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Erst Krieg führen, dann Bilder malen

George W. Bush malt neuerdings kriegsversehrte Ex-Soldaten. Damit übt er jene Selbstkritik, die Donald Trump so schmerzlich vermissen lässt.

MeinungPaulina Szczesniak
George W. Bush stellt der Presse sein neues Buch vor. (28. Februar 2017) Foto: Keystone
George W. Bush stellt der Presse sein neues Buch vor. (28. Februar 2017) Foto: Keystone

Es gab eine Zeit, noch nicht allzu lang her, da war George W. Bush so ziemlich der uncoolste Mensch auf dem Planeten. Man hasste ihn als Kriegstreiber, man verspottete ihn als tumbe Polit-Marionette, man lachte über den permanent dümmlich grinsenden Brezel-Verschlucker.

Und nun? Wünscht man ihn sich, mit einem Blick auf die aktuelle Besetzung im Weissen Haus, beinahe zurück. Und zwar nicht nur, weil Bush junior plötzlich nicht mehr das schlimmste aller möglichen Übel darstellt. Sondern auch, weil sich der Mann, man kann es nicht anders sagen, im Laufe seines nun achtjährigen Ruhestands zu einer Art Kultfigur gemausert hat. Auf Instagram lädt er fleissig Fotos hoch: von seiner Familie, von seinen Haustieren (gern auch mit lustigen Mützchen auf dem Kopf), von seinen Mountain-Bike-Touren. Sprich: Da lehnt sich ein Rentner nicht einfach in seinem Schaukelstuhl zurück, sondern gibt sich unerschrocken der Vita activa hin. Und den neuen Medien.

Bushs Posts werden fleissig geliked und geteilt, und zwar nicht nur von der Generation, die zu jung ist, um sich an George W., den grossen Verachteten, zu erinnern – sondern auch von jener, die ihn zwar noch mitbekommen hat, aber offenbar willens ist, einem alten Mann seine Sünden zu erlassen.

Und nun setzt Bush junior noch einen drauf – und malt. Das tut er zwar schon seit ein paar Jahren; man erinnert sich noch vage an seine ersten entsprechenden Versuche in Gestalt eines weissen Schosshündchens vor Swimmingpool-blauem Hintergrund, oder an die etwas skurrilen Ansichten des Bush’schen Badezimmers. Es folgten die – bereits öffentlich ausgestellten – Porträtgemälde seiner einstigen Co-Staatschefs wie Jacques Chirac, Felipe Calderon und Angela Merkel (alle keck mit «43» signiert, weil George W. Bush ja der 43. Präsident der USA war).

Kamen diese «Frühwerke» noch etwas ungelenk daher – es gab da ein Bild von Putin, das in seiner ockerfarbenen Flächigkeit ungut an Monchichi-Jesus, jenes viral gegangene, von einer spanischen Rentnerin verhunzte Kirchenfresko, erinnerte –, hat sich der Ex-Potus, um das Magazin «The New Yorker» zu zitieren, geradezu «drastisch verbessert». Wobei er zwar beim Porträtieren geblieben ist, sich aber mittlerweile anderen Modellen zugewandt hat: Für einen unlängst erschienenen (und sehr gut verkauften) Bildband hat Bush 98 US-Veteranen gemalt.

Und das verblüffend gut: Nicht nur hat Bush mittlerweile die Dreidimensionalität im Griff. Er hat darüber hinaus ein Gespür für Farben entwickelt, welches er kühn einsetzt. Menschliches Fleisch kann bei ihm schon mal pink oder grünstichig sein; und er kultiviert eine Grobschlächtigkeit, die durchaus ihren Reiz hat. Wenn Experten den Vergleich zu Marlene Dumas ziehen oder zu Lucian Freud, dann ohne Ironie.

«Tribut des Oberbefehlshabers»

Noch interessanter als die Maltechnik Bushs ist freilich die Botschaft des Bildbands. «Portraits of Courage», so sein Titel, wird auf dem Cover explizit als «A Commander in Chief’s Tribute to Americas’s Warriors» («der Tribut eines Oberbefehlshabers an Amerikas Kriegshelden») deklariert. Man könnte das zynisch finden: Weil der Künstler, um seine Gemäldeserie erschaffen zu können, ja erst jene Kriege anzetteln musste, in denen seine Modelle dann den Schaden an Körper und Seele nahmen, der sie porträtierwürdig machte. Man kann die Tatsache, dass sämtliche mit dem Verkauf des Buches generierten Einnahen zugunsten von Kriegsveteranen gespendet werden, aber auch als das würdigen, was sie offensichtlich sind: der Versuch Bushs, sich den Geistern zu stellen, die er rief.

Man braucht dem malenden Ex-Präsidenten nur zuzuhören, um zu erkennen, dass er seine Porträts tatsächlich als Busse versteht. Unlängst sagte er in einem Interview, die freie Presse sei für eine Demokratie unverzichtbar – und zwar, weil sie «Leute wie mich» zur Verantwortung ziehe. Stante pede schrieb ein findiger Vertreter ebendieser Presse im Zusammenhang mit Bushs neuem Bildband: «Wer malt, der ist einsam. Und wer einsam ist, der denkt nach.»

Da wünschte man sich prompt, andere mögen ebenfalls zum Pinsel greifen. Bald, bitte.

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