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«Es geht um die Lust an der Explosion im Kopf»

Olaf Breuning, Exportschlager der Schweizer Kunstszene, ist Stargast am Comic-Festival Fumetto. Im Interview spricht er über wahren Luxus und falsche Berührungsängste.

Will «nicht im Kunstghetto hocken bleiben»: Olaf Breuning, geboren 1970.
Will «nicht im Kunstghetto hocken bleiben»: Olaf Breuning, geboren 1970.
Keystone

Herr Breuning, Sie sind ein Global Player der zeitgenössischen Kunst. Was war Ihre spontane Reaktion auf die Einladung des Luzerner Comic-Festivals Fumetto? Ich war sofort begeistert! Das Fumetto hat sich längst zur grenzüberschreitenden Plattform gemausert: Da kommen zeitgenössische Künstler, denen ich mich ein wenig verwandt fühle, wie letztes Jahr David Shrigley oder dieses Jahr Dan Perjovschi. Ausserdem versuche ich seit meinen Anfängen, nicht im Kunstghetto hocken zu bleiben. Mein Motto war immer, so zu arbeiten, dass es auch kunstfernen Menschen etwas sagt. Die Künstler-Priester-Aura ist meine Sache nicht. Auch der neue konservative Trend in der Kunst, die sich puristisch und konzeptuell gibt, entspricht mir nicht. Mir entspricht das Internet: Es ebnet die Grenzen ein, jeder bloggt, jeder stellt seine Kunst ins Netz. Wir leben in einem babylonischen Zeitalter. Und ich würde behaupten: Wir sind erst jetzt richtig in der lyotardschen Postmoderne angekommen – die grossen Erzählungen, auch die der Kunstgeschichte, sind endgültig vorbei, und man wird torpediert von unendlich vielen kleinen Geschichten und Informationen. Daher finde ich Berührungsängste falsch.

Sie haben keine Berührungsängste: Sie greifen in Ihrem Werk den Alltag auf, spielen mit Trash-Genres wie dem Horror und lassen sich auf jede Form ein – Film, Fotografie, Zeichnung, Installation, Skulptur. Und ich liebe Fernsehserien! Und als Kind zog ich mir Superman- und Batman-Filme rein. Meine Kunst entsteht aus dem Fluss eines normalen, modernen Lebens, zu dem bei mir im Moment auch die Warhol-Tagebücher gehören, die ich auf meinem iPad überallhin mitnehme. Aber eben auch ein Blumentopf oder eine Schaufel. Die Schaufel sah ich in einem Laden, und sie lachte mich an: Also verpasste ich ihr Augen wie Fischli/Weiss ihren Würsten – ein Spass. Aber der Spass ist nur eine Seite. Im Film «Home II» beispielsweise lasse ich arme Kinder in Ghana nach Dollarnoten greifen wie Tauben auf dem Markusplatz nach Futter. Ich erlebe die Welt und kommentiere sie, will sie aber nicht retten: Meine Kunst ist eine Art Riesentagebuch. Mal stelle ich schwierigere Fragen, mal ist es einfach Fun.

Die Medien sprechen manchmal vom «Alltagskünstler Breuning», dann wieder vom «Horror-Breuning». Das verkennt, dass meine Kunst eine Art Selbstgespräch ist, das auf simpler Beobachtung fusst und bei dem es nur ein Tabu gibt: die Langeweile. Bestimmte Phasen wie die «Zombies» gab es schon, aber ich will nicht immer das Gleiche tun. Es geht nicht darum, ein Markenzeichen zu entwickeln, sondern um die Lust an der kleinen Explosion im Kopf.

Was heisst das? Wenn ich zum Beispiel zu einem Trödelladen gehe, kann es passieren, dass ein Objekt ein Bild auslöst, eine Assoziation in Gang setzt, irgendetwas. Ich bleibe nicht beim Readymade. Der zwingende Moment muss da sein beim Schaffen, sonst ist das Werk beliebig, egal, ob es handwerklich gelungen ist. Denn Kunst hat keinen transzendentalen Wert. Wenn ich aus Luzern zurückkomme nach New York, will ich einen kleinen Film drehen über einen Vampir, der das Leben entdeckt; und ich weiss schon jetzt: 80 Prozent der Arbeit besteht aus Langeweile, aus dem Suchen nach jenem Richtigen, Zwingenden.

Kann es etwas Zwingendes geben in der Postmoderne der vielen Geschichten? Was für eine Rolle spielen Kunst und Künstler da noch? Wir alle plätschern mit dem Strom der Informationen mit. Aber ich sehe mich als dankbares Opfer der Zeit – dankbar, weil das alles ja auch superinteressant ist! Dankbar, weil heute jeder sein eigener Kurator sein kann, also seine eigene Lebenswelt zurechtzimmern kann. Und als Künstler habe ich die Möglichkeit, ein Riesentagebuch nicht bloss zu führen, sondern es auch noch zum Geschäft zu machen. Das ist ein ungeheuerlicher Luxus. Ich bin sozusagen mein eigener Journalist mit aller Freiheit zum Experiment und habe erst noch einen Markt für meine private Zeitung. Es gibt nichts, was ich lieber wäre, lieber täte. Ich wünsche mir, in zwanzig Jahren all diese ganz unterschiedlichen Werke in einer grossen Retrospektive zu versammeln und einen roten Faden im Heterogenen zu sehen: mein künstlerisches Wollen.

Kunst als persönliche Sinnmaschine, als Lebensbewältigungsstrategie? Das bejahe ich ohne Scham.

Und die Aufgabe als Gesellschaftskritiker, als Gewissen der Nation? Was bei einem Brecht noch Avantgarde war und irgendwie echt, ist heute bloss noch Scheinheiligkeit. Wenn jemand etwas Gutes für die Welt tun will, soll er zum Roten Kreuz gehen. Wer in der Kunstszene – die in den letzten zehn Jahren noch einmal härter und kommerzversessener geworden ist – behauptet, dass ihn Geld und Anerkennung nicht interessieren, der heuchelt. Ich bekenne mich zur Subjektivität meiner Kunst und auch zu meinem Egoismus. Kreativ sein ist lustvoll. Aber dass jetzt keine verkehrten Vorstellungen aufkommen: Meine Wohnung in Manhattans Stadtteil Tribeca kann ich nur gerade so bezahlen. Ich bin kein Damien Hirst.

Sie sind in Schaffhausen geboren, haben einen Koffer in Zürich und leben jetzt in New York. Hat ein Schweizer Künstler international mehr zu kämpfen als andere? Nein, in New York auf keinen Fall. Die Stadt ist ein extrem hartes Pflaster – für alle. Die Herkunft ist egal. Es ist eine Stadt der Hoffnungen und Enttäuschungen, der Eintagsfliegen und der stillen Schaffer. Ihre Vielfalt und Lebendigkeit würde ich nicht gegen Zürichs Bequemlichkeit eintauschen wollen, trotz allem. Aber ich bin schon sehr froh, dass ich mich bereits ein Jahrzehnt hier am Markt halten kann – als Künstler, nicht als «Schweizer Künstler».

Immerhin spielen eine ganze Anzahl Schweizer Künstler international in der ersten Liga mit. Warum? Wir sind tatsächlich überproportional vertreten. Dafür gibt es, glaube ich, zwei Gründe. Zum einen ist die Kunstförderung in der Schweiz schlichtweg paradiesisch. Das weiss jeder, der sich einmal in New York oder sonst wo durchschlagen musste. Zum anderen zeichnet die grossen Schweizer Gegenwartskünstler wie Pipilotti Rist, Roman Signer, Christoph Büchel oder Fischli/ Weiss eines aus: dieser typische Humor, dieser Sinn für Ironie, diese Leichtigkeit. Selbst ein Hirschhorn tut zwar politisch, ist aber eigentlich ein Kindskopf, und das meine ich nicht böse, ich mag seine Arbeit. Und dass unsere Kunst so verspielt ausfällt, liegt an der Schweiz: Schauen Sie sich doch um!

Ein Postkartenidyll mit weissen Schiffli, blauem Himmel. Genau. Ob wir wollen oder nicht, wir sehen die Welt von einem warmen Nest aus. Wo sonst lebt es sich so komfortabel! Von aussen begreifst du: Die Schweiz ist der Countryklub der Erde – und ich finde es schade, dass man sich den mit schmutzigen Geschichten wie dem Bankgeheimnis oder dem Fremdenhass kaputtmacht und dass die Aussenwahrnehmung der Schweiz leidet. Denn aus der Countryklub-Atmosphäre schöpfen die Künstler die Kraft, einen Schritt zurückzutreten, verspielt und leichthändig zu jonglieren.

Trotzdem haben Sie nach Luzern die «grossen Fragen» mitgebracht. Sagen wir besser: die Teenager-Fragen, die Fragen nach den letzten Dingen, die mit Leidenschaft gestellt werden. Was ich mit den Exponaten kommunizieren will, ist das Wiedererwachen der Aufmerksamkeit: Wo liegt der Sinn? Wie sollen wir uns vor der Informationsflut schützen? Wo geht es hin? Vielleicht hab ich als Vierzigjähriger ja eine Midlifecrisis. Aber auch sie bekommt eine leichte Form, die sich aus meiner längeren Beschäftigung mit Schwarzweisszeichnungen entwickelt hat. Ein dünner Strich an der Wand erzählt eine ganze Geschichte. In der Reduktion steckt die Expansion. Striche sind stark.

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