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Hasenhasser im hohen Gras

Die fünfte Skulpturen-Biennale im Weiertal bietet zwischen Wasserzauber und Märli-Telefon auch politische Botschaften.

Paulina Szczesniak
Makabre Inszenierung: Marianne Engel drapiert vergoldete Hühner- und Hasenkadaver vor einer Mini-Kirchenfassade und nennt das Ganze «Wie der Wind kommt mit dem Schatten» (2017). Bild: Samuel Schalch / Tages-Anzeiger
Makabre Inszenierung: Marianne Engel drapiert vergoldete Hühner- und Hasenkadaver vor einer Mini-Kirchenfassade und nennt das Ganze «Wie der Wind kommt mit dem Schatten» (2017). Bild: Samuel Schalch / Tages-Anzeiger
Eveline Cantieni hat Bündner Wurzeln – und drum ein «Deckeli» mit Bündner Stickerei fabriziert, das die Verkleinerungsform nun wirklich nicht verdient. «My Home is My Castle» (2017).
Eveline Cantieni hat Bündner Wurzeln – und drum ein «Deckeli» mit Bündner Stickerei fabriziert, das die Verkleinerungsform nun wirklich nicht verdient. «My Home is My Castle» (2017).
Samuel Schalch
Eigentlich arbeitet Yves Netzhammer mit Videos. Für seinen Einsatz im ländlichen Weiertal griff er aber mal auf Bodenständigeres zurück. «Einbildungsvorrat» (2017).
Eigentlich arbeitet Yves Netzhammer mit Videos. Für seinen Einsatz im ländlichen Weiertal griff er aber mal auf Bodenständigeres zurück. «Einbildungsvorrat» (2017).
Samuel Schalch
Die eine Hälfte des Kunstwerks «Contradictory Complicities» (2017) haben die Künstlerin Monica Ursina Jäger und der Produktdesigner Michael Zogg beigesteuert. Für die andere Hälfte sorgt das Weiherwasser.
Die eine Hälfte des Kunstwerks «Contradictory Complicities» (2017) haben die Künstlerin Monica Ursina Jäger und der Produktdesigner Michael Zogg beigesteuert. Für die andere Hälfte sorgt das Weiherwasser.
Samuel Schalch
Thomas Hirschhorn wäre nicht Thomas Hirschhorn, hätte er bei seinem Einsatz an der Biennale auf Klebeband verzichtet. Diesmal musste ein Pick-up dran glauben. «Made in Tunnel of Politics» (2010). © 2017, ProLitteris, Zürich
Thomas Hirschhorn wäre nicht Thomas Hirschhorn, hätte er bei seinem Einsatz an der Biennale auf Klebeband verzichtet. Diesmal musste ein Pick-up dran glauben. «Made in Tunnel of Politics» (2010). © 2017, ProLitteris, Zürich
Samuel Schalch
Richtig schön retro ist Mia Diener unterwegs – und lässt uns unterm Apfelbaum ein ganz besonderes Märchen hören. «Das Vermächtnis vom Weiertal» (2017).
Richtig schön retro ist Mia Diener unterwegs – und lässt uns unterm Apfelbaum ein ganz besonderes Märchen hören. «Das Vermächtnis vom Weiertal» (2017).
Samuel Schalch
Subtiler gehts nicht: Die Künstlerzwillinge huber.huber haben einen goldenen Kuhdraht unter Strom gesetzt. «Midas» (2017).
Subtiler gehts nicht: Die Künstlerzwillinge huber.huber haben einen goldenen Kuhdraht unter Strom gesetzt. «Midas» (2017).
Samuel Schalch
Wie macht man aus einem lauschigen Rinnsal einen bedrohlichen Strom? Zum Beispiel, indem man, wie Gregor Frehner, ein paar Beton-Bomben hineinlegt. «Feuer frei!» (2017).
Wie macht man aus einem lauschigen Rinnsal einen bedrohlichen Strom? Zum Beispiel, indem man, wie Gregor Frehner, ein paar Beton-Bomben hineinlegt. «Feuer frei!» (2017).
Samuel Schalch
Nicht nur zum Sehen, vor allem auch zum Hören ist Maya Bringolfs Installation mit mechanisch «beatmeten» Orgelpfeifen. «Trondheim» (2017).
Nicht nur zum Sehen, vor allem auch zum Hören ist Maya Bringolfs Installation mit mechanisch «beatmeten» Orgelpfeifen. «Trondheim» (2017).
Samuel Schalch
Ist die «Schonzeit» schon vorbei, liebe Ilona Ruegg? (2017)
Ist die «Schonzeit» schon vorbei, liebe Ilona Ruegg? (2017)
Samuel Schalch
Olga Titus gehört zu den – noch – weniger bekannten Künstlern der diesjährigen Skulpturen-Biennale. Das dürfte sich bald ändern: Unlängst hatte sie eine Einzelausstellung in der Kunsthalle Winterthur. «Oh My!» (2014).
Olga Titus gehört zu den – noch – weniger bekannten Künstlern der diesjährigen Skulpturen-Biennale. Das dürfte sich bald ändern: Unlängst hatte sie eine Einzelausstellung in der Kunsthalle Winterthur. «Oh My!» (2014).
Samuel Schalch
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Herrje! Hat jemand den Osterhasen abgemurkst? Jedenfalls sieht das, was da vor uns im hohen Gras liegt, wie der Tatort eines Ritualmordes aus, begangen von einem Osterhasser mit Hang zur dramatischen Inszenierung: Zwei tote Rammler, beide vergoldet, wurden vor einer Art Mini-Kirchenfassade auf dem Boden drapiert, gerahmt von einer Handvoll fluoreszierender Pilze. Rund um dieses schräge Arrangement wurde ein Gitter hochgezogen, gewissermassen als Trennlinie zwischen Kunst und Natur. Und das ergibt durchaus Sinn, schliesslich ist das Ganze Teil einer ­Ausstellung mit dem Titel «Refugium». Es geht also um Zufluchtsorte, und solche definieren sich nicht zuletzt dadurch, dass sie sichere Zonen von unsicheren abgrenzen.

Wo aber ist es sicher, dies- oder jenseits des Zauns? Wenn man sich die toten Hasen von Marianne Engel so ansieht, ist das gar nicht so eindeutig. Und wenn man dann noch weiss, dass die Künstlerin hier auf Marlen Haushofers dystopischen Kultroman «Die Wand» anspielt, in dem eine Frau das zweifelhafte Glück ereilt, die einzige Überlebende einer Kata­strophe zu sein, dann läuft das Assoziationskarussell – Schicksal! Glaube! (Umwelt-)Politik! – erst recht rund.

Hirschhorn und Pipilotti

Dabei wird zweierlei klar. Erstens: Die Kunst, die uns hier vorgesetzt wird, legt das vorgegebene Motto erfreulich ambivalent aus. Zweitens: Maja von Meiss’ Skulpturen-Biennale im Winterthurer Weiertal hat in der fünften Ausgabe gesundes Selbstbewusstsein ent­wickelt. Gastkuratorin Kathleen Bühler, sonst verantwortlich für Zeitgenössisches am Kunstmuseum Bern, kam, sah und krempelte um. Jedenfalls ein bisschen: Weniger Werke als in den Jahrgängen davor sind zu sehen; dafür solche, die nicht nur hübsch im Garten aussehen, sondern auch mal unbequem sind. Das tut gut an diesem Ort, der mit seinen saftigen Endloswiesen und sattgelben Rapsfeldern wie ein kleines, von der Welt da draussen unberührtes Paralleluniversum anmutet.

Es gibt hier sogar Kabeltelefon, und das erst noch unterm Boskoop-Apfelbaum: Wer sich einen der roten Hörer ans Ohr drückt, kriegt – wie früher auf der Bank, als Mami und Papi Erwachsenenkram abwickelten – die (leicht schaurige) Geschichte von Peter und den Weiertal-Moorwesen vorgelesen.

Also, was denn nun? Märchenstunde oder Komplexkunst? – Beides! Das ist ja gerade das Schöne an dieser Open-Air-Schau. Dass sie zwar Hirnfutter bietet – aber eben als Sahnehäubchen einer lauschigen Fahrt ins Grüne.

Schön, wenn solche taufrischen Werke einer nachdrängenden Künstlergeneration die ihrer Idole locker an die Wand spielen.

In den besten Momenten verschmilzt das eine gar mit dem anderen, etwa da, wo Monica Ursina Jäger und Michael Zogg – sie Künstlerin, er Produktdesigner – einen filigranen Polyeder im Gartenteich driften lassen, beziehungsweise nur dessen obere Hälfte; die untere wird durch die Wasserspiegelung «herbeigehext». Oder da, wo die Künstlerzwillinge huber.huber einen goldglänzenden Kuhdraht unter Strom gestellt haben (und wem fällt die Parallele zu Marianne Engels goldenen ­Hasen auf?).

Beides ist entzückend unprätentiös, für den Ort massgeschneidert und obendrauf politisch: Der Polyeder taucht im realen Leben als Gerippe von Schutzzelten in Katastrophengebieten auf, und die Botschaft des helvetisch-goldenen Abgrenzungsdrahtes ist ohnehin unmissverständlich.

Schön, wenn solche taufrischen Werke einer nachdrängenden Künstlergeneration die ihrer Idole locker an die Wand spielen. Thomas Hirschhorns auseinandergesägter und mit Klebeband (was sonsts?) zusammengeflickter Pick-up beim Ausstellungseingang kann getrost weiter dort draussen parkiert bleiben. Und Pipilotti Rists in den Obstkeller hineinprojizierte Videoaufzeichnung einer Geburt (nichts für Zartbesaitete!) ist zwar bestechend präsentiert – man schaut sie sich auf einem Kissen kniend und durch ein kleines Fensterchen lugend an, die kühle, urige Kellerluft in der Nase –, aber mit Entstehungsjahr 1992 so etwas wie der Methusalem unter den gut zwei Dutzend Exponaten.

Auch, aber nicht nur wegen Pipilotti sollte man übrigens möglichst gegen Abend ins Weiertal hinausfahren. Wenn die Nacht sich anschleicht, kommen nicht nur die ausgestellten Videoarbeiten am besten zu Geltung. Auch über die restliche Kunst legt sich ein Schleier der Dunkelheit: das Refugium der Nacht.

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Vernissage heute Freitag 18 Uhr. Bis 10. September. Kulturort Weiertal, Rumstalstr. 55, Winterthur. www.skulpturen-biennale.ch

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