«Konkrete Kunst ist stimulierend»

Seit drei Jahren ist Sabine Schaschl Direktorin des Haus Konstruktiv. Das Museum wird dieses Jahr dreissig. Zeit, Bilanz zu ziehen.

«Eine Ausstellung sollte auch ohne Audioguide am Ohr Spass machen», findet Sabine Schaschl.<br />Foto: Reto Oeschger

«Eine Ausstellung sollte auch ohne Audioguide am Ohr Spass machen», findet Sabine Schaschl.
Foto: Reto Oeschger

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In der aktuellen Ausstellung zum 30-Jahre-Jubiläum des Hauses Konstruktiv (HK) hängt ein ­monochrom grünes, quadratisches Gemälde von Olivier Mosset. Als ich die Schau besuchte, meinte ein Besucher zu seiner Begleitung, das könne nun wirklich jedes Kind.
Das höre ich immer wieder. Es ist aber insofern falsch, als ein Kind nie aus denselben Überlegungen zu einem solchen Bild gelangen würde. Warum ist das Bild quadratisch? Warum nicht rechteckig? Was soll es beim Betrachter auslösen? Es macht einen grossen Unterschied, ob da ein Fünfjähriger am Werk ist, der die Welt um sich herum gerade erst zu entdecken, Zusammenhänge zu begreifen beginnt, oder eine Person, die auf Lebens­erfahrung zurückgreifen und ­damit arbeiten kann.

Noch ein viel zitiertes Klischee: Konkrete Kunst ist langweilig.
Die Leute denken bei ‹konkret› an rechte Winkel und gerade Linien. Dabei war das doch in erster Linie eine Auseinandersetzung mit der Moderne. Da gings um die Frage, wie man leben, wie man die Gesellschaft mitprägen sollte. Man kann Max Bill mögen oder nicht, aber er hat sich Gedanken gemacht, wie man zum Beispiel mit Möbeln das Leben jedes Einzelnen ein bisschen verändern, modernisieren, besser machen könnte.

Trotzdem muten Sie den Besuchern der aktuellen Schau nur wenige Werke der Zürcher Konkreten zu.
Es freut mich, dass Ihnen das auffällt. Die Schau wurde explizit mit dem Hintergedanken konzipiert, zu zeigen, was wir haben, und zu zeigen, was wir nicht haben. Unter den 900 Sammlungs­stücken finden sich lediglich sechs Bills, sechs Graesers, vier Lohses und zwei Loewensbergs. Leider wurden wir weder von den Künstlern noch von deren Erben mit Schenkungen bedacht, was etwas wehmütig stimmt, wenn man bedenkt, wie viel das HK dazu beigetragen hat, ihr Erbe lebendig zu erhalten.

Geiz? Ignoranz?
Eher schlechtes Timing. Als das HK 1986 von Liebhabern der Konkreten Kunst ins Leben gerufen wurde, war es grade sehr «in», eine eigene Stiftung zu gründen. Jeder wollte seine Position selbst promoten. Also mieteten die HK-Gründer im Zürcher Seefeld einen Raum, in den sie die Stiftungen einluden, ihre Bilder auszustellen und zu verkaufen. Ich werde heute noch von den Erben drauf angesprochen, wie schön das war, damals im Seefeld. Klar war das schön für sie! Sie mussten keine Miete, keine Kataloge, kein Personal bezahlen.

Seit dem Umzug ins EWZ-Unterwerk Selnau im Jahr 2001 weht ein ­anderer Wind. Die Konkreten sind nicht mehr Hauptattraktion, ­sondern Kulisse für neuere Formen.
Ein Museum, das sich allein auf die formalen Aspekte der Konkreten beriefe, wäre schnell am Ende. Nimmt man aber die Konzepte, die dahinterstecken, die Überlegungen zur nicht figurativen Welt, den geistigen Überbau mit rein, dann wirds erst richtig spannend.

«Ich versichere Ihnen, dass mein Lohn keinen Aufreger produzieren würde.»

Meinen Sie, Max Bill und Co. hätten das auch so gesehen?
Ganz sicher. Nehmen Sie die 1960 von Bill kuratierte Schau ‹Konkrete Kunst: 50 Jahre Entwicklung› im Helmhaus. Schon das Wort ‹Entwicklung› spricht Bände! Wenn man sieht, welche Künstler Bill dafür ausgewählt hat: Da waren ab­strakte Expressionisten wie Jackson Pollock dabei. Wenn ich hier eine Pollock-Schau machen würde, gäbe es garantiert einen Aufruhr. Dabei hat sich Bill bereits damals geöffnet – weil er intelligent war und wusste, dass man sich dem Neuen nicht verschliessen darf.

Warum machen Sie dann keine Pollock-Schau? Platz genug hätte es ja im EWZ-Unterwerk.
Das Unterwerk wird uns vom EWZ zur Verfügung gestellt. Wir sind zu 67 Prozent eigenfinanziert. Der Rest kommt von der öffentlichen Hand: Die Stadt schiesst jährlich 725'000 Franken ein, der Kanton 200'000 – wenn man überlegt, wie stark das Legat des Museums mit der Stadtgeschichte verbunden ist ein vergleichsweise bescheidener Betrag.

Wenn wir schon bei den Zahlen sind: Derzeit wird die Offenlegung der Löhne in subventionierten Kulturinstitutionen diskutiert. Verraten Sie uns Ihr Salär?
Ich versichere Ihnen, dass mein Lohn keinen Aufreger produzieren würde. Generell finde ich die Idee schwierig, weil sie ausser Acht lässt, wie viele ehrenamtliche oder irre schlecht bezahlte Jobs jemand annehmen musste, um da hinzukommen. Ich habe viele Jahre im Kunsthaus Baselland sehr wenig verdient, in die Pensionskasse floss so gut wie nichts. Da hat sich auch niemand empört. Das wär doch mal ein Aufschrei wert: Wie Ausländer in dieser Branche ausgenützt werden. Oder Frauen. Die geschlechterbedingte Lohnungleichheit im Kultur­betrieb wird erst langsam korrigiert.

Haben Sie deshalb ein reines ­Frauenteam um sich geschart?
Das hat wohl mehr mit Lohnvorstellungen zu tun. Als wir die Stelle des Finanzchefs neu besetzen wollten, lagen die Forderungen der männlichen Bewerber weit über meinem eigenen Salär. Tja. Ich finds toll, dass ich nun täglich erleben kann, wie gut Frauen zusammenarbeiten. Ich werde oft gefragt, obs denn viel Zickenkrieg gebe. Was für ein Quatsch.

Auch das Direktorium des HK war bisher stets weiblich besetzt. Gibt es etwas, das Ihre Vorgängerinnen hätten besser machen können?
Gar nichts. Jede hat den Job ihrer Zeit und den Möglichkeiten des Hauses entsprechend sehr gut gemacht. Margit Weinberg hat das Haus stark professionalisiert, sie war es, die die ersten Computer besorgte. Lucy Grossmann machte mit einer Turrell-Schau Furore, auf die ich heute noch angesprochen werde. Das war damals wahnsinnig teuer, aber eben auch ein Statement: Weltklassekunst gibts halt nicht billig. Dorothea Strauss hat die inhaltliche Öffnung des Hauses vorangetrieben und zum Konkreten und Konstruktiven noch das dritte K, das Konzeptuelle, dazugeholt. Dafür musste sie viel einstecken.

«Man sollte nicht jeder Kunst das Politische aufzwingen.»

Klar. Weil dadurch inhaltliche ­Verwässerung droht.
Nicht, wenn man weiss, wo die Andockstelle ist. Nehmen Sie den Zeichner und Videokünstler William Kentridge, den wir letzten Sommer gezeigt haben: Formal hat der nichts mit den Konkreten zu tun. Aber inhaltlich! Ein Werk von Kentridge, das auf einer Schostakowitsch-Oper basiert, die wiederum auf die russischen Konstruktivisten Bezug nimmt, passt nirgendwohin besser als ins HK.

Aber erschliessen sich denn dem Publikum solche Zusammenhänge?
Da muss man halt den Saaltext lesen.

Reicht das als Kunstvermittlung? Andernorts wird man bereits von einer App durchs Museum gelotst.
Ich glaube, dass eine Ausstellung auch ohne Audioguide am Ohr Spass machen sollte. Dass sie sinnlich ist, anregend, die Gedanken stimuliert. Dafür geht man doch ins Museum: weil man selbst etwas entdecken will, nicht, um etwas Vorgekautes vorgesetzt zu bekommen.

Muss ein Museum twittern? Auf Instagram, Facebook präsent sein?
Für uns war die Pro-Facebook-Entscheidung eine finanzielle. Ohne grosses Werbebudget ist man um jede Möglichkeit der Kommunikation froh. Zudem ist es interessant, weil man eine andere Sprache, zu einem neuen Publikum spricht.

Hat das HK dies dringender nötig als andere Museen?
Ich kann mich gut erinnern an meine erste Vernissagerede hier. Ich hab in die Menge geblickt und nur graue Haare gesehen. Da wusste ich, entweder bleibe ich nicht lang oder es muss sich was ändern. Und das ist ganz gut aufgegangen.

Wie verjüngt man sein Publikum?
Indem man in die Gegenwart investiert. Als ich meine Stelle hier antrat, hatten wir grade eine Erbschaft gemacht, zweckgewidmet für Ankäufe. Wir wussten, das Geld reicht für einen Bill – oder für mehrere zeitgenössische Stücke. Wir haben uns für Zweiteres entschieden. Weil es nicht nur unsere Aufgabe ist, das konkret-konstruktive Erbe zu bewahren, sondern auch aufzuzeigen, wie es sich weiterentwickelt.

Muss gute Kunst auch politisch sein?
Kann. Muss nicht. Man sollte nicht jeder Kunst das Politische aufzwingen. Manchmal ist ein gutes Bild gut genug.


Die Sammlungsausstellung «Um die Ecke denken» zum 30-Jahre-Jubiläum des ­Museums Haus Konstruktiv läuft bis 4. September. Nächste Führung: So, 31. Juli, 11.15 Uhr. Der Katalog (Hatje Cantz) erscheint im Sep­tember. www.hauskonstruktiv.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2016, 17:56 Uhr

Sabine Schaschl

Wienerin mit Schweizer Pass

Sabine Schaschl (geb. 1967 in Klagenfurt) studierte Kunstgeschichte in Wien. Nach ersten kuratorischen Tätigkeiten in Wien und im Frauenfelder Shed im Eisenwerk wurde sie 2001 Leiterin des Kunsthauses Baselland in Muttenz; für ihre dortiges Engagement wurde sie vom BAK zweimal mit dem Eidgenössischen Preis für Kunstvermittlung ausgezeichnet. 2013 kam Schaschl als Direktorin ans Zürcher Museum Haus Konstruktiv. (TA)

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