Es gibt nichts Interessanteres als Menschen

In mehr als sechs Jahrzehnten schuf Stefan Moses einen einzigartigen Bilderkosmos der Nachkriegsdeutschen. Nun ist der grosse Fotograf gestorben.

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Manchmal sah man Stefan Moses in Schwabings Strassen Rad fahren, nicht rasch, aber immer ein wenig wie fliegend, mit freundlich-neugierigem Gesicht. Seit 1950 lebte er in München. Er liebte das Theater, die Schauspieler und Regisseure, Künstler und Dichter dieser Stadt. Besonders aber hatten es ihm Katzen angetan. «Wer Katzen mag, kann kein ganz schlechter Mensch sein», sagte er. Wenn er dann auf der Loggia des Schwabinger Zweifamilienhauses stand, in dem er mit seiner Frau Else Bechteler-Moses lebte, den Garten nach seiner Katze absuchte und dabei mit lichter, angeregter Stimme das Verhalten der Katze erklärte, spürte man den Wärmestrom, mit dem er das Tier umgab.

Ein Volk auf dem Filztuch

Moses hatte etwas Umarmend-Grosszügiges, weshalb die Menschen auf seinen Fotografien – nicht auf Fotos, er legte Wert aufs ganze Wort – nie abweisend, sondern erwartungsvoll sind, was der Meister gleich mit ihnen anstellen wird. Ob er sie nun vor einen dreiteiligen Toilettenspiegel setzte wie die Mitglieder der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, sodass sie gleichsam mit sich selbst ins Gespräch kommen – «jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft» –, oder ob er ihnen vorm Schneiderspiegel den Selbstauslöser in die Hand drückte wie Theodor W. Adorno und Ernst Jünger, Carl Orff, Erich Kästner und anderen, auf dass sie sich selbst fotografierten. Der «Mann Moses», wie ihn Historiker Christoph Stölzl genannt hat, beobachtete die zum Selbstbild Verführten bei der Konzentration. Oder ob er quasi ein ganzes Volk in seinen Menschen aufs graue Filztuch stellte: Schaffnerinnen etwa, Herings­packerinnen, Grubenarbeiter aus den Sechzigerjahren: die «Deutschen hier», so Moses.

Gleich nach der Wende stellte Moses dann die «Deutschen dort» aufs graue Tuch, um noch etwas von ihnen zu erhaschen, bevor es verschwand in der vermeintlichen Wiedervereinigung. In der Ausstellung «Abschied und Anfang» haben in ganz Deutschland weit über hunderttausend die Gesichter und Gestalten angesehen, die ihnen Moses fotografisch bewahrt hat. «Meine Aufgabe ist, Menschen festzuhalten, bevor sie verloren gehen.» Einst war er der jüngste Theaterfotograf Deutschlands, damals am Nationaltheater Weimar in der DDR.

Er wurde 1928 in Liegnitz, Schlesien, geboren, aber er sei noch einmal geboren worden, als er 1936 die Kamera seines Vaters, eines Rechtsanwalts und Justiziars, entdeckte. Nach der «Reichspogromnacht» 1938 zogen Mutter und Sohn nach Breslau. Doch wegen der NS-Ideologie der Nürnberger Rassegesetze galt Moses als «Halbjude», konnte die Lehre bei der bedeutenden Kinderfotografin Grete Bodlée nicht fortsetzen und kam ins Zwangsarbeitslager Ostlinde, aus dem er 1945 floh. In Erfurt traf er Grete Bodlée wieder, beendete die Lehre, arbeitete in Weimar als Bühnenfotograf. 1949 erwischte er dort – Thomas Mann.

Die Sechziger im Bild

Kurz nach Gründung der DDR übersiedelte Moses nach München und begann mit Bildreportagen für die «Neue Zeitung», «Revue», «Magnum» und von 1960 an für den «Stern». Während Kollegen die Welt bereisten, fand er: «Deutschland ist genauso exotisch wie Afghanistan oder Paraguay, überall unerforschte Gebiete!» Die Ausstellung «Stefan Moses: Blumenkinder» läutet die Erinnerung an die zum Mythos verklärten Sechzigerjahre ein. Die Fotografien erzählen von einem Lebensgefühl, das sich nur wenige in einer moralisch reglementierten Gesellschaft erlaubten.

Moses, der selten mit Farbe gearbeitet hat – erst 2017 erschien ein Farbbildband zu Peggy Guggenheim –, stellte sich auch gegen Henri Cartier Bressons Credo vom entscheidenden Augenblick, dem «moment décisif». Er sah eher den «moment fugitif», den Prozess vieler solcher Momente, wie seine «Sequenzen» zeigen: Joseph Beuys installiert eine Fettecke; Schauspieler Heinz Bennent mit Sohn David beim rätselvollen Spiel mit einem Hut im Park; das Fingertheater der sich unterhaltenden Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Moses wurde zum in Bildfolgen erzählenden Autor. Das Buch über seinen Sohn Manuel von 1967 setzte als Bildergeschichte Massstäbe. Man nannte ihn einen Konzeptualisten, da er Motive in Ideen fasste: etwa Künstler in Masken, die sie binnen fünf Minuten herstellen mussten. Und ein besonderes Augenmerk galt den Emigranten, denen Moses so liebevoll wie scharfsichtig ein Denkmal setzte.

Die Fülle seines Werkes ist gewaltig, die Vielschichtigkeit unergründlich. Will später jemand etwas über die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg erfahren, wirds jener Bilderkosmos des Stefan Moses sein, der deutsche Gesichter und Gestalten, ihre Haltungen, Gesten, ihre Scheu und ihren Stolz «gerettet» hat, dass die Nachgeborenen sich unverwechselbare Bilder von ihnen machen können. In den Morgenstunden des 3. Februar starb Stefan Moses zu Hause.

Ausstellung «Blumenkinder» bis 25. Februar im Literaturhaus München.

Erstellt: 06.02.2018, 19:40 Uhr

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Stefan Moses

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