Kunst kommt von Kämpfen

Politische Kunst: Die Ausstellung «Circular Flow» übt unverblümte Kritik an der Globalisierung.

Alighiero Boetti: «Mappa», Stickerei auf gewebter Baumwolle auf Keilrahmen, 1988. Foto: Kunstmuseum Basel / © 2019, Pro Litteris, Zurich

Alighiero Boetti: «Mappa», Stickerei auf gewebter Baumwolle auf Keilrahmen, 1988. Foto: Kunstmuseum Basel / © 2019, Pro Litteris, Zurich

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Pieter Bruegel d.Ä. hat nicht nur seine berühmten Landschaften, Bauernszenen und frühen Schneebilder gemalt. Von ihm gibt es auch gestochen scharfe Radierungen von Gallonen, Karavellen und Frachtschiffen, mit denen die Holländer im 16. und 17. Jahrhundert die Weltmeere durchpflügten und einen überaus profitablen Handel betrieben.

Bruegels Schiffsradierungen sind jetzt im Basler Kunstmuseum Gegenwart zu sehen, wo sie den Anfang jenes Zeitraums bezeichnen, den die neue, dem Phänomen der Globalisierung gewidmete Ausstellung in den Blick nimmt. Mit rund einem Dutzend zeitgenössischer Kunstwerke, viele davon sind Installationen, die ganze Museumsräume ausfüllen, ist «Circular Flow» die wohl politischste Ausstellung, die das Basler Kunstmuseum je zeigte.

«Bewaffneter Viermaster auf einen Hafen zusegelnd», um 1561/62. Kupferstich auf Bütten. Pieter Bruegel d. Ä. (Zeichner), Hieronymus Cock (Verleger), Frans Huys (Stecher). Foto Kunstmuseum Basel

Globalisierung hat durchaus ihre positiven Effekte. So wäre die Welt wohl ärmer ohne den Welthandel, davon ist Colin Crouch von der Universität Warwick überzeugt. Er hat einen Essay zur Begleitpublikation «Circular Flow, On the Global Economy of Inequality» beigesteuert. Ausstellung und Buch lassen aber keinen Zweifel daran: Der Wohlstand der Wenigen ist mit unendlich viel Ungleichheit und schreienden Ungerechtigkeiten erkauft.

Malochen in der Textilfabrik

So sehen wir in einem eindrücklichen Dokumentarfilm den Arbeitsalltag in einer chinesischen Textilfabrik. In einem unwahrscheinlichen Tempo nähen junge und jüngste Arbeiterinnen und Arbeiter Hosen zusammen. 15 Stunden läuft der Streifen des Chinesen Wang Bing, der eine Gruppe von Arbeitern in einer Kleiderfabrik in der Provinz Zhejiang beobachtet. Die Dauer des Films entspricht genau der Länge einer durchschnittlichen Arbeitsschicht in dieser Fabrik, in der sieben Tage die Woche täglich Tausende jener Kleidungsstücke genäht werden, die dann in unseren Supermärkten zu Spottpreisen verkauft werden.

Nun wird natürlich kein Museumsbesucher diese 15 Stunden im Museum absitzen wollen. Aber schon nach einer Viertelstunde vor der Leinwand hat man eine recht genaue Vorstellung von den unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Der Mensch ist nichts anderes als ein Anhängsel der Maschine. Er wird gar selbst zur Maschine, weil ihm jedes menschliche Bedürfnis abgesprochen wird.

«Amazon Arbeiter Käfig Projektion» (US 9,280,157 B2: «System for transporting personnel within an active workspace», 2016). Simon Denny. Kunstmuseum Basel. Foto: Gina Folly

Ganz ähnlich ergeht es den Arbeitern, die in den hochtechnisierten Warenlagern von Amazon in den USA angestellt sind. Für sie wurde jüngst gar ein Käfig samt Greifarm entwickelt, mit dem sie in den Schluchten der Hochregallager des Logistikkonzerns herumfahren könnten. Das Patent zu diesem Gefängnis auf Rädern, das unheimliche Ähnlichkeiten aufweist zu der weltweit winzigsten Gefängniszelle, die zurzeit im Schweizerischen Architekturmuseum aufgebaut ist, wurde 2016 beim US-Patentamt eingereicht.

Im Käfig durch das Warenlager

Der Käfig sei nicht dazu da, die Arbeiter am Ausbrechen zu hindern, heisst es in der Patentschrift. Er diene vielmehr dem Schutz vor selbstfahrenden Transportern, die einem Menschen im Warenlager in die Quere kommen könnten. Die Erfindung wurde nie realisiert. Amazon soll einen Verzicht auf eine Umsetzung offiziell garantiert haben, lesen wir auf einem Wandtext in der Ausstellung.

Nichtsdestotrotz hat der neuseeländische Künstler Simon Denny diesen Käfig in Metall nachgebaut, damit man den monströsen Arbeitsplatz zwar nicht betreten, aber in Originalgrösse betrachten kann. Noch immer erinnert das Gehäuse, das der Künstler als Rendering der Patentskizze bezeichnet, an seine papierene Herkunft, da die Nummern, anhand derer die Details der Maschine im Patentantrag erklärt wurden, für die 3-D-Version nachgebaut wurden.

Neben derartigen Einzelstücken legt die Ausstellung Wert darauf, mit Filmen, Modellen, Wand- und Mengenbildern komplizierteste Zusammenhänge darzustellen, was nicht immer gelingt und manchmal einfach schlicht zu kompliziert oder zu pädagogisch daherkommt. Am besten gelingt es den Filmen, die komplexe Globalisierung nachzuerzählen: Sie thematisieren gut nachvollziehbar die Problematik seltener Erden (Lisa Rave) oder die Migration junger Frauen, die ihren Körper für billiges Geld verkaufen (Ursula Biemann).

Ratlos in der Informationsflut

Im Foyer des Museums steht eine sehr eindrückliche 16-Kanal-Video-Installation, auf der das Treiben auf der griechischen Insel Lesbos beobachtet wird, wo Flüchtlinge aus Syrien zu Tausenden gestrandet sind. Der irische Künstler Richard Mosse benutzt dazu eine hochauflösende Wärmebildkamera, wie sie auch vom Grenzschutz eingesetzt wird, nur dass es ihm nicht um das Aufspüren illegaler Migranten geht, sondern um die Demaskierung unhaltbarer Zustände auf der Insel.

Mit seinen informativen Plakaten überschreitet Andreas Siekmann die Grenzen der Kunst in Richtung politischer Aufklärung. Seine grosse Installation im Erdgeschoss des Museums trägt den Titel «In the Stomach of the Predators» und beschäftigt sich mit geradezu enzyklopädischem Anspruch mit den weltweiten Zusammenhängen auf dem Saatgutmarkt.

2014, als das Werk erstmals gezeigt wurde, ist dieser Markt von Firmen wie Monsanto, Bayer und Syngenta beherrscht worden. Inzwischen wurde Monsanto ja von Bayer geschluckt, und Syngenta gehört den Chinesen. In Siekmanns Versuch, mit Piktogrammen und Mengenbildern komplizierteste Zusammenhänge verständlich zu machen, wird die Kunst total pädagogisiert und zum Instrument der Vermittlung gemacht. Als Betrachter kommt man sich vor wie in einem Universitätsseminar.

Ähnlich ergeht es einem vor Alice Creischers weitläufigem Kunstwerk im Oberlichtsaal des Museums, das sie «Apparat zum osmotischen Druckausgleich von Reichtum bei der Betrachtung von Armut» nennt. Ihre Arbeit, die Armut in Ländern wie Indien, Bolivien und Argentinien mit den Zuständen in den reichen westlichen Ländern zu koppeln versucht, ist zu einer wuchernden Installation geworden. Sie besteht aus bemalten, beschrifteten und beklebten Textilien sowie kreisförmigen Scherenschnitten. Das alles ist zwar von hohem ästhetischem Reiz, lässt einen aber angesichts einer Überfülle von Informationen völlig ratlos zurück.

Die Ausstellung im Kunstmuseum Gegenwart in Basel dauert bis zum 3. Mai 2020.

Erstellt: 26.12.2019, 11:21 Uhr

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