Im Reich des Luxus und der Moden

Die Art Basel Hongkong ist der wichtigste Marktplatz in Asien für die globale Kunstindustrie. Für Marc Spiegler, Chef der Art Basel, ist die diesjährige Messe die beste, die er bis jetzt veranstaltet hat.

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Sie hat sich sofort verliebt in die goldene Vitrine von Damien Hirst. Das Schmuckkästchen heisst «Sorrowful» und zeigt ungefähr 100 Diamanten vor einem Spiegel – so, dass sich die Zahl der Preziosen verdoppelt. Fabriziert wurde das Teil von der Werkstatt des britischen Künstlers für Kunden, denen es wichtig ist, dass Kunst nicht nur Bedeutung hat, sondern materiellen Wert.

Sie: Das ist ein kaum 15-jähriges Mädchen, das sich mit seinem Papa an der Art Basel in Hongkong auf einem Rundgang befindet. Pechschwarzes langes Haar, puppenhaftes Gesicht, rot geschminkter Schmollmund und eine Garderobe aus Luxusturnschuhen, roter Strumpfhose und einem ebenfalls roten Lackjupe. Die weisse Jacke ist von Chanel, was grosse rote Lettern verraten. Und selbstverständlich fehlt auch das rot gelackte Lederhandtäschchen nicht. Wir schätzen, als wir diese Szene beobachten, dass die Kleidung dieses Kindes, das als Kunstprodukt so gut in die Kunstwelt der Kunstmesse passt, mehrere Tausend Franken gekostet hat.

Schon eilt eine langbeinige Kunsthistorikerin mit ihrem Tabletcomputer von Apple herbei, zeigt dem wohl kaum 40-jährigen, sportlich gekleideten Vater – Sneakers gehören in der Welt der potenten Kunstkäufer ebenso zum Standard wie der im Fitnessclub trainierte Körper – die Preisliste und erklärt ihm Wert und Bedeutung des Werks. 

Zufriedene Händler

Wir befinden uns beim Stand von Gagosian, dem wohl grössten der ganz grossen Kunsthandelshäuser, und haben uns aus Gründen der Diskretion vom Feld gemacht, bevor der Kauf der Vitrine abgeschlossen wurde. Beim Weggehen werfen wir noch einen Blick auf eines der monumen­talen Baselitz-Gemälde, wie sie von der Fondation Beyeler vor zwei Jahren gezeigt wurden: auf schwarzem Grund zwei zu weissen Schemen geronnene menschliche Figuren. Kopfüber, wie bei Baselitz üblich. Über den Köpfen der Menschenmenge, die sich im Stand der Galerie tummelt, sind nur Unterschenkel samt Füssen dieser Figuren zu sehen. Das Bild trägt den ironischen Titel «Wir sind es 1958», gemalt 2018.

Verkauft? Preis? Gagosian spricht gegenüber der Presse nicht über Preise. Andere Galerien an der Art Basel Hongkong, an der unbestritten grössten und wichtigsten Kunstmesse Asiens, sind transparenter. Hauser und Wirth meldet unter anderem den Verkauf eines Mark Bradford für 2 Millionen US-Dollar. Annely Juda fand für eine Fernsehinstallation von Nam June Paik einen Käufer, der 600'000 US-Dollar hinblätterte. Die Lissan Gallery konnte einen Lee Ufang für 300'000 Dollar verkaufen. Auch die Pace Gallery konnte mit ­diesem chinesischen Künstler 300'000 Dollar erzielen, wobei ihr teuerstes Bild vom Japaner Yoshitomo Nara stammt und einem Sammler 650'000 Dollar wert war.

Alles in allem herrscht bei den Händlern schon am Ende des ersten Tages eine ausgezeichnete Stimmung. Die Galerien aus dem asiatischen Raum haben sehr gut verkauft. Für sie ist die Art Basel Hongkong die Mutter aller Messen. Auch die international agierenden Megagalerien können sich durch Wachstum und Marketing auf diesem Markt, der längst industrielle Dimensionen angenommen hat, hervorragend behaupten. So stellt der jüngste Kunstmarktbericht der UBS (Hauptsponsorin der Art Basel in Hongkong) fest, dass Kunsthandelshäuser mit Umsätzen zwischen 10 und 50 Millionen US-Dollar die besten Resultate erzielten, während am unteren Ende des Markts, unter 250'000 Dollar, die schlechtesten Ergebnisse erzielt worden seien.

Die Millionäre aus China wenden sich vorwiegend dem Bekannten zu.

Inzwischen sind es wohl zehn dieser Grossgalerien, die in Hongkong eine eigene Niederlassung pflegen und Galerieräumlichkeiten unterhalten. Wenn man etwa das Vierteljahresprogramm der Galerie von David Zwirner betrachtet, dann macht er mit seinen 13 Ausstellungen in New York, London und Hongkong jedem Museum Konkurrenz. 

Es gehe im modernen Kunsthandel in erster Linie um das Branding, erklärt ein Galerist. Während sich der ideale Kunde früher für das Neue und Kommende interessierte und sich gerne zum Kauf entschied, bevor die Preise durch die Decke jagten, wenden sich die Millionäre und Milliardäre aus China vorwiegend dem Bekannten zu, das auch schon mal was kosten darf. Der Preis garantiert quasi die Werthaltigkeit des Gemäldes. Und laut UBS-Bericht sind der Grossteil der Kunden auf diesem zukunftsträchtigen Markt Millennials – also Menschen, die um die Jahrtausendwende ins Arbeitsleben eingetreten sind.

Wenn wir eine Übersichtsbetrachtung zum Angebot auf dieser Messe wagen, dann haben sich die Händler auf den am besten verkäuflichen Bildtypus eingependelt, bei dem es sich um ein dekoratives, oft abstraktes Gemälde handelt. Die konzeptuelle Kunst hat in Hongkong kaum Chancen – es sei denn, sie stamme von einem Namen wie Nam June Paik. Auch traditionelle asiatische Zeichnungen und Malereien, die meist durch einen unwahrscheinlichen Detailreichtum aufwarten, sind viel weniger präsent als in früheren Jahren. 

Hohe Standmieten

Europäer, Amerikaner und Asiaten haben gewissermassen ihre extremen Karten aus dem Spiel zurückgezogen und liefern verlässlich, was die modernen und aufgeschlossenen Kunden hier wünschen. Wer sich nicht an diese Regeln hält, kann die stolzen Standgebühren auf der Messe gar nicht bezahlen. Der Markt ist brutal, und die Anzahl an mittleren Galerien von ausserhalb Asiens wird sich wohl weiter verringern. 

Marc Spiegler jedenfalls, der Chef der Art Basel, zeigt sich beim kurzen Small Talk auf der Messe einmal mehr äusserst erfreut: Es sei die beste Hongkonger Messe, die er bisher veranstaltet habe. Alle Galerien seien zufrieden. Und zu den Stand­preisen für die mittleren und kleineren Galeristen, die ja hier in Hongkong im Unterschied zu den Messen in Basel und Miami den gleichen Quadratmeterpreis zahlen wie die Megagalerien, meint er trocken: Man werde das nicht ändern, denn von allen Kunstmessen in Asien verlange die Art Basel nicht die höchsten Standmieten.

Politische Kunst ist rar

Überlässt man die Auswahl also dem Markt, was ja ein altes kapitalistisches Prinzip ist, so entsteht ein Einheitsbrei von mehr oder weniger industriell erzeugten Luxuswaren, der durch die Zensur und die Zensurdrohungen, die von Festlandchina nach Hongkong herüberkommen, nicht eben würziger wird. Jedenfalls fällt es uns schwer, provokative und politische Kunst zu finden. In dieser Hinsicht ist die Messe ein getreuer Diener der mächtigen Herren in Peking.

Da wirken die nostalgischen Bilder am Stand der Chancery Lane Gallery aus Hongkong wie ein Feigenblatt in einem Markt, der ganz dem Luxus und den Moden ergeben ist. Sie erinnern an den Künstlerprotest im Jahr 1979, als die avantgardistischen Künstler der «Stars Art Group» in Peking auf die Strasse gingen. Auch die Tabula Rasa Gallery aus Peking macht Politik, indem sie in einem Zweikanal-Videofilm zwei Männer und zwei Frauen die Bilder von Frauen mit Kindern kommentieren lässt. Aber auch hier wirken die Kommentare und Urteile irgendwie kleinlaut, sodass sie von den Zensoren, deren grösste Macht in der Selbstzensur der Künstler liegt, geduldet werden können. Aus Burma kommt sodann eine Arbeit von Moe Satt, der seinen fliegenden Politengel mit Fäusten ausgestattet hat. Mit einem Haufen weisser Federn am Boden und zwei Engelsfäusten in Metall­käfigen haben wir es hier wohl mit einem Abgesang auf die Demokratie zu tun.

Die Reise erfolgte auf Einladung der Art Basel.

Erstellt: 29.03.2019, 21:13 Uhr

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