Es lebt!

Das Zürcher Museum Rietberg zeigt erstmals Kunst aus Papua-Neuguinea. Die Schönheit hat dort in jedem Lebensbereich ihren Zweck. Doch die Kultur ist bedroht.

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Verlockend sieht die rosa Masse ja nicht aus. Eher wie dicker Kleber als wie etwas zum Essen. Und doch: Mit einem breiten Grinsen schiebt sich der kleine Bub eine Marshmallow-grosse Portion davon in den Mund, sichtlich amüsiert ob des ­Interesses, das die weitgereisten, blasshäutigen Leute dieser alltäglichen Begebenheit entgegenbringen. Mit ihren Kameras umkreisen sie den aus Palmstärke gewonnenen Sago-Brei – und schwitzen zünftig dabei, weil ihnen die Kombination aus 35 Grad Celsius und tropischer Luftfeuchtigkeit zu schaffen macht.

Es ist ein Glück, dass am Ende der Sonderausstellung «Sepik. Kunst aus Papua-Neuguinea» im Museum Rietberg eine kleine Kinoecke eingerichtet wurde, in der man dank kurzen Dokumentarfilmen für ein Viertelstündchen ins heutige Papua-Neuguinea versetzt wird. Erstens, weil einem die Füsse wehtun. So exotisch und detailreich ist alles, was man in den Räumen davor zu Gesicht bekommen hat, dass die Zeit, die man stehender- und staunenderweise davor verbringt, im Nu vergeht. Und zweitens, weil man spätestens hier begreift: Was man eben gesehen hat, ist nicht etwa Teil einer fernen Vergangenheit. Es lebt!

Ein Boot nach Mass für die Braut

Klar, die Exponate – rund 200 sind es, von teils hochkarätigen Leihgebern wie den Vatikanischen Museen, die sonst so gut wie nichts ziehen lassen – sind schon älter. Aber wenn sie nicht irgendwann von Missionaren oder Forschern nach Europa mitgenommen worden wären, stünden sie wohl noch heute im Einsatz. Und wieso auch nicht? Warum sollte der Tonkrug, der schon der Grossmutter ­gedient hat, es für die Enkelin nicht mehr tun?

Am Sepik – dem 1200 Kilometer langen Fluss, der das Gebirge Papua-Neuguineas mit dem Pazifik verbindet – hat man sich das Wegwerfen noch nicht angewöhnt. Ebenso wenig die Bequemlichkeit. Gut, an den Einbäumen bringt man heute kleine Hilfsmotoren an. Aber die Breite jedes Bootes richtet sich immer noch nach der Hüfte einer Frau: Wer heiratet, fertigt seiner Braut ein Boot nach Mass an. So wars vor hundert Jahren, und so ists noch heute. Denn ohne Boot geht in diesem tropischen Lagunenreich gar nichts.

Kein Wunder, hat man gleich beim Eingang zur Ausstellung – wo man mittels Vogelgezwitscher, Grillengezirpe und Flusswasserplätschern aus dem Lautsprecher in Sepik-Stimmung gebracht wird – eines aufgebockt. Das Prachtexemplar von einem Einbaum ist gut 6 Mann lang; 1913 kam es mit dem Anthropologen Adolf Roesicke ins Berliner Völkerkundemuseum, man musste es für den Transport in mehrere Stücke zersägen. Egal. Die Zähne des geschnitzten Krokodils am Bug machen immer noch was her.

«Form follows function – auch am Sepik»

Es ist das erste dieser Tiere in der Ausstellung, und es werden ihm in den nächsten Sälen noch einige folgen, in ­allen erdenklichen Grössen, Materialien – und Funktionen. Denn L’art pour l’art sucht man hier vergeblich. Der hübsche Schlangenkopf? Prangt am oberen Ende einer mobilen Holztreppe. Die Flach­skulptur eines spiraläugigen, dämonisch lachenden Kerlchens? Ist so geformt, dass seine Extremitäten als Haken verwendet werden können. Form follows function – auch am Sepik. Vor allem, wenn die Form, jedenfalls früher, ganz ohne den Einsatz von Metallwerkzeug geschnitzt wurde, sondern nur mithilfe von Steinmessern oder Tierzähnen.

Mühsam muss das gewesen sein. Und trotzdem mochte man offenbar nicht auf Schönheit verzichten. In sämtlichen Lebensbereichen legte man Künstlerhand an: beim Jagen (davon zeugen wunderbar verzierte Lanzen), in der Küche (wo man den täglichen Sago in prächtig bemalten Feuerschalen anrührte), sogar beim Töten: Nachhaltig gruselig ist die Begegnung mit dem mit Ton übermodelierten Schädel eines Kopfjagd-Opfers, dem sein Mörder mithilfe von eingesetzten Muschelaugen und Echthaar-Dreadlocks zu seinem ursprünglichen Aus­sehen verholfen hat. Allzu idyllisch darf man sich das Leben am Fluss also nicht vorstellen. Wer Kriegerschmuck aus den Federn des schwarzen Kasuar-Vogels tragen wollte, der musste schon mindestens einen Menschen getötet haben.

Wie man das anstellte und wie man sich, umgekehrt, vor feindlichen Angriffen schützte, lernten die Knaben früher im Rahmen einer mehrmonatigen Initiation. Heute müssen die Schulferien reichen, und allzu blutig geht es dabei auch nicht mehr zu. Nach wie vor aber werden die Buben dafür ins Männerhaus geholt, das weder von Frauen noch von kleineren Kindern betreten werden darf. Dieses jeweils schönste Haus im Dorf hat indes durchaus weibliche Attribute: Ausgestellt sind tönerne Brüste, die einst als Fassadenschmuck eines Männerhauses dienten, sowie eine Giebelstütze in Form einer Frau mit gespreizten Schenkeln. Letztere war keineswegs im Sinne eines exotischen Pin-ups zu verstehen; vielmehr unterzogen sich die eintretenden Männer dabei einer umgekehrten Geburt, bei der sie sich in den Schoss der Mutter zurückbegaben, den sichersten Ort überhaupt.

Geritzte Knabenhaut

Jedenfalls: Bis heute gilt die strikte Trennung der Aufgaben von Mann und Frau. Fischen, kochen und Körbeflechten obliegt den Mädchen; dafür müssen sie nicht die überaus schmerzhafte Tradition der Skarifizierung über sich ergehen lassen. Mit einer Rasierklinge (früher Bambusmesser) werden grossflächig Muster in Brust- und Rückenhaut der Knaben geritzt – was das Blut der mütterlichen Linie austreten lassen soll. Die verheilten Narben wiederum erinnerten an Krokodilbisse und verleihen ihrem Träger die mystische Kraft der Vorväter.

Ohne Letztere – das merkt man in der Ausstellung relativ bald – läuft am Sepik überhaupt nichts. Bis heute schlüpft die geistergläubige Gesellschaft in prächtig bunte Kostüme, um so die Präsenz der Ahnen zu symbolisieren. Bloss, dass man heute das Baströckchen anschliessend gegen ein Mariah-Carey-T-Shirt wechselt. Wie lange es die exotische Parallelwelt am Sepik noch geben wird, steht derweil in den Sternen. Am Oberlauf des Flusses soll in den kommenden Jahren eine Kupfermine in Betrieb genommen werden. Gegen den anfallenden Schlamm will man zwar Dämme bauen, und das Risiko von Zyankali-Unfällen schätzt man ebenfalls als gering ein. Sollte es dennoch zum GAU kommen, wäre die einzige Frischwasserquelle der Region zerstört. Und damit wohl auch eine jahrhundertealte Kultur.

Bis 4. 10. Katalog «Tanz der Ahnen», 352 S., ca. 64 Fr. www.rietberg.ch Parallel zeigt das Völkerkundemuseum der Universität Zürich in der Kabinett­ausstellung «Kinder im Augenblick – Fotografien vom Sepik» Bilder der Basler Ethnologin Florence Weiss. Bis 13. 3. 2016.

Erstellt: 18.07.2015, 08:21 Uhr

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