Exzessive Anständigkeit

Kunstkritiker sollten sich weniger mit dem Leben der Künstler befassen.

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Roman Polanskis neuer Film kommt in die Kinos – und sofort ist die Anklage von 1977 wegen der Vergewaltigung einer 13-Jährigen wieder in den Schlagzeilen. Ermutigt von der #MeToo-Debatte werden Forderungen nach einem Boykott des Films laut. Dabei sollte eigentlich gelten, was Samantha Geimer, Polanskis damaliges Opfer, empfiehlt: «Beurteilt den Film, nicht den Mann.»

In den Nachbeben der #MeToo-Debatte überschattet die Biografie des Künstlers zunehmend die Exegese des Werks. Es droht ein Zeitenwandel für den Umgang mit Kunst; einer, der schädliche Folgen haben könnte. Bisher nahm der Kanon der Künste keine Rücksicht auf die mitunter monströsen Abgründe im Leben von Menschen wie Arthur Rimbaud, Paul Gauguin oder Pablo Picasso. Bewertet man Kunst aber im Licht der Lauterkeit des Künstlers, dräut ein Exzess der Anständigkeit, der die Freiheit der Kunst beschneidet.


Video: Martin Ebel über die geschwollene Sprache der Kunstkritik

Das enorme politische Potenzial der Kunst offenbart sich meist nur in der Besprechungsprosa der Kunstkritiker. Video: Tamedia


Die Trennung von Person und Werk war auch eine Forderung von Feministinnen: Bücher von Frauen sollten nicht als reine Frauenliteratur gelesen werden, Bücher von Schwarzen nicht als Afro-Literatur. Natürlich zehrt jedes Werk von persönlichen Erfahrungen. Aber Roland Barthes’ Diktum vom «Tod des Autors», der Abschied von der Intention des Künstlers, könnte heute die Kunst rehabilitieren.

Die Kunstgeschichte selbst bezeugt die Erosion dieser Trennung: Fast zeitgleich mit Pop-Art wurde der Star erfunden. Seine Person erscheint mindestens so interessant wie seine künstlerische Arbeit. Das voyeuristische Infotainment geht zulasten der Kunst.Gegen das Unbehagen gegenüber Werken von Rüpeln und Verbrechern würde die Rückkehr zu einem aus der Mode gekommenen Kunstverständnis helfen: die Einsicht, dass das Werk ein Eigenleben führt und im Zweifel grösser ist als der Mensch, der es geschaffen hat. Früher glaubte man, ein Künstler müsse von Inspiration beseelt sein, um Bedeutendes schaffen zu können. Das ist kein Zurück zum genialischen Künstler, sondern eine Erinnerung daran, dass Kunst etwas Erhabenes ist. Etwas, das den genauen Blick lohnt und die genaue Lektüre – des Werks, nicht der Künstlerbiografie.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.05.2018, 20:58 Uhr

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