Und er versprach nicht zu viel. Mit seiner Loslösung von der Malerei und der Kombination von Text und Bild erwarb er sich eine unglaubliche Freiheit, die immer wieder überraschende kreative Lösungen garantierte.

Baldessari begann damals am California Institute of Arts in Los Angeles als Lehrer zu arbeiten und hatte einen grossen Einfluss auf eine ganze Generation von jungen Künstlern wie etwa Mike Kelley oder Matt Mullican. Dass er auch in dieser Rolle seine Distanz zum Kunstbetrieb und seine Ironie nicht ablegen mochte, beweist eine Serie von Installationen aus dem Jahr 1972, in denen er eine Topfpflanze vor eine Leinwand stellte, auf der zu lesen war: «Teaching a plant the Alphabet».

Interesse am «Dazwischen»

In den 80er-Jahren produzierte der Künstler unzählige Fotocollagen, in denen er Fotografien aus Zeitungen und Zeitschriften mit Sätzen oder Textblöcken kontrastierte und dabei auch immer wieder den Kunstbetrieb karikierte. Berühmt geworden sind auch seine Bilder, in denen er auf Fotografien mit weissen, schwarzen oder bunten Kreisen die Köpfe von Persönlichkeiten aus Politik und Showbusiness abklebte.

Er verfolgte da immer mehr eine Strategie der Auslassung oder Entleerung von vorgefundenem Bildmaterial, das er damit verfremdete. Seine Schüler lehrte er, dass das eigentlich Interessante sich im Dazwischen abspiele und nicht auf der Oberfläche der Dinge.

Schliesslich brachte er in seiner «Body Parts»-Serie einzelne Körperteile auf die Leinwand, seien es Arme, Beine, Ohren oder dann geradezu inflationär die Nasen, die er in der Tradition von Nikolai Gogol vom Gesicht abtrennte und quasi überall einsetzte. In seinem Studio hängt eines dieser Bilder – die sich durchaus auch in der Tradition von René Magritte verstehen lassen –, das eine Nase inmitten von Wolken zeigt. Sein Titel ist «God Nose».

Baldessari war einer der bedeutendsten amerikanischen Künstler und erhielt unzählige Auszeichnungen. Unter anderem wurde ihm 2009 der Goldene Löwe der Biennale von Venedig verliehen. 2015 überreichte ihm Barack Obama die «National Medal of Arts» für das Jahr 2014. Am 2. Januar ist der Künstler im Alter von 88 Jahren sanft entschlafen, wie am Sonntag bekannt wurde.

Erstellt: 06.01.2020, 16:22 Uhr

Artikel zum Thema

Briten und Deutsche flüchten in den Schweizer Kunstmarkt

SonntagsZeitung Das Geschäft mit Kunst wächst auf 1,2 Milliarden Dollar – Schweiz profitiert von Brexit und neuen Gesetzen. Mehr...

Die besseren Menschen

Champagnerstände, Besuchermassen, Umsatzfieber: An der Art Basel kann man sehen, wie der boomende Markt die alte Kunstwelt aus den Angeln hebt. Mehr...

Der Bilderstürmer

Kunst Der Basler Künstler Rémy Zaugg erschuf ein einzigartiges Werk von Schriftbildern. Nun ist dieses im Kunstmuseum Basel zu sehen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Blogs

Geldblog Corona vermiest Firmen das Geschäft

Sweet Home Grosses Theater zu Hause

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Unterwegs per Kanu: Ein überfluteter Park in Hereford, England, lädt zum Wassersport ein. (17. Februar 2020)
(Bild: Christopher Furlong/Getty Images) Mehr...