«Er hängt auch mal um, probiert neue Kombinationen»

Marc Fehlmann, Direktor des Museums Oskar Reinhart, stellt die Kunstsammlung von Christoph Blocher aus. Ein Gespräch über Blochers Akribie und die Sensationslust des Publikums.

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Erstmals überhaupt stellt Alt-Bundesrat Christoph Blocher seine spektakuläre Kunstsammlung öffentlich aus – in Ihrem Museum! Wie haben Sie das geschafft?
Ganz einfach: Ich bin authentisch und angstfrei auf ihn zugegangen. Ich schrieb ihm und fragte ihn, ob ich mit ihm ein Projekt besprechen könne. Er erwartete natürlich, dass ich ihn um Geld anfragen wolle, doch ich entgegnete: Nein, ich will Ihre Bilder! Letztlich sagte Herr Blocher zu, weil er ein Mensch ist, der sehr gut einschätzen kann, wer die Zusicherungen, die er ihm gibt, auch wirklich hält.

Was haben Sie Herrn Blocher denn versprochen?
Professionelle Rund-um-die-Uhr-Betreuung für seine Werke durch – und das vermutlich war der entscheidende Punkt, der uns von der Konkurrenz abhob – ein kleines Team, für das diese Ausstellung nicht eine unter vielen ist.

Passt diese Sammlung überhaupt zum Museum Oskar Reinhart?
Sehr sogar, vielleicht besser als in jedes andere Museum der Schweiz. Wir sind das älteste Sammlermuseum des Landes, und hier eine Privatsammlung zu zeigen, die ebenfalls Hodler und Anker beinhaltet, erschien uns konsequent. Zudem hat Oskar Reinhart eine Ästhetik geprägt, die noch heute ihre Nachwehen hat, denn sein Blick auf die Kunst um 1900 war geschmacksbildend. Er hat Schweizer Kunst aus dem 19. Jahrhundert mit Werken des 20. Jahrhunderts kombiniert. Vor ihm stand die Hodler-Amiet-Giacometti-Phalanx gegen die Konservativen, die lieber Calame, Zünd und Anker hatten. Er verband die beiden Stilrichtungen und stellte in den 1930er-Jahren seine Sammlung in der ganzen Schweiz aus. Ausgehend von diesen Ausstellungen baute Arthur Stoll – damals ein erfolgreicher Pharmaunternehmer in Basel – eine eigene Kunstsammlung auf, die ganz nah am Programm von Reinhart war. Stoll war seinerseits prägend für Christoph Blocher, und heute befinden sich viele Werke der Sammlung Stoll in der Sammlung Blocher. Insofern stellen wir eigentlich eine Sammlung aus, die in ihrer Ausrichtung auf Oskar Reinhart zurückgeht.

Darf man aus Ihren Worten schliessen, dass Christoph Blochers Sammlungsgastspiel im Museum Oskar Reinhart der Vorbote einer Schenkung ist?
Nein, das steht nicht zur Debatte. Es geht einzig darum, eine aussergewöhnliche sammlerische Leistung der letzten 30 Jahre zu würdigen und Oskar Reinharts Einfluss neu zu beleuchten.

Ist es effektiv so, dass die gezeigten Werke sonst bei Blochers zu Hause in Herrliberg hängen? Oder lagern sie in Tresoren oder einem Depot?
In der Tat, die Werke hängen an den Wänden in Herrliberg und im Schloss Rhäzüns. Christoph Blocher ist ein Sammler, der mit seiner Kunst lebt. Er hängt sie auch mal um, probiert neue Kombinationen aus. Bei ihm ist die Kunst eine Herzensangelegenheit. Er ist ein anderer Sammlertyp als zum Beispiel Bruno Stefanini, der seine Werke in einem Depot lagert. Wer Kunst nicht ansieht, sondern sie bloss wie Aktien hält, der setzt sich nicht wirklich damit auseinander.

Und nun muss Herr Blocher bis Ende Januar mit leeren Wänden Vorlieb nehmen?
Nein, er hat genügend schöne Bilder, dass die Lücken kaum auffallen werden. Wir zeigen ja nur die Spitze des Eisbergs, einen repräsentativen Querschnitt.

Hat Herr Blocher mitbestimmt, was Sie zeigen, gab es Werke, die er Ihnen nicht ausleiht?
Ich erhielt eine Carte blanche, hatte also die freie Wahl, denn er war der Meinung, dass ich für diese Ausstellung verantwortlich bin, und wollte mir deshalb nicht dreinreden.

Die Ausstellung heisst «Hodler, Anker, Giacometti». Gibt es auch Überraschungen in der Sammlung Blocher?
Ja durchaus! Ich stiess etwa auf Adolph Dietrich, den ich in dieser Sammlung nicht erwartet hätte; dasselbe gilt für Félix Vallotton. Einen ganz tollen Max Buri hat er, von dem ich nicht wusste, dass der bei ihm ist. Es hat auch viel mehr Hodler-Landschaften, als ich mir vorgestellt hatte; überhaupt sind es viel mehr Hodler als erwartet. Bei den Werken von Anker war ich ebenfalls etwas überwältigt und wusste erst nicht, welche ich auswählen sollte. Zwei waren gesetzt: Der «Schulspaziergang» und «Die Turnstunde». Das sind zwei programmatische Bilder, die in Ankers Gesamtwerk singuläre Positionen einnehmen.

Aber einen Damien Hirst wird man bei Herrn Blocher nicht entdecken?
Nein. Herr Blocher sammelt nur Schweizer Kunst, auch wenn er sich Hirst leisten könnte. Er sammelt nach dem Blocher-Prinzip: Konzentration auf einen Bereich, statt sich zu verzetteln, und er kauft nur, was ihm gefällt.

Zeitgenössische Schweizer Kunst ist kein Thema?
Der jüngste Künstler in der Sammlung ist Adolph Dietrich. Er starb 1957.

Haben Sie keine Bedenken, dass die Leute nur deshalb in die Ausstellung strömen werden, weil die Werke Christoph Blocher gehören? Aus Sensationslust heraus, sodass die Kunst in den Hintergrund tritt?
Schauen Sie: Es gibt Museen, die gehen mit den Versicherungssummen ihrer Exponate hausieren. Oder mit der Meldung, dass ein einzelnes Werk gerade nach Katar verkauft wurde. Die Sensationslust des Publikums ist heutzutage einfach ein Fakt. Da geht es den Museen nicht anders als den Medien. Sie würden über diese Ausstellung wohl auch nicht berichten, wenn es eine anonyme Sammlung wäre. Ich glaube, da muss man mit dem Strom schwimmen und sollte kein Geheimnis um den Besitzer machen. Viele Bilder hat Herr Blocher ja auch schon anderweitig öffentlich gezeigt, als Leihgabe an eine Ausstellung.

Muss man auch damit leben, dass irgendwelche militanten SVP-Gegner ihre Wut an den Werken auslassen könnten?
Zunächst einmal: Es geht um die Kunst, nicht um die Partei. Und dann: Wer Kunst zerstören muss, um seiner politischen Gesinnung Ausdruck zu verleihen, verspielt den Respekt seiner Gegner. Das Zerstören eines Kunstwerkes – das hat jetzt der IS in Syrien wieder bewiesen – ist kein Mittel, um Verständnis für die eigenen politischen Anliegen zu gewinnen.

Aber die Sicherheit haben Sie für diese Ausstellung doch erhöht, oder?
Natürlich. Das tun wir bei jeder Ausstellung, die derart kostbare Werke zeigt.

Erstellt: 09.10.2015, 14:53 Uhr

Marc Fehlmann ist Direktor des Winterthurer Museums Oskar Reinhart. (Bild: PD)

Die Ausstellung

Die Ausstellung «Hodler, Anker, Giacometti - Meisterwerke der Sammlung Christoph Blocher» ist ab Sonntag bis 31.01.2016 zu sehen. Am Samstag, 10. Oktober, um 15 Uhr findet eine öffentliche Vernissage statt.

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