Hommage an eine Tanzlegende

Der Starchoreograf Marco Goecke hat in Zürich bereits «Deer Vision» und «Petruschka» gezeigt. Nun feierte sein erstes abendfüllendes Stück «Nijinski» umjubelte Premiere im Opernhaus.

Es geht nicht um Lebensdaten in Marco Goeckes Choreografie «Nijinski», sondern um Kreativität. Bei der Zürcher Premiere tanzte Jan Casier (Mitte) die Titelrolle. Foto: Carlos Quezada

Es geht nicht um Lebensdaten in Marco Goeckes Choreografie «Nijinski», sondern um Kreativität. Bei der Zürcher Premiere tanzte Jan Casier (Mitte) die Titelrolle. Foto: Carlos Quezada

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«Letztlich geht es doch immer nur um mich», antwortete Marco Goecke kürzlich beim «Ballettgespräch» im Opernhaus auf die Frage, was ihn bei seiner Choreografie über das Leben der Tanzlegende Vaslav Nijinski (ca. 1889–1950) inspiriert habe. Der deutsche Starchoreograf kokettiert: Sicher, ein sensibler Künstler agiert immer aus sich selbst heraus, aber Goeckes «Nijinski» orientiert sich auch überraschend genau an der Biografie des russischen Tänzers, die hier bis in die kleinsten Bewegungselemente ihren Widerhall findet.

Das 2016 von Gauthier Dance in Stuttgart uraufgeführte Erfolgsstück feierte nun seine Zürcher Premiere, erstmals zu Livemusik: Der Schweizer Pianist Adrian Oetiker und die Philharmonia Zürich spielten unter der Leitung des Bulgaren Pavel Baleff Chopins Klavierkonzerte Nr. 1 und 2 sowie Debussys «Prélude à l’après-midi d’un faune» – zudem Vaslav Nijinski 1912 seine erste eigene Choreografie entwickelt hatte. Es war sein erster Ballettskandal.

Nijinski war nicht nur ein herausragender und ausserordentlich charismatischer Tänzer, er war auch ein Suchender, ein Erneuerer, dessen unverhohlen erotische Bewegungen das Publikum entzweiten. Bei der Uraufführung seines «Sacre du printemps» zur Musik von Igor Strawinsky sogar so sehr, dass es noch während der Premiere zu Schlägereien im Parkett kam.

Akustisches Gemälde

Einem Erneuerer des Tanzes könne man nur begegnen, indem man selbst nach Neuem suche, sagt Marco Goecke. Gut, dass trotzdem viel Bekanntes geblieben ist. Goeckes grossartige Musikalität zum Beispiel, die im Zusammenspiel mit der hochsensiblen Interpretation des Pianisten und des Orchesters zum akustischen Gemälde heranwächst, in dem die sattsam bekannten Werke eine ganz neue Dramatik entfalten. Sie scheinen eigens dazu komponiert worden zu sein, Nijinskis ebenso dramatischem Leben zu entsprechen.

Auch Marco Goeckes fahrige und gleichzeitig so exakte Bewegungssprache ist geblieben: Die nervös flatternden Hände, die hilflos kreisenden Arme, die rastlos zuckenden Schultern dieser getriebenen Gestalten schaffen eine gehetzte, beklemmende Atmosphäre. Wie bereits früher und doch deutlich lauter lässt Goecke seine Tänzerinnen und Tänzer atmen, zischen, lachen oder sogar schreien. Und der Tänzer Mark Geilings flüstert die wichtigsten Stationen aus Nijinskis Biografie in ein Mikrofon.

In zehn Bildern erfahren wir von diesen Stationen. Der Abend führt von der Ballettschule in St. Petersburg über die grosse Karriere bis zu Nijinskis Liebschaften, seiner Heirat und schliesslich tief in den Wahnsinn hinein, in die Einsamkeit und den Tod. Dabei steht der Tänzer immer im Mittelpunkt und oft auch allein auf der Bühne. Jan Casier, der kurzfristig für den verletzten Esteban Berlanga eingesprungen war, meisterte die Titelrolle bravourös.

Folter und Umarmung

Anders als in Marco Goeckes bisher in Zürich gezeigten Stücken dominieren die Soli und tänzerischen Zwiegespräche. Sie zeigen Nijinskis enge und gleichzeitig von Disziplin und Gehorsam geprägte Beziehung zur Mutter (Irmina Kopaczyska), seine Freundschaft zu Isajew (Yannick Bittencourt) und vor allem die Hassliebe zum grossen Impresario Sergei Djagilew (William Moore), der sein Entdecker, Mentor und Liebhaber war. Und nach Nijinskis überraschender Heirat mit Romola de Pulszky (Mélanie Borel) auch sein enttäuschter, erbitterter Feind.

Marco Goecke geht es dabei nicht um Lebensdaten, sondern um ein Gleichnis und Gefühl. Da sind die Höhenflüge des Erfolgs weniger wichtig als die Unfassbarkeit der Kreativität, dargestellt durch Katja Wünsche als Terpsichore. Oder auch das Janusgesicht des Wahns (Elena Vostrotina), das mit seiner wirren Dunkelheit erschreckt, aber gleichzeitig zur Heimat werden kann.

Diese Doppelsichtigkeit ist in jeder Szene des rund 80-minütigen Stücks spürbar. Ganz wunderbar, wenn beispielsweise die Arme der Tänzerkollegen zu Ballettstangen mutieren, an denen das tägliche Training zur Folter, aber auch zur liebevollen Umarmung werden kann. Kunst und Kreativität können beflügeln – aber sie laugen ihre Schöpfer auch aus. Und wenn die Titelfigur gegen Ende in goldenen Cowboystiefeln und im galoppierenden Takt der Musik über die Bühne tippelt, meint man den legendären Satz zu hören, den Nijinski vor genau hundert Jahren bei seinem allerletzten Bühnenauftritt in St. Moritz gesagt haben soll: «Das Pferdchen ist müde.» Das Publikum ist es nicht und spendet begeistert Beifall.

Informationen zum Stück und den nächsten Aufführungen finden Sie hier.

Erstellt: 11.03.2019, 10:04 Uhr

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