Kunst ist eine Form von Ironie

Der Zürcher Fotograf Robert Frank wurde in den USA ein grosser Künstler. «Don’t Blink», der Dokumentarfilm von Laura Israel, zeigt eindrücklich, wieso.

Das Leben ist, wenn es gelingt, Kunst: Robert Frank mit seiner zweiten Ehefrau June Leif in «Don’t Blink». Foto: Vega Film

Das Leben ist, wenn es gelingt, Kunst: Robert Frank mit seiner zweiten Ehefrau June Leif in «Don’t Blink». Foto: Vega Film

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Etwas verloren stand der gebrechliche Mann am Dienstagabend auf der Bühne des Kinos Le Paris und nahm, gestützt auf seinen Gehstock, die Zürcher Ehrenmedaille Stadttaler aus den Händen von Corine Mauch entgegen. Der 91-Jährige hielt sie gegen das Licht und sagte lakonisch: «Great!» Es war nicht ganz klar, ob dies ironisch gemeint war.

Es sei für ihn, so Robert Frank in seiner kurzen Dankesrede, die zwischen Amerikanisch und Schweizerdeutsch oszillierte, immer wieder ein grosses Vergnügen, in seine Heimatstadt zurückzukehren, vor allem dann, wenn der Circus Knie hier gastiere, aber – er legte eine Pause ein – eine ebenso grosse Freude sei es, wieder abzureisen. Lang anhaltender Applaus für einen abtretenden Künstler, der vieles war, nur eines nie: humorlos.

Der Blick des Fremden

«Don’t Blink: Robert Frank», der Film von Laura Israel, erzählt und erklärt in schneller Schnitttechnik, unterlegt mit dem Sound der 60er- und 70er-Jahre, die Kunst von Robert Frank aus seiner originären, ganz eigenwilligen Art, die Welt zu sehen: Der Fremde betrachtet die Einheimischen mit anderen Augen, wie das Fotobuch «The Americans» von 1958 verblüffend – und für manche auch verstörend – zeigt.

Und die Wissbegier lässt Frank stets das Neue ausprobieren: bei der Fotografie, aber auch beim Film. In diesen beiden Medien erfindet sich der Künstler immer wieder aufs Neue, und wohl auch darum erkannten die Beatniks wie Jack Kerouac oder Allen Ginsberg in dem Einwanderer einen Geistesverwandten, der vor keiner noch so gewagten künstlerischen Grenzüberschreitung haltmacht: Die Fotografie ist Musik, die Musik ist Film, und Leben ist, wenn es gelingt, Kunst.

Zwei Schicksalsschläge

Robert Frank bewegt sich mittendrin in der amerikanischen Kunstszene, in der die Kreativität ihre buntesten Blüten im Kollektiv treibt. Er will alles wissen von den Gruppen, die er mit seiner Kamera begleitet, hält aber auch Distanz zum rauschhaften Geschehen, das andere zu beherrschen droht (die Rolling Stones kaufen Frank den ungeschönten Film «Cocksucker Blues» von 1972 über die US-Tour ab, weil sie negative Reaktionen befürchten).

Wenn nicht alles täuscht, so ist es die Ironie, die Robert Frank einerseits das Leben rettet, andererseits seine Kunst ermöglicht. Wie eine treue Freundin begleitet sie ihn, auch dann noch, als ihn zwei schwere Schicksalsschläge treffen: Seine Tochter Andrea verliert mit nur 20 Jahren ihr Leben bei einem Flugzeugabsturz, und sein Sohn Pablo erkrankt an Schizophrenie und stirbt früh. Vieles, was dann folgte, war Trauerarbeit in Form von Kunst.

Der Film ist eine Weiterführung dessen, was die Ästhetik von Robert Frank auszeichnet.

«Don’t Blink: Robert Frank» ist ein sehr intimer Film, der nur entstehen konnte, weil die Dokumentarfilmerin und Cutterin Laura Israel seit langem mit dem Schweizer Künstler befreundet ist. Da sie schon zusammengearbeitet haben, ist «Don’t Blink» mehr als eine blosse Annäherung an einen grossen Fotografen, eine Aussenaufnahme quasi, sondern eine beinahe kongeniale Weiterführung dessen, was die Ästhetik von Robert Frank auszeichnet.

So wie für ihn die erste Fotografie die beste ist, weil sie authentisch und nicht vom Wissen, fotografiert zu werden, verfälscht wird, so verfährt auch dieser Film. Viele Szenen wirken spontan und improvisiert und bringen so das Wesen des Künstlers und seiner Kunst prägnant auf den Punkt. Dazu trägt wesentlich bei, dass der dominante Soundtrack jene in vielerlei Hinsicht verrückte Zeit grossartig festhält: Vor allem Velvet Underground mit Lou Reed und John Cale, aber auch Tom Waits, Charles Mingus, Bob Dylan, Patti Smith und Mick Jagger haben diese experimentelle Epoche in Töne gefasst.

Am Schluss der Premiere sagte die Regisseurin, dass Robert und sie bei den Dreharbeiten eine Menge Spass gehabt hätten. Das merkt man dem Film an, der Franks Kunst mit Humor begegnet.

Der Film läuft in Zürich im Arthouse Movie.

Erstellt: 27.05.2016, 17:22 Uhr

Artikel zum Thema

Er fotografierte, ohne zu reden

Mit seinen Bildern wurde Robert Frank weltberühmt. Am Samstag sprach der Amerikaner aus Zürich über seine Kunst. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Mamablog Rassismus im Kindergarten

Sweet Home Designwohnung statt Hotel?

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...