Erhellendes aus der Dunkelkammer

Selten wird die Impotenz der Fotografie so potent beschworen: Das Zürcher Fotografenduo Onorato & Krebs zeigt im Fotomuseum Winterthur seinen geistreichen Blick auf «Eurasia».

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Nichts, aber auch gar nichts. Absolut nichts lässt sich an diesen Museums­wänden mit Sicherheit erkennen. Und ebenso in den verdunkelten Kinosälen. Nichts, was nicht ein Rätsel wäre, ein Enigma. Oder eine Geheimbotschaft aus einer anderen Welt. Aus welcher? Aus ­jener der Geister und Geisterbeschwörer. Die Geisterbeschwörer, das sind hier zwei Schweizer Fotografen, Taiyo Onorato und Nico Krebs. Man kennt sie seit «The Great Unreal» (2005–2009), ihrem vor allem in Buchform rasend ­erfolgreichen Roadtrip durch die USA; und wer sie kennt, weiss, dass sie an ­wenig interessiert sind. An wenig mehr als an der entscheidenden Frage: Was ist Fotografie, was ein Fotograf?

Am Nullpunkt der Fotografie

Bei Onorato & Krebs ist die Antwort klar. Fotografie ist die Lüge, die Wahrheit ­erzählt. Scharf macht das die Ausstellung «Eurasia», ein Labyrinth des Sinnsuchens und Bildfindens, gesammelt auf Reisen durch Zentralasien mittels «alter» Kulturtechniken – grossformatiger Plattenkameras, analoger Fotografie und 16-Millimeter-Filmen. Die Schwarz-weiss- und Farbfotografie, die ratternden Filmspuren und die verqueren, ­ungegenständlichen Installationen, wie sie auch in einem Kunstmuseum stehen könnten – will heissen: Man kann und soll sie nicht «verstehen» –, sie sind inspirierend untereinander in Beziehung gesetzt. So inspirierend, wie das selten gelingt. Kurator Thomas Seelig und die Künstler haben ganze Arbeit geleistet. «Eurasia» im Fotomuseum ist längst keine Fotoausstellung im engen Sinn mehr. Es ist eine Ausstellung konzeptueller Kunst.

Es gibt hier Fotos einer Wüstenlandschaft oder von Monumental-Architektur (von lokalen Herrschern nach der Unabhängigkeit ihrer Staaten in den Sand gesetzt. Aber nicht nur: Auch die Star-Architektin Zaha Hadid errichtete in Baku bekanntlich ein gigantöses ­Kulturzentrum). Man sieht Ruinen alter Siedlungen, Reste männlicher Ehrrettung durch Ringkämpfer im Staub oder die Eingeweide eines Offroaders (es ist jener der Künstler). Die Knochen eines Pferdes neben der Fahrbahn, von der Sonne und wilden Tieren blank geweidet. Einen Einohresel; verwundete Landschaft durch Industrie. Dann wieder kultische Gegenstände – oder doch nur Modelle kultischer Gegenstände, in Studiokulissen gesetzt oder vielleicht repatriiert in ihre ehemalige Landschaft?

«Eurasia» ist eine Assoziationsmaschine, ein Baukasten für Realität, und jeder kann sich hier nach Belieben und Ausdauer sein eigenes Bild von Zentral-asien basteln. Im Kleinformat, im Grossformat, aus Details, aus Übersichten. Hier ist die Fotografie an ihr Ende gekommen, ans Ende der Narration und der Wissenschaftlichkeit. Sie ist am Nullpunkt angelangt, am Ursprung: beim Schamanismus.

«Eurasia» zeigt schamanistische Fotografie aus der Gegenwart. Onorato & Krebs sind fotografische Schamanisten, Alchemisten, Geschichtenerfinder und Geschichtenverkäufer. Sie sind Dunkelmänner, und die Dunkelkammer ist ihr Weltlabor. In der Dunkelkammer der ­Fotografen entstehen die Märchen, die wir Realität nennen. Die Vorlage ihrer neusten Märchen sind Reisen in die entgegengesetzte Richtung von «The Great Unreal», also nach Osten. Zwischen 2013 und 2015 unternahmen die beiden Fotografen, die sich während ihres Studiums an der ZHDK in Zürich kennen gelernt hatten, mit einem Geländewagen den Roadtrip Nummer 2. «Eurasia» zieht ­davon ein Fazit als eine Art Reise­tagebuch in Fotos, Filmen und Installationen, das ich um den Mythos Osten dreht: ­Turkmenistan, Usbekistan, Kirgistan, Kasachstan, Russland und die Mongolei.

Die Crux und die grosse Chance der Idee: Während die Amerikabilder, Klischees der USA, als Rache Hollywoods in jedem westlichen Kopf kleben, ist der Osten, ist Zentralasien in unserem Schädel nicht viel mehr als eine grosse Leerstelle. Dschingis Khan, Tataren, Tatarenhüte, tatarische Küche auf heissen Steinplatten. Wissen wir mehr?

«Eurasia» ist das Bild unserer kollektiven Leerstelle, das Onorato & Krebs in gähnender Fülle unserer persönlichen Fantasie zur Verfügung stellt. «Eurasia» ist halb ethnologisches Museum (es ­arbeitet tatsächlich mit Objekten aus der Zentralasiatischen Sammlung des Ethnologischen Museums Dahlem-Berlin); und die Ausstellung ist halb auch ein Hallraum dessen, was uns unter den ­aktuell heissen Begriffen Kolonialismus, Raubkunst oder Provenienzforschung tagtäglich um die Ohren geschlagen wird.

Sagen wir es so: «Eurasia» ist ein gefundenes Fressen für alle. Für die Ethnologen, die Kulturanthropologen, die Religionswissenschaftler, die Archäologen, die Soziologen und die Psychologen. Für die Künstler sowieso – und für alle anderen, die schon immer wussten, dass Fotografie in sogenannt fernen Ländern nicht mehr als das eigene Bild im Kopf nach Hause bringt. Der Tourist als parasitäres Wesen, oder – wie der eng­lische Reiseschriftsteller Robert Byron, der schon 1933 in den wilden Orient fuhr, schrieb «Der Tourist ist einfach ein Tourist, wie ein Stinktier ein Stinktier ist, dazu da, wie eine Kuh oder ein ­Gummibaum gemolken zu werden.» ­Immerhin: «Eurasia» ist das Eingeständnis all dessen. Lost in Translation. Und dazu das Wissen, dass Realität ­immer ein Modell bleibt.

Spielerisch und ironisch

Und das ist jetzt neu? Nein, neu nicht. Aber selten wird alter Wein derart ­spassig und doch spiessig, spielerisch und selbstironisch in neuen Museumsschläuchen behauptet. In diesem Sinn sind Onorato & Krebs vielleicht doch nicht ganz so innovativ, wie es auf den ersten Blick scheint. Doch das macht nichts. Wenn Parasitentum so geistes­gegenwärtig betrieben wird wie im ­Fotomuseum Winterthur, dann sind ­wir gerne Parasiten.

Zur Ausstellung erscheint eine Zeitung mit Zusatzmaterialien. Künstlergespräch mit Onorato & Krebs: So 25. 10., 11.30 Uhr.

Parallel zur Ausstellung «Onorato & Krebs – Eurasia» laufen ab heute die Ausstellungen «Enigma. Jede Fotografie hat ein Geheimnis» im Fotomuseum sowie «Rudolf Lichtsteiner: Zum Stand der Dinge» in der Fotostiftung Winterthur. Alle drei Ausstellungen dauern bis 14.2. 2016.

Erstellt: 23.10.2015, 17:39 Uhr

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