Grosse Klappen

Der Zürcher Jazzsaxofonist Christoph Irniger zapft seine musikalische Energie bei den grossen US-Vorbildern. Jetzt legt er mit seiner Band Pilgrim ein kraftstrotzendes Livealbum vor.

«Das Tenorsaxofon ist ein Ventil für mich»: Christoph Irniger. Foto: Sabina Bobst

«Das Tenorsaxofon ist ein Ventil für mich»: Christoph Irniger. Foto: Sabina Bobst

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Irgendwann fallen einem die riesigen Hände von Christoph Irniger auf. «Tenorsaxofonisten-Hände», lacht er. Aber auch sonst wirkt der 37-jährige Zürcher Jazzmusiker mit der markanten Halbglatze massiv mit seinen 1,90 Meter Grösse. Wen wunderts also, dass er sein Tenorsaxofon richtig heftig und physisch zu spielen vermag – wie auf «Big Wheel Live», dem neuen Livealbum seines Quintetts Pilgrim. Kraftvoll singen lässt Irniger sein Instrument in tiefen ­Lagen, jubilieren in hohen.

Zwar kennt Irniger poetische Seiten – mit samtweichem Ton haucht er auch schon mal eine fragile Notenfolge. Und doch fällt zuallererst die frappierende Energie auf, mit der er und überhaupt seine Band spielen – Pianist Stefan Aeby, E-Gitarrist Dave Gisler, Kontrabassist Raffaele Bossard und Schlagzeuger Michi Stulz. Hört man die Eröffnungsnummer «Entering the Concert Hall» möchte man Entern übersetzen mit Erobern oder Einmarschieren: Gefangene werden nicht gemacht. Furchtlos wirkt die Musik. Genauso kompromisslos wie das tiefe, kraftvolle Tenorsaxofon spielt die Rhythmusgruppe: Da sind die akzentuierten Begleitakkorde, die harten Schläge des Schlagzeugs.


Christoph Irniger Pilgrim Live in Berlin

Bald hört man in dieser Konzertaufnahme auch ekstatische Zwischenrufe von Drummer Michi Stulz. Und das ist keine Pose. Die Musiker sind selber hingerissen von dem, was sich hier musikalisch spontan ereignet. Und wie dieses Quintett mit den Energien spielt, wie sich die Musiker gegenseitig antreiben, inspirieren, im freien Energiestrom zusammenfinden und die Musik ins Explosive treiben: Das ist am besten amerikanischen Jazz etwa eines Wayne Shorter geschult; in solch sprühender Hochenergetik kannte man das bislang kaum von Schweizer Jazzmusikern.

Mit demselben Punch nun, mit dem Christoph Irniger spielt, treibt er auch seine musikalische Laufbahn voran. Der Zürcher verkörpert einen erfolgreichen Typus eines Schweizer Jazzmusikers der mittleren Generation, wie zum Beispiel auch Stefan Rusconi, Tobias Preisig, ­Lucas Niggli oder Nils Wogram: Sie alle arbeiten hart und sind geschickt in der Vernetzungsarbeit. Diese international agierenden Instrumentalisten lassen die immer noch kolportierten Bilder des Jazzmusikers als armen Tropfs vom Rande der Gesellschaft als überholte Klischees erscheinen.

Auch Christoph Irniger: Der dreifache Familienvater wohnt im Stadtzürcher Seefeld. Er hat, wie er sagt, einen «gut geregelten» Job als Saxofonlehrer an der Musikschule Konservatorium Zürich MKZ, der ihm Spass macht und der ihm das nötige regelmässige Einkommen gibt, sodass er sich sonst ganz seiner eigenen Musik widmen kann.

Lernen und Zittern in New York

Die Jahre seit 2006, nach dem Abschluss seiner Jazzstudien an den Musikhochschulen von Zürich und Luzern, seien für ihn «sehr glücklich verlaufen», erzählt er. Dank der Förderung durch die Pro Helvetia habe er sich international in Stellung bringen können, auch für dieses Jahr seien nur schon wieder vier Festivalauftritte in Skandinavien gebucht. Wichtig sei auch sein Zürcher ­Label Intakt.

Ein wichtiger Bezugspunkt seiner Karriere ist aber auch New York. Hier lernte er bei diversen Aufenthalten wichtige Musiker kennen – vor allem den Schlagzeuger Nasheet Waits: «Bei der ersten Probe mit ihm zitterte ich, als ich mein Saxofonblättlein am Mundstück justierte», erinnert sich Irniger. «Später spielte ich mit ihm auf der grossen Bühne am Jazzfestival Willisau. Die New Yorker Jazzmusiker sind handwerklich extrem gut; sie kennen die ganze Spieltradition ihrer Instrumente und erfüllen ihre Funktion innerhalb der Band präzis. So haben sie auch das Selbstvertrauen, nicht allzu perfektionistisch an neue Stücke heranzugehen – sie bringen oft nur Skizzen mit zu den Proben. Dies, während wir Zürcher Jazzer fertig ausgestaltete Kompositionen mitbringen zu müssen meinen.»

Gerade dieses Skizzenhafte in den musikalischen Vorgaben, dieses gewollt Nicht-Absichtsvolle ist für Irnigers eigene Band, eben das Pilgrim-Quintett, entscheidend geworden. Die grösste Inspiration ihrer Musik sei der Miles Davis der Sechzigerjahre, sagt Irniger. Wie Davis’ zweites Quintett frei musizierte, über wenigen Materialien und aus dem Moment heraus, frappiert ihn, und daran orientiert er sich: «Wenn jemand bei Pilgrim spontan in eine unerwartete Richtung geht, lassen wir anderen uns darauf ein. Es geht darum, alles anzunehmen.»

Die Gefühle müssen raus

Und so hinterlässt in dieser Gruppe folgerichtig auch jeder einzelne Musiker als Individuum seine Spuren und seine Echos. Vor allem der Gitarrist Dave Gisler spielt Töne aus, die weder ein Miles Davis noch ein Wayne Shorter so kannten oder kennen. In «Ending at the District» kreiert Gisler zarteste, silhouettenhafte Klanggespinste. Da ist ein Hauch von Brian Eno und seiner elektronisch-ambientalen Musik erkennbar. Die Gitarre klingt, als spiele sie in schier unendlichen Hallräumen.

Doch manchmal mag es Dave Gisler auch deftig rockig: In «Falling II» verschreddert er die Klänge, laut und trashig. Und natürlich, diese Farbe ist auch Irniger nahe, dem Kraftbündel mit den grossen Tenoristen-Händen. Im letzten Stück des Albums, «The Kraken», in dem sich all die Klangfarben, die Pilgrim zur Verfügung stehen, verschränken, feiert Irniger die Töne hymnisch ab. Er skandiert, schleudert, schreit sie aus sich ­heraus in bester Coltrane- und Shorter-Tradition. «Ich bin ein emotionaler Mensch», sagt Christoph Irniger. «Das Tenorsaxofon ist auch ein Ventil für mich. Und es ist befreiend, dass man es so laut und so wild spielen kann.»


Christoph Irniger Pilgrim: Big Wheel Live (Intakt).

CD-Taufe: Mittwoch, 25. Januar 2017, 19.30 Uhr, Jazz im Seefeld, Zürich; Doppelkonzert mit Christian Wolfarth solo. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2017, 18:18 Uhr

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