«Hier sein. Kaffee trinken. Ein Buch lesen. Etwas produzieren»

Was macht eigentlich Thomas Hirschhorn? Wir trafen den bekannten Schweizer Künstler. Er erzählte von seinen weltweiten Aktionen und Interventionen, und wir notierten mit.

Thomas Hirschhorn in seiner Ausstellung «Flamme éternelle» im Palais de Tokyo 2014 in Paris. Foto: Getty

Thomas Hirschhorn in seiner Ausstellung «Flamme éternelle» im Palais de Tokyo 2014 in Paris. Foto: Getty

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«In Saskatoon, dem Hauptort von Saskatchewan in Kanada, führte ich letztes Jahr auf Einladung des Direktors des neuen Museums Remai Modern einen Critical Workshop durch, der typisch ist für meine künstlerische Arbeit. Im Vordergrund stand das gegenseitige Lernen voneinander. Der Titel hiess: ‹What I can learn from you. What you can learn from me›.

Es ging nicht darum, dass man zu mir kommt, um von mir Malen oder Zeichnen zu lernen. Die Leute sollten eine Kompetenz, die sie haben, mit mir teilen – auf Englisch ‹to share›. Jemand teilte etwa seine Fähigkeit des Pfeifens, ein anderer zeigte, wie man Papierflieger macht, ein Dritter erzählte von seinen Erfahrungen, die er als Soldat gemacht hatte.

Besonders viele Teilnehmer waren Mitglieder der First Na­tions. Zahlreiche Besucher haben von ihren Erfahrungen in den sogenannten Residential Schools berichtet, das sind internatartige Schulen, die ausschliesslich von Kindern der kanadischen Ureinwohner besucht werden. Oft sprachen diese Vertreter der First Nations über ihre Schwierigkeiten mit Alkohol und Drogen. Auch von Gewalt, besonders sexueller Gewalt, war oft die Rede.

Durch diesen Workshop wurde ich mit einer Geschichte konfrontiert, die ich als universell bezeichnen möchte. Ich ging nicht dorthin als Ethnologe, auch nicht als Therapeut, sondern als Mensch, der sich für die Kompetenzen anderer Menschen interessiert. Ich war überrascht, wie wichtig es für viele Leute ist, ihre Erfahrungen zu teilen.

Denk- und Arbeitsraum

Auch ich habe von meiner Lebenserfahrung erzählt. Einmal waren es 10, ein andermal 20, manchmal auch 30 Leute, die sich im Museum versammelten. Insgesamt kamen 417 Menschen in diese Workshops. Mit solchen Aktionen im Museum geht es mir um eine Ausweitung der Museumsarbeit. Einmal stellte ich die Frage, was die Besucher von einem Museum denn erwarten. Einer sagte: ‹I want to be welcomed.› Das ist mir geblieben. Er wollte also nicht die beste Kunstausstellung sehen oder berühmte Kunstwerke, sondern willkommen geheissen werden. Für mich ist das ein sehr wichtiger Input für jedes Museum. Ein anderer sagte: ‹I want the museum shows me why it does exist.›

Ich habe im Museumsraum, der mir zur Verfügung stand, den Boden, die Wände und das Licht mit Packpapier und Klebestreifen verändert und sogar Stützen eingebaut. Aus dem White Cube ist so ein Denk- und Arbeitsraum entstanden. Ich habe auch Möbel hineingestellt, Werkzeug herbeigeschafft und Material, mit dem man etwas schaffen kann.

Ich nenne diese Einbauten Skulpturen. Mein Skulpturenbegriff ist prekär und zeitlich limitiert. Das heisst, die Skulptur ist präsent während der Zeit, in der ich mich an diesem Ort aufhalte. Es geht mir bei diesen Skulpturen aber nicht um das Objekt, deshalb brauche ich auch nicht den Begriff «Installation», sondern um die Erfahrungen, die ich in diesen Skulpturen mit anderen Menschen teile. Es geht um Intensität, um die ganz wenigen Momente, die ich als Momente der Grazie bezeichnen möchte, unplanbare Momente, die durch das Zusammenkommen von ganz verschiedenen Menschen und Energien entstehen.

Ein Beispiel: In Saskatoon kam eine Frau, die über ihre Erfahrungen in den Residential Schools sprach. Unter den Zuhörern befand sich eine Klasse von 12- bis 14-jährigen Schülern. Sie sassen wie versteinert da, als diese Frau erzählte. Trotz der deprimierenden Erlebnisse, die angesprochen wurden, war es ein wunderschöner Moment, der mit Sicherheit allen Anwesenden in Erinnerung bleiben wird.

Da ich die Leute ja eingeladen habe, bat ich das Museum, von den Besuchern keinen Eintritt zu verlangen, sondern sie zu bezahlen. Das Museum hat jedem, der kam, 100 kanadische Dollar bezahlt, das sind 75Schweizer Franken. Für mich war das ein Ausdruck der Wertschätzung für die Teilnehmer, die mit ihren Erfahrungen ja wesentlich zum Gelingen beitragen sollten.

Für meine Arbeit habe ich eine Guideline entworfen, die ‹Presence and Production› ins Zentrum rückt. Ich kann das im öffentlichen Raum machen. Das Bataille-Monument an der Documenta11 im Jahr 2002 war mein erstes Präsenz- und Produktionsprojekt. Dann kamen das Musée Précaire in Albinet und das Spinoza Festival in Amsterdam.

Ich habe aber auch gemerkt, dass ich diese Kunstaktionen in einem Museum machen kann. Zum Beispiel war ‹Swiss-Swiss Democracy› im Centre Cultu­relle Suisse in Paris 2004 ein Präsenz- und Produktionsprojekt. Das Gleiche gilt für ‹Flamme éternelle› im Palais de Tokyo 2014 oder für Saskatoon. Bei diesen Museumsprojekten geht es darum, ein nicht exklusives Publikum ins Museum zu holen, also die Menschen vor Ort einzubeziehen. Wichtig ist dabei immer, dass der Eintritt gratis ist. Im Idealfall wäre das Museum auch rund um die Uhr offen. Ich schaffe mit meinen Arbeiten eigentlich immer das Modell eines Museums der Zukunft.

Welcome-Team statt Wärter

In München und in Shanghai laufen gegenwärtig Ausstellungen von mir, bei denen ich nicht selbst präsent bin. Ich habe in der Villa Stuck und im Ming Contemporary Art Museum die Bedingungen geschaffen dafür, dass die Leute kommen und wiederkommen und etwas produzieren. Der Eintritt ist frei, und die Ruinenskulpturen sollen die Leute dazu animieren, etwas zu schaffen und kreativ zu werden. Es hat also Material und Werkzeuge. Das alles wurde von den Museen zur Verfügung gestellt. Mit der Museumsruine spiele ich übrigens auf Antonio Gramsci an, der einmal schrieb: ‹Destruction is difficult. Indeed it is as difficult as creation.›

Man soll in diese von mir geschaffene Museumsruine hineinkommen. Hier sein. Kaffee trinken. Ein Buch lesen. Etwas produzieren. Der öffentliche Raum soll ins Museum hinein verlängert werden. Heute wird ja in unseren Städten der öffentliche Raum immer mehr beschnitten. In London werden sogar die Parks privatisiert. Es muss alles effizient und rentabel werden. Vielleicht könnte ja dasMuseum die Funktion des öffentlichen Raums übernehmen? Das Museum ist voller Kunst, was mir sehr gut gefällt. Ich habe übrigens erreicht, sowohl in München wie in Shanghai, dass dort keine Wärter meine Kunst bewachen, sondern ein Welcome-Team die Besucher begrüsst.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.01.2019, 17:39 Uhr

Thomas Hirschhorn

Der 1957 in Bern geborene Thomas Hirschhorn ist einer der weltweit bekanntesten Schweizer Künstler. Mit einer Kunstaktion im Pariser Centre Culturel Suisse, bei der er einen Schauspieler auf ein Bild von Christoph Blocher pinkeln liess, brachte er 2004 die Schweizer Politik in Rage; das Parlament kürzte der Kulturstiftung Pro Helvetia zur Strafe den Kredit um eine Million Franken. 2018 wurde Hirschhorn mit dem Prix Meret Oppenheim ausgezeichnet, dem bedeutendsten Kunstpreis, den die schweize­rische Eidgenossenschaft zu vergeben hat. (hm)

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