In Basel wurde ein Tizian-Gemälde entdeckt

Im Kunstmuseum Basel hängt ein Gemälde, das neu dem venezianischen Meister zugeschrieben wird.

Tizian (?): Bildnis des Pietro Aretino, 1527 (?).  Foto: Kunstmuseum Basel – Schenkung der Prof.-J.-J.-Bachofen-Burckhardt-Stiftung

Tizian (?): Bildnis des Pietro Aretino, 1527 (?). Foto: Kunstmuseum Basel – Schenkung der Prof.-J.-J.-Bachofen-Burckhardt-Stiftung

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Mitten in die Debatte um den zweifelhaften Tizian im Kunsthaus Zürich platzt die Nachricht, dass im Kunstmuseum Basel seit einem Jahrhundert ein von den Museumsverantwortlichen bislang unerkanntes Gemälde des venezianischen Meisters hängt.

Es handelt sich dabei um ein Porträt des Pietro Aretino, eines italienischen Schriftstellers, Dichters und Satirikers, der mit Tizian befreundet war. Aretino war unter anderem für seine erotischen Sonette bekannt. Er lebte von 1492 bis 1556 und wurde von Tizian (1488/90–1576) mehrmals porträtiert.

Auf dem Gemälde in Basel, das zurzeit im Italienersaal der Altmeisterabteilung des Museums hängt, handelt es sich um das Porträt des Dichters als junger Mann. Bodo Brinkmann, Konservator am Kunstmuseum Basel, schätzt, dass das Porträt 1527 entstanden ist und Aretino als Mittdreissiger zeigt. Die Autorschaft Tizians ist allerdings nicht zu hundert Prozent gesichert, weshalb Brinkmann von einer Zuschreibung spricht und das Bild im Museum als «Tizian (?)» beschildert.

Von Del Piombo zu Tizian

Die These von Tizians Urheberschaft bekommt aber mächtige publizistische Unterstützung durch einen Aufsatz von Xavier S. Salomon, Chefkurator der Frick Collection in New York. Erschienen ist er in der Septemberausgabe der englischen Kunstzeitschrift «Apollo».

Salomon schreibt: «Die Verteilung von Licht und Schatten, die Konstruktion der Augen und der Lippen sind konsistent mit Tizians Werk der späten 1520er-Jahre und haben besonders Ähnlichkeiten mit seinem Porträt von Federico Gonzaga im Prado.»

Zurzeit überlegen sich die Basler, ob sie mit einer Renovation dem Werk seine alte Frische zurückgeben können.

Lange Zeit galt das Gemälde, das sich in einem sehr schlechten Zustand befindet, als Werk des Sebastiano del Piombo. Die Baslerin Louise Bachofen-Burckhardt (1845–1920), die Witwe von Johann Jakob Bachofen, dessen Werk «Das Mutterrecht» als Ursprung moderner Theorien über das Matriarchat gilt, kaufte es durch die Vermittlung des Kunsthistorikers August Wilhelm Bode. Am 23.11.1908 schrieb sie an Bode, der das Bild, für das sie 10'000 Franken bezahlte, endlich geliefert hatte: «Ich bin sehr erfreut über das schöne Porträt von Sebastiano del Piombo, ich finde es wundervoll.»

Nach dem Tod von Louise Bachofen-Burckhardt gingen über 300 Kunstwerke als Leihgaben an das Kunstmuseum Basel. 2015 wurden die ganze Sammlung dem Museum geschenkt. Ende Oktober wird das Kunstmuseum Basel in Erinnerung an die Donatorin eine Jubiläumsausstellung ausrichten, die von einem Werkkatalog begleitet wird.

Jubiläumsausstellung geplant

Tizian selbst erwähnt das Werk in einem Brief an den Herzog von Mantua. Er schreibt darin von einem Medaillon auf dem Hut und einem Lorbeerkranz in der Hand des Dichters. Während das Medaillon vermutlich bei einer unsachgemässen Restaurierung des Bildes verloren ging, ist vom Lorbeerkranz gar nichts mehr zu sehen.

Brinkmann ist sich ziemlich sicher, dass der Kopf des Aretino aus einem grösseren Werk herausgeschnitten wurde, das sowohl den Lorbeerkranz wie die Arme des Dichters gezeigt hat.

Zurzeit überlegen sich die Basler, ob sie mit einer Renovation dem Werk seine alte Frische zurückgeben können. Bis es so weit ist, kann man sich an den funkelnden Augen des Poeten und an seinem hellen, erstklassig gemalten Gesicht erfreuen, das aus einem weitgehend schwarzen Malgrund heraussticht.

Das Gemälde geht übrigens Ende 2019 an eine Ausstellung in die Uffizien Florenz, wo es vor den kritischen Augen der italienischen Tizian-Experten bestehen muss.

Erstellt: 09.09.2019, 16:37 Uhr

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