«Ich arbeite nicht für die Ewigkeit»

Das Kunstmuseum Bern eröffnet Miriam Cahns Ausstellung «Ich als Mensch». Ein Besuch bei der Künstlerin im Bergell.

Jetzt hängen ihre Bilder an den Wänden des Kunstmuseums Bern. Miriam Cahn zeichnete früher ihre Werke am Boden – es waren Kreidebilder in Schwarzweiss. Foto: Adrian Moser

Jetzt hängen ihre Bilder an den Wänden des Kunstmuseums Bern. Miriam Cahn zeichnete früher ihre Werke am Boden – es waren Kreidebilder in Schwarzweiss. Foto: Adrian Moser

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Miriam Cahn ist eine Grosse der Schweizer Kunst. Aufgewachsen in der Familie eines klassischen Archäologen und Antikenhändlers in Basel, arbeitet sie jetzt im Bergell. Die 70-Jährige holt uns ab an der Busstation in Stampa. Es ist Mittag, sonnig und kalt, die Strasse ist geräumt. Sonst überall Schnee.

Das Atelierhaus ist ein zur Strasse hin fensterloser Betonkubus mit 20 mal 30 Metern Grundfläche. Immerhin, auf der Hinterseite gibt es Fenster. Der Bau besteht aus drei Räumen. Der grösste ist beinahe quadratisch. An seinen Wänden stehen Hunderte von Bildern. Sie wenden dem Besucher die Rückseite zu. Von den zwei kleineren Räumen dient einer als Lager für Papierarbeiten, der andere als Wohnraum. Spartanische Einrichtung. Küche, Bett, WC, Dusche und eine Bücherwand.

Sie ist weltweit gefragt

Die Ausstellung geht auf Tournee: Auf die Berner Premiere folgt im Sommer das Haus der Kunst in München, dann die Krischanitz-Kunsthalle in Warschau. Cahns Kunst ist weltweit gefragt. An jedem Ort werden ­andere räumliche Verhältnisse herrschen, wird anders gehängt. «Es ist die gleiche Arbeit in einem anderen Rahmen», sagt Cahn. «Wie die Interpretation eines klassischen Musikstücks, jedes Mal anders, aber doch irgendwie gleich.»

Dann überrascht sie mit einer brüsken Bemerkung: «Sobald ein Werk verkauft ist, ist es für mich gestorben.» Wie das? «Ich kann es dann nicht mehr verwenden. Mit den Bildern, die hier im Atelier stehen oder bei meinen ­Galeristen, wo sie ja bloss in Kommission sind, lebe ich. Auf diese Bilder kann ich immer noch zugreifen.»

Sie spricht von ihrer Bewunderung für Picasso. Einmal habe Picasso seine Bilder in einer ­Kirche ausgestellt. Ganz schnell ging das. «Heute würde man performativ sagen. Viele Bilder hatten keine Rahmen. Die Hängung war unregelmässig. Er hat etwas Eigenes gemacht. Das ist der Punkt. Heute dagegen sehen wir in den Museen überall Leih­gaben. Was ja auch absurd ist, heute, wo alle reisen. Oft ist die Hängung steril. Grosse Abstände zwischen den Bildern sind von den Versicherungen gewünscht. Picasso würde sich einen Bruch lachen.»

Sie sagt, das Thema sexuelle Übergriffe in unserer Gesellschaft sei noch lange nicht erledigt.

In ihrem Atelier zeigen die Bilder ihre braune Rückseite. Sie stehen hintereinandergestapelt. An der linken Wand befinden sich Bilder für Madrid, an der rechten für Bregenz. Alles ist vorbereitet für diese beiden Ausstellungen, die unabhängig von den Berner, Münchner und Warschauer Schauen geplant sind. «Es ist gut, dass meine Bilder da sind», sagt Miriam Cahn, «aber sie sollen mich nicht tagtäglich anschauen.»

Miriam Cahn malt seit ihrer Jugend. «Für mich entsteht Kunst im Moment, in dem ich mich hinsetze oder auch hinstehe und das mache, was ich dann machen muss.» Bilder malen ist für sie eine Art Performance, sagt sie immer wieder. Sie arbeitet meistens zwischen 12 und 15 Uhr. ­Natürlich braucht das Disziplin. «In meinem Fall ist aber auch die Abgeschiedenheit wichtig, das Emeritenhafte. Ich kann nur allein und mit höchster Konzentration ein Bild machen. Aber, warum wollen immer alle wissen, wie so ein Bild entsteht?»

Jetzt sind wir bei #MeToo. Sie sagt, das Thema der sexuellen Übergriffe auf Frauen sei in unserer Gesellschaft noch überhaupt nicht erledigt. Aber #MeToo sei bloss ein Auslöser für ihre Bilder. Denn es seien immer mehrere Themen, die zu einer bestimmten Arbeit führen würden. Sarajevo, Abu Ghraib, 9/11: welthistorische Einschnitte der letzten Jahrzehnte, die sie aufgewühlt haben.

Die Politisierung

«Als Künstlerin habe ich das ­Bedürfnis, diese Ereignisse zu kommentieren. Sie sind ein Einschnitt in unsere Selbstgefälligkeit», sagt Cahn. «Dass ich so reagiere, hat mit den 60er- und 70er-Jahren zu tun. Da konnte einer wie Andy Warhol Kunst ­machen, und gleichzeitig traten Frauen wie Ulrike Rosenbach, Valie Export, Friederike Petzold auf den Plan, was etwas völlig Neuartiges war. Eine Einzelgängerin wie Meret Oppenheim war mir dagegen nie Vorbild.»

Für Cahn war 1975 die Besetzung von Kaiseraugst, wo man ein Atomkraftwerk hatte bauen wollen, der eigentliche Auslöser ihres politischen Denkens. Schon in ihrer Kindheit war die Atombombe ein Thema, ihre Eltern haben gegen die atomare Bewaffnung der Schweizer Armee demonstriert. Dann sah sie Alain Resnais’ Film «Hiroshima mon amour» (1959). «Noch heute finde ich die Atombombe schön und zugleich absolut schrecklich.»

Immer wieder knallt die Boxerhand in ein Gesicht

Im Gegensatz zu den Atombomben hat Cahn nie Bilder vom Foltergefängnis Abu Ghraib im Irak gemalt. Sie hat aber einen Text dazu geschrieben, der im Buch zur Ausstellung abgedruckt ist. Am Anfang erinnert sie darin an die Künstlerin Valie Export, die 1968 den Kunsthistoriker Peter Weibel wie einen Hund an der Leine durch Wien geführt hatte. «Auf den Fotos, wo die Soldatin Lynndie England in Abu Ghraib einen Gefangenen an der Leine hat, haben wir die gleiche Geste. Es ist die Umkehrung einer Machtsituation, die normalerweise den Mann an den Schalthebeln zeigt. Wenn es gespielt ist, kann man das machen. Wenn es Folter ist, dann geht das nicht. Es ist die Ambivalenz einer Geste, die mich interessiert.»

In ihren neueren Bildern zeichnet Miriam Cahn oft eine Boxerhand, die auf ein Gesicht knallt. Für sie sei das eine Gestik, bei der sie noch nicht genau wisse, was sie bedeute. Manchmal boxe eine Frau, manchmal ein Mann, der auch noch ein erigiertes Glied habe. Vielleicht masturbiert er vor ihr? «Das gibt es tonnenweise in den tollen Ehen, die in unserer Gesellschaft geführt werden», sagt sie. «Das Bild zeigt das, was dargestellt ist. Aber dahinter sind noch ganz andere Geschichten, darum ist mir auch das Textbuch zu dieser Ausstellung so wichtig.»

Zwei Stunden pro Bild

Früher zeichnete Miriam Cahn ihre Bilder am Boden, Kreide­bilder in Schwarzweiss, die mit vollem Körpereinsatz entstanden. Dann bekam sie Rückenschmerzen. Also begann sie, mit Öl zu malen. «Sobald man etwas an der Wand hat, ist das ganz etwas anderes», sagt sie. Damit in den Ölbildern die gleiche Energie steckt wie in ihren Kreidearbeiten, malt sie in ihrem Atelier auch die ganz grossen Bilder in einem geradezu unheimlichen Tempo. Ein bis zwei Stunden pro Bild. In Bern ist das grösste Bild, das sie je gemacht hat, zu sehen, 5 mal 2,5 Meter. 

Dann sprechen wir über Ewigkeit in der Kunst. Miriam Cahn ist das Thema zuwider. «Nach meinem Tod werden die Sachen, wenn ich Glück habe, weiterhin verkauft. Wenn nicht, habe ich halt Pech gehabt. Ich arbeite jedenfalls nicht für die Ewigkeit. Ich bin auch kein grosser, heldenhafter Männerkünstler. Wenn Maler wie Baselitz oder Lüpertz hinstehen und sagen, sie arbeiteten für die Ewigkeit, dann sage ich: Da lachen ja die Hühner.»

Miriam Cahn: «Ich als Mensch», Kunstmuseum, Bern, bis 16. Juni.

Erstellt: 21.02.2019, 18:33 Uhr

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