«Ich schliesse nie aus, dass Kunst glücken kann»

Im kommenden Sommer wird die Manifesta Zürich verwandeln. Leiter Christian Jankowski über Zeitdruck, Anfängerfehler, Zürichs Badis und die schwierige Suche nach einem Soldaten.

«Ich habe mich Zürich von originellen Perspektiven her genähert» – Manifesta-Leiter Jankowski auf Streifzug im Kreis 5. Foto: Giorgia Müller

«Ich habe mich Zürich von originellen Perspektiven her genähert» – Manifesta-Leiter Jankowski auf Streifzug im Kreis 5. Foto: Giorgia Müller

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Wie viel Zeit haben Sie schon in Zürich verbracht?
Wenn ich alle Tage zusammenrechne, bringe ich es auf einige Monate. Die Phase der grossen Präsenz hier in Zürich, wo man die Kunstpflänzchen wird wachsen sehen, liegt aber noch vor uns. Immerhin: Die Samen sind bereits in der Erde, manche keimen auch schon.

Das klingt so, als hätten Sie von der Stadt noch nicht viel gesehen . . .
Im Gegenteil – ich habe mich der Stadt einfach von originellen Perspektiven her genähert, weil ich oft dabei war, wenn «unsere» Künstler ihre Hosts kennen lernten. Ich war schon beim Hundefriseur, sowohl bei der Stadt- als auch bei der Kantonspolizei, beim Bootsbauer Stämpfli . . .

Typisch Zürich für Sie ist . . .?
Das kristallklare Wasser, durch das man etwa in der Limmat meterweit in die Tiefe sieht. Und die vielen Zunfthäuser in der Altstadt, die mich zu «meiner» Manifesta-11-Idee mitinspiriert haben – zusammen mit der spirituellen Präsenz des Überkurators Harald Szeemann, der mit seiner Agentur für geistige Gast­arbeit zahlreiche Spuren in künstlerischen Geistern hinterlassen hat, so auch in meinem.

Der «Spiegel», der Sie bei den Vorbereitungen zur Manifesta begleitet, schrieb: «Jankowski spürt den Druck von allen Seiten.» Wer macht Druck?
In erster Linie die Zeit. Ich merke, wie viel Zeit schon verstrichen ist, wie viele Reibungsverluste es gab, weil man diskutiert und verhandelt hat, über das Konzept, das Vorgehen, die Bedingungen . . . Da bin ich aber auch selbst schuld. Als Anfängerkurator musste ich erst lernen, irgendwann zu sagen: «Stopp, es hat sich ausdiskutiert und auskalkuliert, jetzt wird einfach mal gemacht.»

Sie drohten im Vorfeld, nichts und niemand in Zürich würde vor der Manifesta sicher sein. Wie weit sind Sie mit Ihrer Offensive?
Meine «Drohung» bezog sich darauf, dass die Manifesta, wie ich sie mir ausmale, nur durch die Teilnahme der Zürcher realisiert werden kann. Bis jetzt läuft es beinahe widerstandslos: Fast jeder potenzielle Gastgeber, den wir angefragt haben, sagte innerhalb kürzester Zeit zu. Der einzige Korb, den wir kassiert haben, kam vom Schweizer Militär.

Mit welcher Begründung?
Erstens sei es eine Kostenfrage. Zweitens wolle man nicht allzu dominant auftreten, weil das eine Bedrohungslage vermitteln könnte. Ich habe aber noch nicht aufgegeben. Schliesslich besteht kein Zweifel, dass Kunst im Militär eine lange Tradition hat, es gibt ganze Museen, die sich dieser Beziehung widmen. Also frage ich: Wo finde ich einen tapferen Schweizer Soldaten für die Kunst? Melde dich bitte freiwillig, die Manifesta ist kein Himmelfahrtskommando!

Das Hauptstück der Manifesta sind die sogenannten Joint Ventures, Kollaborationen zwischen Berufsleuten und Künstlern. Wo kann man die so entstandenen Arbeiten ab Juni 2016 besichtigen?
Bei den Gastgebern, den diversen Arbeitswelten. Alle neuen Kunstwerke zeigen wir in diesen Satellitenstellen, die überall in der Stadt verteilt sind, zudem sieht man aber auch ein Pendant dieses Kunstwerks in den Sälen des Löwenbräus und des Helmhauses.

Dort wird die Hauptausstellung zum Thema Arbeit installiert sein. Was gibt es dort zu sehen?
Eine Abfolge von Wunderkammern, die sich wie Module zwischen die ­ neuen Produktionen schieben. Die Kammern bestehen aus bereits existierenden Werken.

Welche Werke werden das sein?
Ich träume etwa von den Politikerporträts, gemalt von George W. Bush. Er hat ja Putin, Berlusconi, Merkel, sich selbst und viele andere porträtiert. Sie würden wunderbar in unsere Themenkammer «Portraits of Professions» passen.

Wie spielen die Joint Ventures mit der Hauptausstellung zusammen?
In der Hauptausstellung findet die spielerisch-didaktische Auseinandersetzung mit den Themen statt, die in den Joint Ventures praktisch eine Rolle spielen.

Wird diese Verschränkung auch sichtbar gemacht?
Ja, in den Dokumentar- und Kunstfilmen, die von den Filmstudenten der ZHDK begleitend gedreht werden. Sie gehorchen einem von mir aufgestellten Dogma. Dieses habe ich Jean-Luc Godard gezeigt, und er sagte: «C’est très bien» – für mich ein Ritterschlag!

Und diese Filme werden in Zürcher Kinos gezeigt?
Nicht in den Kinos, sondern auf dem Zürichsee, im sogenannten Pavillon of ­Reflections, der gemeinsam mit Architekturstudenten der ETH um den Lehrstuhl von Tom Emerson entwickelt wird. Es ist eine mobile Struktur, die sich auch auf dem Wasser bewegt.

Eine schwimmende Plattform? Eine Anspielung an die Expo.02?
Nein, die Idee dazu entstand während meiner ersten Recherchen in Zürich. Die hiesigen Badeanstalten sind für mich ein Sinnbild der Stadt. Hier treffen sich alle in der Badehose, ohne Insignien ihrer Stellung in der Arbeitswelt.

Könnte es sein, dass Ihr Ansatz vom grossen Publikum nur bedingt nachvollzogen werden kann?
Vielleicht. Aber ich wurde dazu bestellt. Um meine künstlerische Sicht in eine Gesamtschau zu überführen.

Der polnische Künstler Artur Zmijewski hat auf diese Weise die Berlin-Biennale 2012 kuratiert. Mit dem Resultat, dass kaum jemand verstanden hat, was er wollte.
Ich glaube nicht, dass diese Gefahr besteht. Wir arbeiten ja auf ganz vielen Ebenen, mit Schülern, Berufsleuten, das ist sehr lebensnah. Wir werfen dem Publikum die Bälle zu. Und – vergessen wir nicht – über die Berlin-Biennale wurde zumindest viel diskutiert.

Ihre Ansätze sind experimentell, fast spielerisch. Ist es nicht zynisch, heiter Kunst zu machen, während Menschen im Mittelmeer ertrinken?
Darüber denke ich auch viel nach. Man kann allerdings Kunst auch dazu missbrauchen, so zu tun, als ob man sich mit den Themen beschäftigen würde, und es in Wahrheit gar nicht tun. Gerade bei solchen wichtigen Themen ist die künstlerische Qualität enorm wichtig.

Wie messen Sie diese Qualität?
Da gibts keine starren Kriterien. Aber ich schliesse nie aus, dass Kunst glü-cken kann.

Erstellt: 29.09.2015, 19:00 Uhr

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«No risk, no fun» lautet die Devise des 1968 in Göttingen geborenen Christian Jankowski. Das gilt sowohl für sein eigenes Kunstschaffen – für das er schon mal, statt seine Videos, Fotografien und Installationen ins Museum zu karren, sämtliche Museumsangestellten ihre Rollen tauschen lässt und dies dann zur Ausstellung erklärt – als auch für seinen ersten grossen Auftritt als Kurator. Jankowski ist Professor an der Kunstakademie in Stuttgart und pendelt zwischen Berlin, Hamburg und New York. (psz)

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