Er zeigte, wie Amerika aus der Balance geriet

Robert Frank bereiste von Zürich aus die USA und schuf die Fotobibel «Les Américains». Mit 94 ist er gestorben. Ein Nachruf.

Robert Frank 2014 bei einem Auftritt im Kunsthaus Zürich.

Robert Frank 2014 bei einem Auftritt im Kunsthaus Zürich. Bild: Keystone

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Draussen vor der Tür. Dort stand er meistens, wenn man über ihn sprach, an Pressekonferenzen, bei klugen Debatten über sein Werk: Robert Frank misstraute Worten. Kunst sei, was er mache? Sollten andere das behaupten. Ihn interessierte es nie, «state of the art» zu sein. Oder im Zentrum irgendeines aufgeregten Interesses.

Seine Fotos, seine Filme waren für den Augenblick da: für den Augenblick, den sie zeigen, und für jenen, an dem sie gesehen werden. Flüchtigkeit als Prinzip und aus Prinzip, als Glaubensbekenntnis. Keine grossen Bilder, keine bedeutenden Momente. Denn wozu sollte Kino, Fotografie taugen, wenn nicht dazu, die Wucht des Banalen zu zeigen? Robert Franks Bilder sind und waren immer Seelen-Bilder, und vor allem zu seinem Lebensende hin offenbarten sie auch seine eigene Innenwelt.

Wie konnte ein derart melancholischer Kopf zu einem derartigen Mythos, zur «lebenden Legende» werden, als die man ihn heute verehrt? Zu einem der einflussreichsten Fotografen der Nachkriegszeit und zum unterbewerteten Underground-Filmemacher?

Geboren 1924 in Zürich, Sohn eines staatenlos gewordenen jüdischen Innenarchitekten aus Frankfurt, die Mutter eine geborene Baslerin – wie findet einen da das Glück? In Amerika will man gefunden werden, im Land als Glücksversprechen, in das man mit 23 Jahren auszuwandern beschloss!

14th Street White Tower, New York, 1948. Weitere Bilder aus «The Americans» in unserem Foto-Blog. Bild: Fotostiftung Schweiz

Tatsächlich hatte Robert Frank selten Glück in seinem Leben. Seine Tochter starb jung, ein Unfalltod; der Sohn litt an einer Geisteskrankheit. Doch bei allem Unglück: Robert Frank war beglückt mit Talent. Mit grossem Kompositionsgeschick, seinem Sensorium für die Zerbrechlichkeit des Lebens hat er die Fotografie in die Moderne geführt.

Ein Schock, ein Blitz, das war «Les Américains», ein Gesellschaftsporträt in Form eines schmalen Büchleins mit 83 Aufnahmen, als es im Mai 1958 erschien. Kein amerikanischer Verlag hatte die heisse Ware anfassen wollen, das wagte nur ein Franzose, Robert Delpire. Alles war falsch, denn alles war anders an dieser Art Fotografie, ganz abgesehen davon, was auf ihr zu sehen war: endlos öde, lange Highways, Provinzarchitektur, einsame Menschen.

Sein Aufstieg zur Fotobibel für alle Nachkommenden hatte begonnen.

Frank benutzte falsche Belichtungen, grobes Korn und aus dem Lot gefallene Bildhorizonte. Sein Amerika, destilliert aus seiner einjährigen Reise durch 48 Staaten – wie man später sagen wird, die Umwege mitgezählt –, aus 687 Filmen, 27'000 Aufnahmen, dieses Amerika war ein Land aus der Balance geraten, ein Land in Schwarz und Weiss.

Und Schwarz und Weiss hatten nur eine Gemeinsamkeit: eine grosse Tristesse. Frank musste für die Herstellung des Bildbands 200 Dollar im Voraus bezahlen, viel Geld (wenn man es nicht hat), eine Summe, die am Ende des Jahres auf 800 Dollar angewachsen war – zu diesem Zeitpunkt war das Büchlein bereits ausverkauft.

Sein Aufstieg zur Fotobibel für alle Nachkommenden hatte begonnen. Denn hier nahm ein visueller Künstler in seiner Bildsprache Woodstock vorweg, ein neues, freies Verständnis von Fotografie, und dafür berief ihn vor allem die Avantgarde Europas ins Reich der Giganten.

Es hat Robert Frank nicht geschadet, weil es ihn nicht gekümmert hat. Davor hatte er bereits zwei Künstlerbücher geschaffen, eines über Peru (1948), und er hatte in seiner Heimat die Landsgemeinde in Hundwil porträtiert (1949), die Stadt London (1951) und ein Bergwerksdorf in Wales (1953). Darin zeigte er, was ihn wirklich interessierte: Es war die Mischung aus Fiktion und Realität, die einem poetischen Realismus auf der Spur war, aber nie verhehlte, dass es ihm letztlich um den Menschen ging und um dessen Lebensumstände.

New York City, 1955. Bild: Fotostiftung Schweiz, Schweizerische Eidgenossenschaft, Bundesamt für Kultur (BAK), Bern

Noch in den 50er-Jahren fotografierte er in New York Passanten als kleine Fotoserie und benannte sie nach dem Ort ihres Entstehens: «From the Bus» (1958). Es ist Franks letzte serielle Fotoarbeit im klassischen Sinn, seine Abkehr vom statischen Einzelbild. Jetzt wird er die Film- und Videokamera in die Hand nehmen, um, wie er sagt, der Gefahr zu entgehen, sich als Fotograf zu wiederholen.

Robert Frank als Filmregisseur und Kameramann: ein Kapitel, das der Aufarbeitung bedarf, denn faktisch ist Frank als Filmer ein Untergrund-Phänomen geblieben. Dabei ist sein Anfang auf diesem Gebiet Legende: Mit den poetischen Worten «Early morning in the universe» eröffnet die Stimme von Jack Kerouac «Pull My Daisy» (1959), Franks bekanntesten Kurzfilm. Zu Kerouacs verbaler Jazz-Performance entwickelt sich der Streifen als Innenschau des Beatniks-Gefühls in der Lower East Side von Manhattan.

«Pull My Daisy» von 1959. Video: Vimeo

Der erste abendfüllende Film dann Ende der 60er, «Me and My Brother», ein kompliziertes, vielleicht zu kompliziertes Projekt; später das Tournee-Dokument über die Rolling Stones, «Cocksucker Blues» (1972), gleichfalls wenig erfolgreich, um nicht zu sagen: verheerend erfolglos. Im merkantilen Sinn, zumindest. In künstlerischer Hinsicht werden Filmhistoriker ihr Urteil noch zu sprechen haben.

Robert Frank wollte darauf nicht warten, er arbeitete weiter. Nun wieder mit dem Medium Fotografie. Seine Arbeit kreiste immer mehr um sein eigenes Befinden, um die Verluste in seiner Familie, um Verlorenheit, für die er nach Bildern suchte. «Sick of good Bys» heisst es auf einer Fensterscheibe, dick wie mit Blut geschrieben; auf einem anderen Bild hängt er Fotos an die Wäscheleine vor seinem Haus in Vermont mit nichts als der Vokabel «Words».

Draussen vor der Tür flatterten diese Blätter mit dem Wind. Eine Botschaft, die nicht einmal mehr einen Adressaten hat. Draussen vor der Tür war auch der Standort von Robert Frank, der mit skeptischer Aussensicht auf das blickte, was wir Welt nennen. Am Montag ist Robert Frank im Alter von 94 Jahren im kanadischen Inverness verstorben.

Erstellt: 10.09.2019, 16:48 Uhr

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