«Sich mit Haut und Haaren zur Verfügung stellen»

Katja Schenker ist für den Schweizer Performancepreis nominiert. Sie will aufgeladene Orte schaffen.

Ausschnitt aus der Papierperformance von Katja Schenker.
Video: Claudia Bach

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Die Performancekunst hat es nicht einfach. Manche belächeln sie als «Gschpüürsch-mi-Kunst», andere verdrehen automatisch die Augen.
Performance ist anspruchsvoll, weil sie sich auf eine Geste und einen Moment konzentriert. Trotzdem erlebt sie derzeit einen regelrechten Hype. Mit der Berührungsangst, von der Sie sprechen und die es sicher lange gab, bin ich nicht mehr konfrontiert. Aber ich weiss schon, was Sie meinen: Bisweilen beobachte ich eine Scham beim Publikum, ein Unwohlsein, öffentlich so stark in ­etwas involviert zu werden.

Und inwiefern wird Performance gerade gehypt?
Es tut sich derzeit wirklich viel auf dem Gebiet. Ein Grund könnte sein, dass unsere digital und virtuell funktionierende Gesellschaft nach realen Erfahrungen hungert. Da kommt die Performancekunst, die analoges Erleben in Reinform ist, gerade recht. Mehr Hier und Jetzt als Performance geht nicht: Wer nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, verpasst sie.

Na ja, man kann sie sich später auf Video anschauen.
Das schon. Aber die Erfahrung in einem bestimmten Raum, mit einem bestimmten Publikum und mit einer bestimmten Tagesform der Künstlerin ist einmalig.

Kann man von Performancekunst leben?
Nein. Wobei: Im grossen Topf der Performancekunst gibt es Leute, die vom Theater, vom Tanz oder von der Musik her kommen. Sobald man mit etwas auf Tournee gehen kann, wird es realistischer, davon zu leben, als wenn man, wie ich, von der bildenden Kunst her kommt.

Womit halten Sie sich denn über Wasser?
Ich bin Unternehmerin. In meine Projekte sind jeweils bis zu 20 Mitarbeitende involviert, die bezahlt sein wollen. «Über Wasser halten» wird dem Beruf des Künstlers nicht gerecht. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ich mache neben der Performance auch Kunst für den öffentlichen Raum. Mit diesen beiden Tätigkeitsbereichen mache ich eine Mischrechnung: Was dank der Werke im öffentlichen Raum reinkommt, stecke ich in die Performances.

Wenn es finanziell aufginge, würden Sie nur auf die Performance setzen?
Nein, ich würde es genau gleich machen wie jetzt. Denn meinen bildhauerischen Arbeiten liegen dieselben Ideen zugrunde wie meinen Performances.

Performancekunst kann man kaufen – zum Beispiel werden im Rahmen des Performancepreises 2015 entsprechende Ankäufe der Stadt Luzern vorgestellt. Wie ­funktioniert das?
Ein Veranstalter zahlt dem Künstler, wie einem Bühnenschauspieler, eine Gage für seinen Liveact. Ein Sammler kauft Dokumentationsmaterial in Form von Video oder Fotografien. Und, in meinem Fall, die im Rahmen der Vorbereitung und während der Performances entstehenden Zeichnungen oder Skulpturen.

Da zahlt also einer Tausende von Franken für ein Video – und jemand aus dem Publikum hat das Ganze mit dem Handy gefilmt und längst auf Youtube gestellt.
Tausende von Franken? Ein solches Video kostet 80 Franken, mit Vorführrechten 1900 Franken. Fakt ist aber, dass niemand diese Videos kauft, auch wenn sie qualitativ hochstehend produziert sind. Mit den neuen Medien muss das Bewusstsein für diesen einen Live­moment erst wieder wachsen. Die «Mona Lisa» finden sie ja auch in der Google-Bildsuche; aber die Treffer dort sind nicht mit der Wahrnehmung vor dem Original vergleichbar.

Trotzdem: Ein Anlageobjekt ist so eine Performance sicher nicht.
Das ist darum so, weil vielen Sammlern noch nicht bewusst ist, dass aus Performances oft auch bleibende Objekte hervorgehen.

Performance im Helmhaus Zürich anlässlich der Vernissage zur Ausstellung «Talk to the Hand» (2013) – sprechende Fäuste, patentierte Gesten. Video: Claudia Bach

Kein Gespräch über Performance ohne Marina Abramovic: Die Übermutter der Performance machte ihre ersten Projekte Anfang der 70er-Jahre. Ist sie noch wichtig für die heutige Generation?
Sicher. Sie ist nicht nur eine Ausnahmeperformerin, sondern hat auch die Gabe, ihr Wissen weiterzugeben. Ich habe sie einmal an einer Kunsthochschule reden gehört. Es ist unglaublich, wie viel Wissen sie in wie wenige Worte packen kann. Und dabei versprüht sie ein Feuer, als hätte sie gestern erst losgelegt.

Was hebt Abramovic vom Rest ab?
Die hundertprozentige Hingabe an das Leben als Performancekünstlerin. Sie stellt die Kunst über die Integrität ihres Körpers. Das ist schon extrem.

Fehlt diese Bereitschaft in der Deutschschweiz? Unter den acht Nominierten für den diesjährigen Performancepreis taucht neben Ihnen nur eine weitere Deutschschweizerin auf.
Einen Röstigraben der Performancekunst gibt es nicht. Im Gegenteil, gerade bei dieser Kunstform ist der Austausch grösser als in anderen Gebieten. Dass dieses Jahr so viele Welsche im Rennen sind, kann ganz lapidar mit dem letztjährigen Austragungsort des Performancepreises, Genf, zusammenhängen. Vielleicht haben heuer einfach mehr Welsche ihr Dossier eingereicht.

Halten Sie es auch für Zufall, dass nur ein Mann dabei ist?
Es gibt mehr Frauen in der Performance­kunst, nicht nur in der Schweiz, sondern überall. Vielleicht, weil Frauen mutiger sind, sich selber zu involvieren? Sich mit  Haut und Haaren zur Verfügung zu ­stellen? Sich weniger schwertun mit ­einer gewissen Distanzlosigkeit, die diese ­Arbeit bedingt?

Derzeit ertrinken Flüchtlingeim Mittelmeer, und Sie wühlen sich durch einen Haufen Papier. Wäre es nicht passender, politische Kunst zu machen?
Natürlich muss man das Zeitgeschehen mit künstlerisch geschärften Sinnen wahrnehmen. Gerade Performer sind da besonders sensibel, weil sie es gewohnt sind, sich physisch ganz und gar auf etwas einzulassen. Aber Kunst wird etwas erst dann, wenn man es nicht eins zu eins wiedergibt, sondern es in den ­Körper und den Geist aufnimmt, prozessiert und in neuer Form wieder zur Diskussion stellt. Das kann eine performative Auseinandersetzung mit Grenzen sein, mit körperlichem Schmerz, mit zwischenmenschlichem Austausch.

Das klingt eher poetisch als politisch.
Diese Grenze ist fliessend. Ist etwas nicht automatisch politisch, wenn man es vor Publikum macht? In dem Moment, in dem man sich entscheidet, etwas von sich preiszugeben, bezieht man Stellung. Auch wenn das Publikum genauer hinschauen muss, um sie zu erkennen. Wer das aber tut, wird früher oder später zum Politischen kommen.

Wann ist Performance gute Performance?
In erster Linie geht es um die Intensität eines Moments. Dazu kommen objektive Kriterien: Passt der Anfang? Stimmt der Schluss, oder franst er einfach aus? Die Präsenz des Künstlers ist wichtig. Schafft er es, eine bestimmte Stimmung im Raum zu erzeugen? Schafft er es, das ­Publikum in seinen Bann zu ziehen?

Sie nehmen das Publikum während Ihres Auftritts also wahr? Blenden es nicht aus und sind in einer eigenen Welt?
Man ist schon sehr von seinem Tun absorbiert. Aber ich will ja einen aufgeladenen Ort schaffen, und davon ist das Publikum ein wesentlicher Teil.

Was kann Performance, was andere Kunstformen nicht können?
Körperlichkeit erzeugen. Insofern, als ein Körper nicht länger nur als Werkzeug oder Motiv funktioniert, sondern in seinen Grenzen spürbar wird und in seiner Fähigkeit, mit anderen in Kontakt zu treten. Etwas zu aktivieren beim Künstler und beim Publikum – das kann die Performance unmittelbarer als jede andere Kunstform. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.10.2015, 14:25 Uhr

Katja Schenker (*1968, St. Gallen) hat Kunstgeschichte und Philosophie an der Uni Zürich studiert, danach folgte die künstlerische Ausbildung in Paris und an der ZHDK. Seit den 90ern ist sie künstlerisch tätig. Neben Performances gestaltet sie Kunst für den öffentlichen Raum, etwa für die Kanti Wetzikon, die Kehrichtverbrennungs­anlage Winterthur und das Bundesamt für Gesundheit. Schenker wurde mehrfach preisgekrönt, unter anderem dreimal mit dem Swiss Art Award. Derzeit sind ihre Werke im Centre culturel suisse in Paris (bis 13. 12.) und im Espace Arlaud Lausanne (bis 8. 11.) zu sehen. Schenker lebt und arbeitet in Zürich. (psz)

Performancepreis 2015

Der mit insgesamt 35'000 Franken dotierte Performancepreis Schweiz ist eine Initiative der Kantone Basel-Stadt und Aargau sowie der Stadt Genf, er wird seit 2011 vergeben. Unter den bisherigen Preisträgern sind unter anderem die Zürcher Künstler Nino Baumgartner (2013) und Alexandra Bachzetsis (2012). Dieses Jahr beherbergt das Kunstmuseum Luzern die Verleihung und ergänzt sie mit einem dreitägigen Programm. Von Freitag, 16., bis Sonntag, 18. Oktober, werden etwa Artist Talks und Gesprächsrunden, ein performativer Stadtspaziergang, eine «vegane Oper» und andere Performances geboten. Details: www.performanceartaward.ch. (psz)

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