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«Ich suche nach Bildern, die nicht spontan ins Auge springen»

Robert Bösch gilt als Legende der Bergfotografie. Nun ging er auf Reisen und fand andere Sujets, zu sehen an der Photo Schweiz.

Christoph Heim
Die Welt steht kopf: Am Hafen von Marseille. Foto: Robert Bösch, Switzerland
Die Welt steht kopf: Am Hafen von Marseille. Foto: Robert Bösch, Switzerland

«Schreiben Sie bitte nicht, dass es mein Ziel ist, schöne Fotos zu machen», sagt er, als wir uns auf dem Busbahnhof von Oberägeri verabschieden. Es ist ein wunderbarer Wintertag. Kein Schnee zwar, aber doch einigermassen kalt. Die tief stehende Sonne bringt die Oberfläche des Ägerisees zum Funkeln.

Atemberaubend ist die Aussicht aus dem Wohnzimmer des Hauses von Robert Bösch, das sich unmittelbar am Ufer des Sees befindet. Wir sitzen am grossen Tisch, und meine Augen wandern hin und her zwischen dem berühmten Bergfotografen, der nach eigenem Bekunden im Moment keine Bergfotos mehr machen will, und der hinreissenden Landschaft vor seiner Haustür.

Robert Bösch ist eine Legende der Bergfotografie. Er ist einer der Besten. Zum Fotografieren kam er über das Bergsteigen. Inzwischen ist er 65 Jahre alt. Seine Geschichte klingt fast wie ein Märchen. Trotzdem gab es auch in seinem Leben unzählige Rückschläge. Der Übergang vom Extrembergsteigen zum Berufsfotografieren war alles andere als einfach.

Fotografie nach der Bergfotografie

Es brauchte Jahre, bis Bösch sein Handwerk so weit entwickelt hatte, dass er damit zufrieden sein und auf dem Markt der Sport- und Werbefotografie bestehen konnte. Er hat es geschafft. Und im Abstand von zwei Jahren publizierte er Fotobände, in denen er das Beste vom Besten zusammenstellte.

«Mountains» hiess sein Opus Magnum, das 2018 erschienen ist. «Aus den Bündner Bergen» war der zweitletzte Band, der 2016 erschien. Den Anfang einer inzwischen auf 16 Bücher angewachsenen Bibliothek machte 1988 das Buch «Faszination Schnee».

Wohnquartier in Tel Aviv, Israel. © Robert Boesch
Wohnquartier in Tel Aviv, Israel. © Robert Boesch

Er sagt: «Wenn mich Greenpeace damit beauftragt, eine Reportage über die Verschandelung der Schweizer Berge zu machen, dann liefere ich ihnen die entsprechenden Bilder. Wenn der Tourismusverband von Graubünden von mir eine Fotostrecke will, dann bekommt er von mir, was er sich wünscht. Ich bin der Meinung, das Bild allein ist noch keine Botschaft, es wird erst mit der Bildunterschrift, der Bildlegende zu einer.»

Ihm ging es nie darum, sozialkritische Fotografie oder Propaganda zu machen, er war ganz einfach immer auf der Suche nach dem guten, dem ausgezeichneten Bild. Und das ist, wenn man seine Bildbände durchblättert, nicht das Porträt oder die Grossaufnahme, sondern die Totale, das Panorama, die grossartige Landschaft und der darin oft erstaunlich kleine Mensch. Und da kommen einem sofort die Stichworte Demut vor der gewaltigen Natur in den Sinn, Bewunderung. Robert Bösch hat am liebsten, wenn man Respekt sagt.

Das besondere Etwas

Da sehen wir den Extremsportler Ueli Steck, der als roter Winzling in einer mächtigen, sich über zwei Buchseiten erstreckenden Eiswand emporklettert. Oder den Piloten samt Hängegleiter, der vor einer prächtigen Bergkette schwebt und dabei mit seinem Stoffflügel nur ganz kurz und spielerisch gekonnt die Oberfläche eines Sees berührt. Der Pilot hängt dabei waagrecht in der Luft, sodass sich sein Körper exakt vor einem weissen Schneefeld als schwarze grafische Fläche abzeichnet.

Es sind Bilder, bei denen hält man einfach die Luft an. Was für ein Zufall, was für ein Moment, was für Kontraste! Für Bösch sind es solche Momente, die aus einem guten Bild ein ausgezeichnetes machen. Bilder, die das besondere Etwas haben, das sie aus dem Erwartbaren heraushebt in eine Sphäre der Exzellenz. Manche dieser Bilder hat der Fotograf minutiös vorbereitet. Bei anderen bat er den beteiligten Sportler um zahlreiche Wiederholungen, bis das Bild schliesslich gelang. Wieder andere entstehen als Schnappschuss.

Wohnwagen im Schnee. Edlibach, Zug. © Robert Boesch
Wohnwagen im Schnee. Edlibach, Zug. © Robert Boesch

«Nach meinem letzten Buch ‹Mountains› fiel ich in ein Loch. Ich hatte das Gefühl, dass ich alles erreicht habe. Dass ich bis an die Grenzen gegangen bin und dabei alles ausgereizt habe. Ich habe immer experimentiert. Habe versucht, noch mehr Momentum ins Bild zu bekommen. Ich konnte mir nach ‹Mountains› nicht vorstellen, wie weiter.»

Er machte weiter. Bösch führt mich in sein Studio im ersten Stock, das er als Büro bezeichnet. Wir sitzen vor einem Computerbildschirm. Er klickt durch das Bildmaterial, aus dem sein neuestes Buch, das im Herbst erscheinen soll, gemacht sein wird. Es sind Bilder aus Namibia und Kenia, aus dem Jemen und aus Israel, aus Dubai, Spanien, Marseille und vom Ägerisee.

Sie sind zu Hause entstanden und auf seinen Reisen, die er in den letzten Jahren unternommen hat. Es sind mit wenigen Ausnahmen keine Bergbilder, sondern Bilder von Städten und aus der Wüste, von Bäumen und von Tieren, von Menschenmassen und vom Fernsehbildschirm, vom Mond oder vom Sternenhimmel.

Auf der Suche nach dem Momentum

Entstanden ist das meiste ohne grosses Gepäck, oft bewusst aus der Hand fotografiert, damit etwa der rötliche Mond eine lebendige Unschärfe erhält. Oft musste der Fotograf nur aus dem Auto aussteigen, um etwa die Metallstrukturen einer Salzraffinerie am Roten Meer zu fotografieren. Manchmal übte er tagelang, bis sich Passanten in einem verspiegelten Vordach genau so gruppierten, wie das nur der Zufall schafft. Das Tüpfelchen auf dem i ist aber die Möwe, die bei diesem Bild, das am Hafen von Marseille entstanden ist, unter dem Spiegelbild vorbeifliegt.

Vielleicht kann man es so beschreiben: Der Bergfotograf hat sich für seine Karriere nach der Bergfotografie gar nicht total neu erfinden müssen. Es sind jetzt einfach andere Motive, in denen er dasselbe findet, was ihn früher schon an der Fotografie begeisterte. Es geht ihm um Wirkung, Authentizität, Irritation. Bösch spricht neuerdings vom Auf-der-Welt-sein-mit-der-Kamera: «Ich zeige eigentlich nichts, ich mache einfach Bilder, die für mich stark sind dadurch, dass sie aus dem Zusammenhang herausgerissen wurden und so fotografiert sind, dass nicht mehr genau fassbar ist, was sie sind.»

«Es geht bei der Fotografie, die ich meine, um den richtigen Ausschnitt, und den finde ich im Moment, in dem ich abdrücke. Wie oft habe ich mir später gewünscht, ich hätte die Kamera nur ein bisschen mehr nach links oder nach rechts gehalten. Wenn ein Foto zu einem Bild werden soll, geht es um den Ausschnitt und das Momentum. Dabei sind mir die Regeln in Sachen Bildaufbau ziemlich egal. Das Bild wird ja sowieso erst dann spannend, wenn es diese Regeln durchbricht. Ich suche immer nach Bildern, die nicht spontan ins Auge springen.»

Bitte keine Sonnenuntergänge!

Das lässt sich ein Stück weit auch im Ausschlussverfahren beschreiben: Sonnenaufgänge und -untergänge, die er in seinen ersten Jahren gerne fotografierte, meidet er. Es ziehe ihn auch nicht nach Island, erzählt er, weil diese Landschaften zu fotogen seien und schon unzählige Male aufgenommen wurden.

Es darf also gerne etwas sein, das herausfordernder ist. Eine Situation, die erst durch das Auge des Fotografen zum Bild wird. Ein flimmerndes Fernsehbild etwa, das er in seinem Hotelzimmer in Pamplona gesehen hat, während unten auf der Strasse die Stampede vorbeipreschte. Die bunten Kleider der Menschen werden darauf zu einem Bild, das von einem Impressionisten gemalt sein könnte.

Davos, Graubünden, Schweiz; SLF Weissfluhjoch.
Davos, Graubünden, Schweiz; SLF Weissfluhjoch.

Wenn Schönheit also Harmonie bedeutet, dann ist das Robert Böschs Sache nicht. Wenn es aber darum geht, die Wirklichkeit so ins Bild zu setzen, dass sie nicht ins Fiktionale, Traumhafte oder Romantische abrutscht, sondern aussergewöhnlich wird, dann ist Bösch voll dabei. Und wenn das Ganze dann wie bei den neuen Fotos ab Fernseher, bei einer Inhouse-Skiarena in Dubai mit ihren spiegelnden Fensterflächen oder einfach beim Blick in das Geäst der grossen Weide vor seinem Fenster am Ägerisee sogar ins Abstrakte kippt, dann umso besser.

Robert Bösch im Gespräch mit Res Strehle, dem ehemaligen Chefredaktor des «Tages-Anzeigers»: Mein Leben zwischen Berg und Bild. 13. Januar, 19 Uhr. Die Veranstaltung ist eine Medienpartnerschaft des «Tages-Anzeigers» und kostet für Abonnenten 25 Fr. statt 45 Fr. Eintritt. (inkl. Werkschaueintritt: CHF 35.– statt 45 Fr. )

Der Anlass findet im Rahmen der Fotoausstellung Photo Schweiz statt, die bis 13. Januar in der Stage-One-Halle an der Elias-Canetti-Strasse 146 in Zürich stattfindet.

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