Hell die Kunst, dunkel ihre Geschichte

Lange wurde sie erwartet, nun ist die Ausstellung zur Sammlung Gurlitt im Kunstmuseum Bern endlich eröffnet.

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Im Innenbereich der Ausstellung ist es dunkel. Fast fühlt man sich wie in einer Dunkelkammer der Geschichte. In Glaskästen erzählen Dokumente von der Instrumentalisierung der Kunst durch ein Unrechtsregime. Und vom Lebensweg des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der als junger Museumsleiter ein Advokat der Kunstmoderne war und später einen Pakt mit dem nationalsozialistischen Teufel einging. Auf Stellwänden sind grobkörnige Fotos aufgezogen; in einer Vitrine ist ein grosses Blatt ausgebreitet, auf dem schwungvoll ein über mehrere Generationen zurückreichender Stammbaum aufgezeichnet ist.

1936 bewarb sich Hildebrand Gurlitt um die Aufnahme in die Reichskammer für bildende Kunst. Er erhielt wegen einer jüdischen Grossmutter die Ein­stufung «Mischling 2. Grades». Verfolgt wurde er deshalb aber nicht. Im Gegenteil: Er machte eine erstaunliche Karriere und avancierte zum «Verwerter» von «entarteter Kunst» im Auftrag des NS-Regimes.

Im Ausstellungsbereich zur Familie Gurlitt steht auch das gewichtigste Objekt der Schau: der massive Metallschrank mit den schmalen Schubladen, in denen Hildebrands Sohn Cornelius in seiner Münchner Wohnung jahrzehntelang Papierarbeiten aufbewahrte. Dutzende Aquarelle, Druckgrafiken, Holzschnitte und Zeichnungen lagerten hier in schützender Dunkelheit.

Raum für ästhetische Qualität

Aussen dagegen, im kunsthistorischen Teil der Ausstellung, ist es hell. Die Wände sind leuchtend weiss, die Werke in Gruppen angeordnet: von der Berliner Secession über die Maler der Brücke, den Blauen Reiter bis zu Spät­expressionismus und Verismus.

Ab 2. November zu sehen: 150 Gemälde aus der Sammlung Gurlitt im Kunstmuseum Bern. (Video: SDA)

Diese szenografische Lösung leuchtet ein. Sie ist die Antwort auf eine Herausforderung, die Nina Zimmer, Direktorin von Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee, so beschreibt: Den Kunstwerken müsse Raum gelassen werden, ihre ästhetische Qualität solle nicht durch eine historische Einordnung überlastet werden. «Uns war es wichtig, dass die Werke der Künstler, die teils auch Opfer nationalsozialistischer Verfolgung waren, nicht zur Illustration historischer Ereignisse eingesetzt werden», sagt Zimmer. Gemeinsam mit Nikola Doll, Leiterin Provenienzforschung im Kunstmuseum, mit Sammlungsdirektor Matthias Frehner und mit dem Basler Historiker Georg Kreis bildet sie das vierköpfige Kuratorenteam.

In der lang erwarteten Ausstellung erzählt das Quartett nun die Geschichte der «entarteten Kunst», also der von den Nazis verfemten Moderne – während die morgen in Bonn eröffnende Schwesterausstellung auf den NS-Kunstraub und dessen Folgen fokussiert.

Das Kunstmuseum Bern sei der richtige Ort

In Bern liegt der Fokus zum Beispiel auf Ernst Ludwig Kirchner, der 1938 freiwillig aus dem Leben schied. Im Jahr davor waren über 600 Werke des Künstlers, der seit dem Ersten Weltkrieg in Davos lebte, als «entartete Kunst» aus deutschen Museen entfernt und ins Ausland verkauft oder zerstört worden. Wolfgang Henze, international renommierter Kirchner-Experte, zeigt sichtlich begeistert auf die Farblithografie «Stadtbahnbogen in Berlin» aus dem Jahr 1915, dann auf den Holzschnitt «Akt mit schwarzem Hut» aus dem Jahr 1912: «Wunderbar. Das ist grandios!» Er sei sehr froh, dass diese Arbeiten nun in Bern seien, sagt Henze. Das Kunstmuseum Bern sei der richtige Ort für sie: «Sie sind eine Bereicherung für den eh schon starken Expressionismusschwerpunkt in der Sammlung.»

Die Arbeiten Kirchners gehören ebenso wie die rund 150 weiteren nun in Bern gezeigten Werke zum Konvolut «Entartete Kunst» der Sammlung Gurlitt. Von den insgesamt rund 550 Werken dieser Kategorie wird der grösste Teil, da keine Raubkunst, definitiv im Kunstmuseum Bern bleiben.

Geschichte veranschaulichen

Nun sind diese Werke nicht nur erstmals öffentlich zugänglich. Eingelöst wird auch der Anspruch, ihre Geschichte anschaulich zu machen. Dies geschieht allerdings weniger in der – in ihrer strikten Zweiteilung mitunter gar brav wirkenden – Ausstellung als vielmehr in der angeschlossenen «Werkstatt Provenienzforschung»: Hier wurden auf Tischen drei Fallbeispiele ausgebreitet: erstens eine Strassenszene von Kirchner, zweitens ein Landschaftsbild von Louis Gurlitt, Cornelius’ Urgrossvater, drittens das Aquarell «La montagne Sainte-Victoire» von Paul Cézanne, das wegen der laufenden Prüfung der Ansprüche der Familie des Künstlers vorerst in einer Kopie präsentiert wird.

Diverse Dokumente zu diesem Werk Cézannes sind hier versammelt, die Rückseite des Bildes gibt keine Aufschlüsse über seine Herkunft. Ein Ausstellungskatalog aus Lyon, wo das Bild 1939 ausgestellt war, ist eine Art letztes Lebenszeichen vor seinem Verschwinden – dann klafft eine Provenienzlücke. Wie genau das von den Forscher am Zentrum für Kulturgutverlust in Magdeburg als «unbedenklich» eingestufte Bild in den Besitz von Hildebrand Gurlitt gelangte, ist nicht klar. Bekannt ist nur: Auf der Suche nach Devisen und Edelmetallen öffneten die deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkriegs auch systematisch Bankschliessfächer. Und ein Dokument legt nahe, dass auf Befehl Hermann Görings die «Sicher­stellung» der Wertsachen bei der Familie Cézanne aufgehoben wurde: Paul Cézanne war aus deutscher Optik «Arier». Wahrscheinlich verkaufte sein Sohn das Bild während des Krieges an Hildebrand Gurlitt, welcher im besetzten Frankreich für das geplante «Führermuseum» in Linz auf Einkaufstour war.

Bis 4. 3. 2018. Die Schwesterausstellung «Bestandesaufnahme Gurlitt: Der NS-Kunstraub und die Folgen» läuft bis zum 11. 3. 2018 in der Kunsthalle Bonn. Sie wird danach in Bern gezeigt.

Erstellt: 01.11.2017, 22:50 Uhr

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