Italiens geraubte Schätze

Eine kriminelle Vereinigung soll europaweit illegal mit italienischen Kulturschätzen gehandelt haben. Nun wurden 23 Menschen verhaftet.

Die Ermittler haben rund 10'000 archäologische Stücke beschlagnahmt. Foto: Europol

Die Ermittler haben rund 10'000 archäologische Stücke beschlagnahmt. Foto: Europol

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Tempelruine des Apollo Aleo liegt hinter einem verlassenen Industriegebäude nördlich der kalabrischen Küstenstadt Cirò Marina. Sie stammt aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus, es ist eine der ältesten in Süditalien. Als sich ein Bauarbeiter am Vormittag des 19. Oktober 2018 der Ausgrabungsstätte nähert, merkt er, dass der Maschendrahtzaun aufgebogen ist, als sei jemand darunter durchgekrochen. Er betritt das Areal und entdeckt 15 Löcher im Erdboden.

Der Bauarbeiter muss schnell verstanden haben, dass hier «tombaroli» am Werk waren. So nennt man in Italien Kunstdiebe, die antike Ausgrabungsstätten plündern. Am selben Tag meldete er den Fund bei den Carabinieri. Es ist nur eine von vielen solchen Meldungen, die in den Monaten zuvor bei den Carabinieri eingegangen waren. Schon 2017 hatten diese nach ähnlichen Anzeigen Ermittlungen aufgenommen. Vertrauliche Quellen hatten ihnen damals von einer Gruppe berichtet, die illegal archäologische Fundstücke ausgrub, um sie in Norditalien und im Ausland zu verkaufen.

Internationale Ermittlungen

Etwa ein Jahr nach der Anzeige des Bauarbeiters, am vergangenen Montag, schlugen die Ermittler zu: 23 Menschen wurden in Italien im Rahmen der Operation Achei verhaftet. Die Staatsanwaltschaft der Stadt Crotone wirft einigen von ihnen unter anderem vor, eine kriminelle Vereinigung gebildet zu haben mit dem Zweck, das archäologische Erbe zu schädigen und europaweit illegal mit Kulturschätzen zu handeln.

Parallel durchsuchten Ermittler 80 Objekte und beschlagnahmten rund 10'000 archäologische Stücke: Vasen, Krüge, Öllampen, Juwelen und Münzen. Auch in Deutschland, England, Frankreich und Serbien waren Ermittler aktiv, denn die kriminelle Gruppierung soll die Fundstücke auch im Ausland verkauft haben. Die Carabinieri von der Abteilung für den Kulturgutschutz – eine Sondereinheit, die sich mit Kunstraub beschäftigt – führten die Ermittlungen. Europol und Eurojust koordinierten die internationale Zusammenarbeit.

An der Spitze der Gruppierung sollen laut den italienischen Ermittlern zwei Italiener stehen: Giorgio Salvatore P., 59, und Alessandro G., 30, beide aus Kalabrien. Die zwei Männer sollen die archäologische Ausgrabungsstätte sorgfältig ausgesucht, die nötigen Instrumente für die Bergung der Funde besorgt und eine Gruppe von Kriminellen koordiniert haben, die sich um die Ausgrabungen kümmerte. Beide Männer befinden sich derzeit in Haft, die weiteren mutmasslichen Bandenmitglieder sind unter Hausarrest. Die italienische Staatsanwaltschaft hat für die Gruppierung den Namen «Criminalità Archeologica Crotonese», archäologische Kriminalität aus Crotone, erfunden, weil die Kriminellen vor allem in der gleichnamigen kalabrischen Provinz agierten.

In einer Drohnenaufnahme sieht man, wie die mutmasslichen Kriminellen sogar Bagger einsetzten.

Wie andere süditalienische Städte war Crotone einst eine griechische Kolonie und somit Teil des Gebiets der Magna Grecia, des grossen Griechenlands. Pythagoras von Samos etwa gründete eine Schule in der Stadt am Ionischen Meer. Schon seit dem 16. Jahrhundert beschäftigen sich Historiker und Archäologen mit den vielen Ausgrabungsstätten der Provinz. Und hier waren auch die Kriminellen aktiv: Sie sollen etwa bei dem erwähnten Apollon-Tempel und im archäologischen Park Capo Colonna, einer Kultstätte, die auch Pythagoras besuchte, nach archäologischen Schätzen gesucht haben.

Unter anderem sammelten die italienischen Ermittler Beweise durch den Einsatz von Drohnen. In einer der Aufnahmen sieht man, wie die mutmasslichen Kriminellen sogar einen Bagger einsetzten. Sie scheuten sich offensichtlich nicht davor, brutal vorzugehen, obwohl dadurch Stücke wie etwa Terrakottavasen hätten beschädigt werden können. Anschliessend gingen sie mit teuren Metalldetektoren die Erde nach Objekten ab.

«Salami», «Spargel» und «weisse Trüffel»

Auch abgehörte Gespräche legen nahe, dass den mutmasslichen Tätern das kulturelle Erbe ziemlich egal war. In seinem Fiat 600 sagte einer der Plünderer: «Das Tal ist schon komplett ausgegraben, bald ist Paludi (eine archäologische Stätte, Anm. d. Red.) dran. Auch Paludi muss von den Postkarten verschwinden.» Valerio Marra, Ermittler der Abteilung für Kulturgutschutz, sagte auf der Pressekonferenz, die Gruppe «schände den Reichtum, der in Kalabrien oft noch unter der Erde liegt».

Die mutmassliche Bande, so beschreiben es italienische Ermittler, war hierarchisch organisiert. Jedes Mitglied hatte eigene Aufgaben, ein Mann soll sich sogar um die Restaurierung mancher Funde gekümmert haben, damit sie teurer verkauft werden konnten. Alessandro G., einer der beiden mutmasslichen Chefs, soll die Plünderer koordiniert haben. Für ihre Funde nutzten sie Tarnwörter. So drehten sich die abgehörten Gespräche oft um «Salami», «Spargel» oder «weisse Trüffel».

Der zweite mutmassliche Chef, Giorgio Salvatore P., soll Kontakte nach Norditalien und ins Ausland gepflegt haben, um Fundstücke weiterzuverkaufen. Diese wurden manchmal per Post verschickt, manchmal wurden sie in Koffern von Reisenden versteckt, die per Bus nach Norditalien fuhren.

Allein 2018 wurden in Italien über 8000 Kulturgüter geraubt.

Das Ausplündern antiker Stätten und der illegale Export ins Ausland ist für Italien ein gravierendes Problem: Laut dem Jahresbericht der Spezialeinheit wurden allein 2018 über 8000 Kulturgüter geraubt, darunter antike Bücher, Münzen und Musikinstrumente. Oft steckt die italienische Mafia dahinter.

Im Fall der jüngsten Verhaftungen konnten aber keine Verbindungen zur kalabrischen 'Ndrangheta gefunden werden. Lediglich einer der mutmasslichen Komplizen soll nach eigenen Aussagen im abgehörten Gesprächen einem Mafia-Clan nahestehen.

Erstellt: 22.11.2019, 11:27 Uhr

Artikel zum Thema

Das dunkle Geheimnis der Schweizer Museen

In vielen Schweizer Museen lagern Kunstobjekte, die im Kolonialismus geraubt wurden. Jetzt kommt die Forderung nach Rückgabe. Wie reagieren die Museumsdirektoren darauf? Mehr...

«Europas Museen sollen in Afrika Ausstellungshäuser mitfinanzieren»

Interview Ethnologe Till Förster erklärt, warum Justizreformen nötig sind, wenn Frankreich afrikanische Kunst zurückgeben will. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Blogs

Sweet Home Der grosse Sweet-Home-Geschenkeratgeber

Geldblog Medacta enttäuscht die Anleger

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...