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Im Zweifel traut sie der Lücke

Die Schriftstellerin und Künstlerin Erica Pedretti wird im Bündner Kunstmuseum mit einer Ausstellung geehrt.

MeinungPeter Burri
Wirkt wie ein tierisches Relikt: «Doppelflügel» (1981). Foto Katalin Deér © Erica Pedretti, 2020, Pro Litteris
Wirkt wie ein tierisches Relikt: «Doppelflügel» (1981). Foto Katalin Deér © Erica Pedretti, 2020, Pro Litteris

Jetzt lebt sie wieder im Engadin, wo ihr Mann Gian herkommt und wo sie 20 Jahre lang zusammen wohnten. Danach zog das Künstlerpaar Pedretti an den Bielersee. Zu ihrem 90. Geburtstag feiert das Bündner Kunstmuseum in Chur Erica Pedretti nun in Zusammenarbeit mit dem Neuen Museum Biel mit einer Ausstellung. Die 1984 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und 2013 für ihr Gesamtwerk mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnete Schriftstellerin hat sich auch als Künstlerin einen Namen gemacht.

Schon in den 70er-Jahren begann die einstige Silberschmiedin, Drahtgestelle von beachtlicher Spannweite zu formen, die sie teilweise mit einer «Haut» aus Plexiglaslösung oder anderen Materialien überzog. Seltsame «Flügelwesen», wie Pedretti sie nannte, wenn sie ihre Kreationen betrachtete, als wären sie ihr unheimlich. Sie wirken wie tierische Relikte, die einen gerade auch, weil sie weder Fisch noch Vogel sind, in Bann ziehen. Mit diesen Objekten, die Fliegen und Abstürzen versinnbildlichen, bannte die Künstlerin eigene Visionen und Ängste.

Die Künstlerin und Schriftstellerin Erica Pedretti in ihrem Atelier in La Neuveville, Schweiz, aufgenommen am 26. Januar 2005. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)
Die Künstlerin und Schriftstellerin Erica Pedretti in ihrem Atelier in La Neuveville, Schweiz, aufgenommen am 26. Januar 2005. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Mit der gestalterischen Kraft ihrer Hände konnte Erica Pedretti Ausdrucksweisen für Urgefühle finden, die sie nicht mehr an die Begrenztheit der Sprache banden. Denn so kreativ literarisches Schreiben Bilder und kontrapunktische Sinnzusammenhänge erschaffen kann, so wenig kann es verleugnen, dass es mit der Sprache ein Medium benützt, das mit konkreten Bedeutungschiffren arbeitet und auf Verständigung abzielt.

Kunst kann dagegen auch Zeichen setzen für etwas, wofür man (zunächst) keine Worte hat. Mit Raum- und Landschaftsinstallationen zum Thema Migration und Asyl schaltete sich die Künstlerin später aber auch in aktuelle Debatten ein.

Gefühl des «Fremdseins»

Die Unzulänglichkeit der Sprache und das Misstrauen ihr gegenüber, weil sie ebenso viel verschleiern wie aussagen kann, prägten denn auch von Anfang an Pedrettis Literatur. Die Schriftstellerin sah sich früh schon einem Gefühl des «Fremdseins» ausgesetzt: in der Welt – und in der Sprache, auch wenn Deutsch ihr immer schon vertraut war.

1930 als Erika Schefter (damals noch mit einem K im Vornamen) im mährischen Sternberg geboren, wurde ihre Familie nach dem Zweiten Weltkrieg zwangsausgesiedelt, obwohl der Vater Antifaschist war. Weil ihre Grossmutter väterlicherseits Schweizer Wurzeln hatte, kam die Fünfzehnjährige mit ihren Geschwistern 1945 mit einem Rotkreuz-Transport in die Schweiz. In Zürich besuchte sie die Kunstgewerbeschule.

Doch mit den nachgekommenen Eltern musste die Familie das Land 1950 wieder verlassen, da sie keine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung hatte. Nach zwei Jahren in den USA kehrte die junge Frau zurück, heiratete den Maler Gian Pedretti, mit dem sie fünf Kinder haben sollte, lernte Romanisch und liess sich zunächst in Celerina nieder. 1970 publizierte sie beim Suhrkamp-Verlag, wo auch ihre weiteren Bücher erschienen, ihr erstes Werk «Harmloses, bitte». Der Titel war ein ironisches Understatement, denn von blossen Harmlosigkeiten erzählt Erica Pedretti nie.

Als Literatin nimmt sie ihre Erinnerungen und die erlebte Gegenwart zum Anlass, um sie – darüber schreibend – auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen. Im Zweifel traut sie der Lücke. Die Schwierigkeit, erlebte Geschichte sprachlich zu erfassen, wird in ihrem Buch «Heiliger Sebastian» (1973) zum kompositorischen System. «Raus mit der Sprache! Warum stocke ich hier, warum schreibe ich nicht einfach weiter?» fragt sich die Erzählerin im Geschichtenband «Sonnenaufgänge, Sonnenuntergänge» (1984).

Im schonungslosen Licht

Pedretti integriert in ihre Texte stets, was ihr «während des Schreibens passiert». Im Roman «Veränderung oder Die Zertrümmerung von dem Kind Karl und anderen Personen» (1977) thematisiert sie nach ihrem Umzug an den Bielersee ihre neue dortige Fremdheit, indem sie ihr eigenes Leben in den Verhältnissen einer gebeutelten Familie spiegelt, auf die sie trifft.

Ein wichtiges Werk in Pedrettis Schaffen ist «Valerie oder Das unerzogene Auge». Irritiert von Hodlers Bildzyklus über die sterbende Valentine Godé-Darel, versetzt sie sich hier in eine an Krebs erkrankte Frau, die ihrem Geliebten, einem Maler, Modell steht. Je mehr sie ihn dabei beobachtet, desto heftiger hinterfragt sie die Mechanismen ihrer Beziehung und die Funktion von Kunst. Leben und Sterben erscheinen – real und im künstlerischen Surrogat – in einem neuen, schonungslosen Licht.

Das 1986 erschienene Buch über eine wachsende Entfremdung stiess gerade auch bei jüngeren Frauen, die über Feminismus und Kultur nachdachten, auf viel Interesse. Gleichzeitig schien diese Autorin und Künstlerin zu belegen, dass sich professionelle Kreativität und Familienleben nicht zwangsläufig ausschliessen müssen.

Mit ihrem wachen Blick auf ihre Umgebung und ihr eigenes Tun, aber auch mit ihrer anteilnehmenden Art ist Erica Pedretti, obwohl sie sich nie in den Vordergrund drängte, zu einer markanten Persönlichkeit der Schweizer Literatur und Kunst geworden. «Fremd genug» heisst ihre bislang letzte Publikation von 2010, in der sie mit kargen, treffenden Worten skizzenhaft auf ihr Leben zurückblickt. Und «Fremd genug» ist nun auch der Titel der Churer Ausstellung.

Ausstellung «Erica Pedretti – Fremd genug» im Bündner Kunstmuseum Chur bis 7. Juni.

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