Jenseits der Klischees

Die Doppelschau von Ferdinand Hodler und Alberto Giacometti in Winterthur wirkt wie ein Dialog der beiden Grossen der Schweizer Kunst des 20. Jahrhunderts.

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Es wirkt wie ein Winkegruss über die Generationen hinweg: Links reckt Ferdinand Hodlers «Redner» (1913) mahnend den Zeigefinger in die Luft, rechts streckt der dünne Arm von Alberto Giacomettis «La main» (1947) fünf lange Finger in den Raum.

Zwischen den Entstehungszeiten der beiden Werke liegen schicksalsschwere Jahrzehnte, welche die Welt für immer verändert haben: der Zweite Weltkrieg mit Tod, Zerstörung und gesellschaftlich sanktioniertem Sadismus. Das Ende der Illusion von einem harmonischen Weltgefüge und der darin sich entfaltenden gerechten Menschenmacht. Im Kunst Museum Winterthur begegnen sich diese beiden von Ferdinand Hodler und Alberto Giacometti geschaffenen Werke über eine Türöffnung hinweg. Der gemalte Redner steht am Anfang der Ausstellung, die bronzene Handskulptur markiert das Ende des Parcours. Dazwischen entwerfen die Kuratoren Konrad Bitterli und David Schmidhauser so etwas wie einen Ausstellungsessay, der die beiden Grössen der Schweizer Kunst nicht etwa einander frontal gegenüberstellt, sondern spielerisch zueinander in Beziehung setzt: «Ferdinand Hodler – Alberto Giacometti: Eine Begegnung».

«Dialogfeld öffnen»

Fast in jedem Saal wartet eine kleine Überraschung. Hat schon Hodler so dünne Körper gemalt?, fragt man sich etwa vor «Die Wahrheit» (1902), wo eine Frauenfigur mit hervorstehenden Rippen dunkel vermummte Gestalten abwehrt. Die im gleichen Raum stehenden «Quatre figurines sur base» von Giacometti stehen dafür so kerzengerade nebeneinander, als ob es Giacometti und nicht Hodler gewesen wäre, der den Parallelismus für ein naturgegebenes Kompositionsprinzip hielt.

«Wir möchten mit dieser Ausstellung das Dialogfeld öffnen», sagt Bitterli, der vor einem Jahr angetretene Winterthurer Direktor, der das Museum Oskar Reinhart, das Kunstmuseum Winterthur und nach der Renovation auch die Villa Flora unter einem gemeinsamen Dach namens Kunst Museum Winterthur zusammenführt. Nach der Zusammenlegung der Sammlungen sah sich das neue Haus im Besitz von ansehnlichen Werkgruppen der beiden Künstler. Daraus entstand die Idee für den Pas de deux. Es ist eine ungewöhnliche Verbindung.

Die beiden Grossen der Schweizer Kunst des 20. Jahrhunderts begegnen sich erstmals überhaupt in einer gemeinsamen Ausstellung. Als die Sammlung Blocher vor zweieinhalb Jahren im Museum Oskar Reinhart gastierte, hiess die Schau zwar «Hodler, Anker, Gia­cometti», doch da war der gemeinte ­Giacometti Albertos Vater Giovanni, der Postimpressionist. Seine stilistische ­Verwandtschaft mit Hodler liegt auf der Hand. Die zwei älteren Maler waren ­befreundet, Hodler war der Patenonkel von Giovannis Jüngstem, Bruno.

Zudem wurde Hodler nach seinem internationalen Durchbruch 1904 auch in der Schweiz zu einer überpräsenten Malerfigur, an der man als angehender Künstler nicht vorbeikam. Alberto rieb sich an Hodler, das steht ausser Zweifel. Seine Bleistiftkopie von Hodlers «Eine arme Seele» ist sogar überliefert – als er sie anfertigte, war er gerade 13 Jahre alt.

Doch die Verfolgung biografischer Einflüsse ist nicht das, was in Winterthur angestrebt wird. Schon eher geht es um formale Ähnlichkeiten; aber auch diese sind nicht das eigentliche Thema der Doppelschau. Was in den unprätentiösen Räumen des Erweiterungsbaus passiert, ist etwas Seltenes: ein über Werke geführtes Künstlergespräch. Am eindrücklichsten sieht man das im Saal mit den Porträts und Selbstbildnissen, obwohl die jeweiligen Werke der beiden einander gar nicht gleichen, nicht einmal inhaltlich entsprechen. In den vielen Selbstporträts, die Hodler anfertigte, wirkt das bärtig-männliche Gesicht des Malers nur auf den ersten Blick patriarchalisch gefestigt. Beim Abschreiten der Porträtreihe wird die qualvolle Selbstbefragung deutlich, die sich je nach Bild in einer angespannten Kopfstellung, einem intensiven Blick oder einer Hebung der Augenbrauen äussert.

Ausdruck existenzieller Suche

Demgegenüber steht auf Giacomettis Seite eine Porträtbüste seines Bruders Diego, der Alberto sehr ähnlich sah. Die unruhige Oberfläche der Bronze, der dünne Hals der Figur, das markante Profil mit halb geöffnetem Mund sind zwar kein Äquivalent zu Hodlers klassischen Selbstporträts, aber ganz deutlich auch ein Ausdruck existenzieller Suche nach persönlicher und künstlerischer Identität, die sich hier im Blick auf den Bruder, ein klassisches Alter Ego, äussert.

Es hat etwas Befreiendes in der leichtfüssig, fast beiläufig inszenierten Begegnung der zwei Kunsthelden: Der Blick auf beide weitet sich, die Klischees werden zur Seite geschoben. Hodler, der penetrant staatstragende Symbolist? Hier wirkt er aufs Mal fragiler. Und auch der Mythos vom einzigartigen Genie Giacomettis erfährt eine angenehme Relativierung, wenn man den Pariser Einzelgänger hier so friedlich in einer heimischen Traditionsreihe antrifft.

Beide Künstler scheinen zweimal sogar zu einem Gleichklang zu finden. Einmal bei der Darstellung der Berge. Hier scheint der Bergeller Ausreisser die Führung des Älteren zu akzeptieren (wobei es nicht klar ist, ob es direkt Hodlers oder eher Vater Giacomettis Einfluss ist). Eine andere Annäherung findet in der Darstellung des Todes statt. So ­entspricht die erschütternde Wahrhaftigkeit von Hodlers Porträts der sterbenden Valentine Godé-Darel der nüchternen Verzweiflung in der Zeichnung der sterbenden Mutter bei Giacometti. Die Winterthurer Begegnung wirkt sehr authentisch, und das ist hauptsächlich der kuratorischen Disziplin der Ausstellungsmacher zu verdanken.

Sie widerstanden der Versuchung, mehr Werke als unbedingt nötig zu zeigen. Anreize dazu waren da: Das Winterthurer Museum ist gemeinsam mit Basel an der Zürcher Giacometti-Stiftung beteiligt; es wäre ein Leichtes gewesen, mit Leihgaben daraus zu prunken. Schliesslich fährt fast zeitgleich die Fondation Beyeler in Riehen mit «Giacometti – Bacon» schweres Geschütz aus der Pariser Giacometti-Stiftung auf. Die gleiche Zurückhaltung erlegten sich die Kuratoren in Sachen Hodler auf und überliessen es dem Musée d’art et d’histoire in Genf gemeinsam mit dem Kunstmuseum Bern, zum 100. Todestag Hodlers «Parallelismus» zu erklären. Immerhin sind die frühen Hodler-Bilder in Winterthurer Besitz, die nicht in die Schau gehören, im Gebäude «Reinhart am Stadtgarten» ausgebreitet – womit neu die Eintracht der einst miteinander konkurrenzierenden Häuser demonstriert wird.

Kunst Museum Winterthur, bis 19.8.

(Erstellt: 20.04.2018, 18:56 Uhr)

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