Die Apokalypse von Miami Beach

An der Art Basel Miami Beach geht gerade die Welt unter. Wird die Kunst politischer? Oder bloss teurer? Eine Besichtigungstour.

Leandro Erlich hat drei Monate an seinem Kunstwerk «Order of Importance» gearbeitet, das jetzt vor der Hochhauskulisse von Miami Beach steht. Foto: Keystone

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Es gibt den Kunstmarkt, der hier in Miami Beach, der grössten Kunstmesse Amerikas, Jahr für Jahr wächst. Und es gibt die Bilder, die einen nicht mehr loslassen, weil sie den Zeitgeist präzise, ja auf geradezu unheimliche Weise einfangen. Mit seiner Kunstinstallation vor der Hochhauskulisse von Miami Beach hat der argentinische Künstler Leandro Erlich ein solches Werk geschaffen.

Die enorme Skulptur besteht aus 66 Autos, die über und über mit Sand bedeckt sind. Man hat den Eindruck, wie wenn ein Sandsturm den Verkehr urplötzlich zum Stillstand gebracht hätte, sodass das Ganze als Menetekel für eine mobilitätsversessene Gesellschaft verstanden werden kann. Klimawandel, steigender Meeresspiegel, Weltuntergangsängste sind die Stichworte, die sich mit diesem Werk verbinden. Wer fühlt sich da nicht an den Untergang Pompejis erinnert?

«Der Klimawandel und seine Folgen sind nicht mehr eine Frage der Perspektive oder der subjektiven Meinung», sagt der 46-jährige Künstler, der freilich wie die meisten Teilnehmer dieser internationalen Veranstaltung mit dem Flugzeug angereist sein dürfte. «Die Klimakrise ist zu einem objektiven Problem geworden, das dringend der Lösung bedarf.» Erlich ist einer der vielen lateinamerikanischen Künstler, die an der Art Basel Miami Beach präsentiert werden. Ihre oft politischen Werke verleihen der Messe, die von Galerien aus Nordamerika und Europa dominiert ist, eine ganz spezielle Note.

Gesichtslose Protagonisten

Auf dem Rundgang im Convention Center der Stadt machen wir uns auf die Suche nach politischer Kunst aus Südamerika. Wir werden schnell fündig, auch wenn wir uns etwas an den Rand des Geschehens gedrängt fühlen: In der Mitte der riesigen Messehalle, sozusagen im Herzen des geradezu labyrinthischen und stark besuchten Marktgeschehens, halten die grossen, weltweit agierenden Megagalerien Hof. Am Rand befinden sich eher die Spezialitätengeschäfte mit monothematischem Programm.

Arjan Martins malt Figuren ohne Gesichter. Foto: Christoph Heim

Bei A Gentil Carioca, einer Galerie aus Rio de Janeiro, entdecken wir etwa die expressiven Gemälde von Arjan Martins, einem gefeierten Künstler mit Jahrgang 1960, der sich mit seiner Malerei mit der Geschichte der Kolonisation und der Sklaverei in Brasilien auseinandersetzt. Die schwarzen Protagonisten in seinen Bildern sind gesichtslos, was die kritische und anklagende Dimension dieser Kunst noch verstärkt.

Nur zwei Kojen weiter erhalten wir eine kunsthistorische Schnellbleiche bei der Almeida e Dale Galeria de Arte. Die Kunsthändler aus São zeigen eine Auswahl von wunderbaren Zeichnungen und Gemälden von Tarsila do Amaral, einer der wichtigsten Malerinnen Brasiliens. Sie lebte von 1886 bis 1973 und fand in ihrer Auseinandersetzung mit Kubismus, Futurismus und Expressionismus zu einem ganz eigenen Stil.

Und schon stehen wir in der Koje der waldengallery aus Buenos Aires, die Juan Carlos Romeros kraftvolle Installation «Violencia» aus dem Jahre 1973 präsentiert. An den Wänden, die von unten bis oben mit dem Wort «Violencia» tapeziert sind, hängen Zeitungsseiten, auf denen von politisch motivierten Gewaltakten berichtet wird, wobei der 1932 geborene Künstler durchaus auch die emanzipatorische Dimension der Gewalt im Blick habe, wie mir die Galeristin erläutert.

Die Flucht in den Dollar

Die soziale Unrast, die fast alle Länder Südamerikas erfasst hat, sowie Wirtschaftskrisen und Geldentwertung machen den Kunsthändlern und Galeristen schwer zu schaffen. Für viele chilenische Galerien ist das Geschäft fast zum Erliegen gekommen, wie in Miami Beach zu erfahren ist. Ob der anhaltenden Proteste bleiben viele Kunden weg. Argentinische Galerien flüchten in den Dollar, weil die einheimische Währung wegen der hohen Inflation an Wert verliert. In Argentinien spreche man von einer «Peso aversion», sagt Leopold José Maria Mones Cazon von der Galerie Isla Flotante in Buenos Aires gegenüber dem Branchenblatt «The Art Newspaper».

Unter diesen Bedingungen wird der vergleichsweise ruhige Marktplatz der Art Basel in der Urlaubsmetropole Miami Beach umso wichtiger, weshalb dieses Jahr besonders viele Lateinamerikaner – Galerien und Besucher – den Weg nach Florida gefunden haben. Ob dort die Erwartungen der südamerikanischen Galerien erfüllt werden, lässt sich noch nicht beurteilen. Nur eine der Galerien rapportierte am ersten Tag ihre vergleichsweise bescheidenen Verkäufe gegenüber der Presse: Die Ruth Benzacar Galeria de Arte aus Buenos Aires meldete vier Verkäufe im Gesamtwert von 45'000 Dollar. Am zweiten Tag folgte immerhin Bergamin & Gomide aus São Paulo mit zwei Werken von Marcel Broodthaers, die zusammen über eine Million Dollar erzielten.

Die Rangliste der teuersten Bilder wird von Thaddaeus Ropac aus Paris angeführt, der einen Georg Baselitz für 3,5 Millionen verkaufen konnte. Hauser & Wirth folgen mit einem silbernen Wandteppich von David Hammons für 2,4 Millionen Dollar. David Zwirner aus New York meldet den Verkauf eines Bildes von Bridget Riley zum Preis von 1,5 Millionen Dollar. Die Marlborough Gallery aus London zeigt sich zufrieden über den Erlös von jeweils ein bis zwei Millionen Dollar für mehrere Werke von Alex Katz. Auch Mnuchin aus New York jubelt. Das Gemälde «White Joy» von Helen Frankenthaler erzielte einen Preis von stolzen 1,65 Millionen Dollar.

Später lassen wir uns auch von der Zeitungskunst von Vanderlei Lopes (geb. 1973) beeindrucken, die bei Terra Boa aus São Paulo ausgestellt wird. Seine Zeitungen mit Titeln wie «La Democracia es un Mito» erweisen sich bei näherem Hinschauen als feinste Bronzeskulpturen, die vom Künstler so exakt bemalt und beschriftet wurden, dass man meinen könnte, es handle sich um Druckware. Das Wegwerfprodukt Tageszeitung bekommt bei Lopes in Form und Inhalt ein Gewicht, wie wenn es für eine Ewigkeit Gültigkeit hätte.

Bei der Galerie Peter Kilchmann aus Zürich, die zusammen mit den Zürcher Galerien Mai 36, Eva Presenhuber, Hauser & Wirth und Maria Bernheim zur kleinen Schweizer Vertretung an dieser Kunstmesse Amerikas gehört, steht Teresa Margolles Installation «Estorbo (Obstruction) I» im Zentrum einer dichten und sehr eindrücklichen Präsentation. Das Werk, das nur zu Teilen ausgestellt ist, besteht aus 95 Betonklötzen und ebenso vielen grossformatigen Fotografien von Männern, die ihre T-Shirts ausziehen.

Teresa Margolles kaufte Arbeitern die verschwitzten T-Shirts ab und goss sie in Beton.

Margolles erzählt in dieser Installation die Geschichte von Menschen aus Venezuela, die nach Kolumbien migriert sind, um an der Grenze zwischen den beiden Ländern, genauer gesagt, auf der Simon-Bolivar-Brücke, als Träger und Transporteure zu arbeiten. Die Künstlerin kaufte den Männern ihre verschmutzten und verschwitzten T-Shirts ab, fotografierte sie dabei und goss danach die Kleidungsstücke in Beton. Jeder Betonklotz erhielt schliesslich die Initialen jenes Mannes, dessen T-Shirt einbetoniert wurde.

Nach einem Abstecher zum Instituto de Visión aus Bogotá, Kolumbien, das dem 2015 verstorbenen Miguel Ángel Cárdenas, einem homosexuellen Künstler, eine Soloshow widmet, schauen wir noch bei Boers-Li aus Peking vorbei, wo sich Liao Guohe mit einer Bilderserie aus bewusst ungelenk wirkenden Malereien dem brisanten Thema der Verfolgung Andersdenkender annimmt. Seine mit «Burn Witches» betitelten Bilder dürfen in China nicht verkauft werden, sagt uns die Galeristin.

Mit Fingerfarben gemalt: «Cobalt Blue Earring» von Amoako Boafo. Foto: Christoph Heim

Dann eilen wir zu Mariane Ibrahim (Chicago) und der Blank-Gallery (Kapstadt), die in der Messeabteilung Nova neue Kunst von schwarzen Künstlern vorstellen: Der aus Ghana stammende und in Wien lebende Amoako Boafo malt auf seinen Gemälden die Gesichter mit Fingerfarbe, was zu skulpturalen Oberflächen voller Schrunden, aber auch zu einer geheimnisvollen Buntheit führt. Die ganze Werkgruppe war im Nu ausverkauft.

Der 1986 geborene Cinga Samson bei der Blank-Gallery sucht ebenfalls nach einer passenden Repräsentation der Schwarzen in der Malerei. Er kombiniert sie gerne mit Bildern weisser Mode-Idole und malt ihnen Gesichter mit schneeweissen Augen ohne Pupillen, denen etwas Geisterhaftes anhaftet. Bei der Isla Flotante endlich sind wir dann wieder in Lateinamerika, genauer gesagt, in Buenos Aires angekommen, wo uns die abstrakten, mit Schnüren verknüpften und verknoteten Kleiderskulpturen von Mariela Scafati gerade deshalb fesseln, weil ihre politische Botschaft nur unterschwellig ist.

Immer grösser, immer mehr

Was noch? Die Messe in Miami Beach, die 269 Galerien aus aller Welt versammelt, wartet mit einer gewaltigen Bilderflut auf, die einen unendlichen, nicht auszuschöpfenden Reichtum an Geschichten bereithält. Als ob das nicht schon mehr als genug ist, wurde sie in diesem Jahr erstmals um eine zweite Show erweitert, die sich Meridians nennt und so etwas wie der kleinere Bruder der Art Unlimited in Basel sein soll. Alles in allem übt diese neue Show voller Grossformate und mit riesigen Installationen einen beträchtlichen Reiz aus, auch wenn sie nie und nimmer an das grosse Vorbild heranreicht.

Auf unserer Tour machen wir schliesslich noch ein Foto von dem aus Eisen gefertigten Wurzelstock, den Ai Weiwei nach einem hölzernen Original giessen liess, das aus dem brasilianischen Urwald stammt. Es handelt sich dabei um ein Objekt, das sich durchaus als kritischer Kommentar zur Abholzung des Regenwalds verstehen lässt.

Am Schluss begegnen wir noch Adrian Villa Rojas riesenhaftem Känguru, das wie Erlichs Sandskulptur am Strand noch einmal die diffusen Zukunftsängste unserer Zivilisation anspricht: Mit seinem Rucksack voller Kuhhörner kommt einem das Tier wie ein Überlebender des Anthropozän vor, der Überreste einer untergegangenen Kultur mit sich herumträgt.

Ein Kommentar zur Regenwaldrodung? Der Wurzelstock von Ai Weiwei. Foto: Keystone

Die Reise fand auf Einladung der Art Basel statt.

Erstellt: 06.12.2019, 18:32 Uhr

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