Kopulierende Haushaltsgeräte und sexy Flachmänner

Guckloch ins Kuriositätenkabinett: Eine Ausstellung im Winterthurer Gewerbemuseum zeigt Listiges und Lustiges zum Thema Sex.

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Was tun, wenn man gern eine Affäre hätte, es aber nicht schafft, eine zu haben, weil zu anstrengend, zu kostspielig, kein Mittäter in Reichweite? Man kann sich dann, beispielsweise, mit einem Affären-Simulations-Kit behelfen. Darin ist alles vorhanden, was man zur Vortäuschung einer heissen Liaison braucht: abgepackte blonde Einzelhaare zum effektvollen Drapieren auf dem dunklen Anzug, Einweg-Lippenstift-Kussmünder zum Beschmieren des Hemdkragens – und, besonders raffiniert: allerlei Werkzeug zwecks Imitation beischlafbedingter Blessuren. Man verabreicht sich mit einer Art Rechen Kratzspuren, fälscht mit der Saugglocke Liebesbisse oder schubbert mit der spannteppichbezogenen Feile übers Knie – und schon versprüht man den gewünschten Hauch von erotischer Verwegenheit.

Im Ernst jetzt? Natürlich nicht. Das Set mit dem Namen «Traces of an Ima­ginary Affair» ist ein Kunstwerk des Deutschen Björn Franke – und als solches nun Teil der Ausstellung «Nirvana: Wundersame Formen der Lust» im Gewerbemuseum Winterthur. Die Schau, die letztes Jahr vom Museum für Design und angewandte Kunst in Lausanne konzipiert und nun in die Deutschschweiz geholt wurde, begegnet dem Thema mit erfrischender Entspanntheit. Und zeigt auf, dass auch in Sachen Erotik nichts so heiss gegessen wie es gekocht wird. Mit andern Worten: dass sich hier ganz viel in unseren Köpfen abspielt – jedenfalls mehr als in unseren Betten.

Wir sind eine oversexte, aber underfuckte Gesellschaft – und wie sollte es auch anders sein angesichts der Tatsache, dass man heute neben dem 100-Prozent-Job, den Kindern, dem Pilates, dem Vegan-Kochkurs auch noch jede angesagte Netflix-Serie gesehen haben und das Ganze in Echtzeit auf Facebook, Twitter und Instagram breitgetreten haben sollte? Jedenfalls: Für Sex bleiben, wenn überhaupt, die Randstunden. Oder eben: das Kopfkino.

Spitze Dildos

Nur naheliegend also, dass sich ein solches jetzt auch in Winterthur findet. Am Ende des Ausstellungsparcours steht es, in Form eines zimmergrossen Lustkabinetts, das man zwar nicht betreten, dafür aber durch ein – luxuriös gepolstertes – Guckloch beäugen darf. Wer hindurchsieht, dessen Blick fällt in ein Art Boudoir der erotischen Kopf­geburten.

Von allen Seiten gespiegelt, drehen sich darin Dutzende mit Satin überzogene Konsolen im Kreis, auf denen allerlei wundersame Objekte drapiert wurden: Bürsten aus Elfenbein­imitat mit meterlangem Frauenhaar als Borsten. Filigrane Gerten und Peitschchen. Mit ­Spitzenbordüren überzogene Dildos. Flachmänner (oder sind es winzige Wärmeflaschen?), deren Formen an Geschlechtsteile erinnern. Ein Kuriositäten­kabinett ist das und zugleich ein Kaleidoskop für Volljährige, bis zur Lächerlichkeit überkandidelt – und trotzdem ein vorzüglicher Fantasiekatalysator.

Man guckt, schmunzelt und ist hin- und hergerissen zwischen Voyeurismus und dem unguten Gedanken daran, wer sein Gesicht hier ebenfalls schon dagegengedrückt haben könnte.

Derselbe Gedanke kommt an der Riech­station auf, wo man an einer Art Buffet verschiedene Glasglocken hochheben und an den darin eingelegten, parfümierten Stoffknäueln schnuppern darf. Moschus, Leder, Bienenwachs und sogar frisch gedruckte Banknoten gibt es hier zu erschnüffeln. Man lernt aus den bereitliegenden Info-Karten, dass im Orient andere Lockstoffe bevorzugt werden als im Westen und warum, und wie sich das olfaktorische (Lust-)Empfinden über die Jahrhunderte verändert hat.

Eine clevere Ergänzung ist das zu den übrigen Exponaten, die bisweilen ein wenig als willkürliches Erotica-Sammelsurium daherkommen und die Krux einer solchen Schau vorführen: Will man das Thema auffächern – auf Mode, Design und zeitgenössische Kunst –, führt das dazu, dass man von allem ein bisschen zeigt, aber nichts vertieft.

So trifft im Ausstellungsraum ein Schuh von Stararchitektin Zaha Hadid – eine Art futuristisches, chromstah­l­blitzendes Bügeleisen zum Reinsteigen – auf die nippelbewehrte «Tit Lamp» von Studio Job, während eine fettleibige Aufblaspuppe (männlichen Geschlechts) mit Mustafa Sabbaghs aus Büstenhaltern geschneiderten Ganzkörperanzügen kontrastiert. Das Resultat ist ein mehr oder weniger erwartbares Potpourri aus viel Leder und viel Latex vor mal Dark­room-schwarz, mal pfirsichhautrosa getünchten Wänden.

Umso mehr freut man sich über gelegentliche Kleinode: etwa das Filmchen «Elektrotechnique» des Amsterdamer Künstler-/ Designer-Duos Lernert & Sander, das wie ein versautes Pendant zum «Lauf der Dinge» von Fischli / Weiss daherkommt. Alles fickt da – pardon, man kann es nicht anders sagen –: der Staubsauger, die Stichsäge, der Laubbläser; immer steht die Kleenex-Box in Griffnähe, und sein orgiastisches Finale findet dieser Quickie der Haushaltsgeräte dank dem Gewicht einer fallenden Wassermelone und einer darunter drapierten Milchpackung. Das ist so was von zu viel, genau deshalb hochgradig witzig – und alleine schon die Reise nach Winterthur wert.

Es knirscht und birst

Ebenfalls ein Augenschmaus, aber von ganz anderer Art, ist die Videoarbeit der Westschweizerin Sylvie Fleury. Die Kamera hält auf den Boden, der über und über mit silbernen Christbaumkugeln bedeckt ist. Über diese läuft, nein: trampelt die Protagonistin, von der man nichts als die nackten Beine sieht und die in mörderisch hohen Stilettos steckenden Füsse. Es knirscht, es birst, überall fliegen verspiegelte Scherben, während die sexy Treter all das Glitzerzeug unbarmherzig plattmachen. Feministisch ist das – und auch sonst politisch: Auf den Schuhen prangen die Stars and Stripes der amerikanischen Flagge. Elefant im globalen Porzellan­laden? Oder Blick in die Kristallkugel? Schliesslich hat sich jenseits des Atlantiks unlängst eine Frau auf den Weg nach ganz, ganz oben gemacht. Eine Frau, die weiss Gott die Mechanismen und Zusammenhänge von Sex und Macht kennt.

Die Ausstellung läuft bis 8. 5. Nächste Führung So, 31. 1., um 11 Uhr mit der Sexologin Dania Schiftan und der Kuratorin Susanna Kumschik. Ab 1. 2. Filmreihe «Erotic Encounters» zur Ausstellung im Kino Cameo, Winterthur.

Erstellt: 19.01.2016, 18:32 Uhr

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