«Kunst war für die frühen Menschen überlebenswichtig»

Der Anthropologe Carel van Schaik erklärt, warum schon die Vorläufer des Homo sapiens Muscheln verzierten.

Rund 14'000 Jahre alt: Wandmalerein in der Höhle von Altamira im Norden Spaniens. Foto: Album, Oronoz, akg-images

Rund 14'000 Jahre alt: Wandmalerein in der Höhle von Altamira im Norden Spaniens. Foto: Album, Oronoz, akg-images

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Seit wann macht der Mensch Kunst?
Seit ungefähr 500'000 Jahren. Jedenfalls datieren die ersten Belege für eine künstlerische Betätigung – mit Kerben dekorierte Muscheln – aus dieser Zeit. Allerdings ist es durchaus möglich, dass schon früher Kunst gemacht wurde, dass aber diese Artefakte schlicht nicht überdauert haben.

Warum definieren Sie solche Einkerbungen als Kunst?
Weil sie keinen praktischen Nutzen erfüllen. Jemand hat sich hingesetzt und etwas geschaffen, das allein dem Auge schmeichelt. Ist es nicht fantastisch, wie ähnlich uns unsere Vorfahren darin waren? Das Bedürfnis, sich kreativ auszudrücken, ist also mehr als doppelt so alt wie der Homo sapiens, der erst vor 200'000 Jahren auftauchte.

Wie fanden diese frühen Menschen, deren kurzes Leben bestimmt war vom Jagen, Sammeln und vom Grossziehen der Kinder, überhaupt Musse, sich künstlerisch zu betätigen?
Es ist ein weitverbreitetes Missverständnis, dass die so kurz gelebt haben. Die Lebenserwartung in der Frühzeit wird deshalb als so kurz angegeben, weil die Kindersterblichkeit relativ hoch war. Wer aber ins Erwachsenenalter kam, konnte durchaus 70, 80 Jahre alt werden. Und sogenannte Mussestunden gab es durchaus: Nach der Jagdsaison verbrachte man die kalte Jahreszeit in Höhlen, die man auch bemalte. Vermutlich verzierten die Leute damals auch ihre Körper mit Farbe, ausserdem tanzten und musizierten sie.

Kunst ist also aus Langeweile entstanden? Das widerspräche dem Mythos vom Künstler, der an der Gesellschaft verzweifelt und dies in seinem Werk verarbeitet.
Der Ursprung der Kunst ist weder Langeweile noch gesellschaftliches Aussenseitertum. Die Lösung ist viel simpler: Der Mensch ist biologisch dazu programmiert, Kunst zu machen.

Wie das?
Kunst diente ursprünglich zwei Zwecken – der Partnerwahl und dem sozialen Zusammenhalt. Heute noch beobachtet man bei Stammeskulturen, deren Zusammenhalt unmittelbar essenziell ist für das Überleben aller – zum Beispiel, weil man gemeinsam auf die Jagd geht –, dass auch die Mussestunden gemeinsam verbracht werden: Man sitzt dann ums Lagerfeuer und musiziert. Was dann passiert, kennt jeder, der einmal in einer Band gespielt hat: Das gemeinsame Erschaffen von etwas verbindet unglaublich. Von diesem Gefühl der Verbundenheit hing das Überleben unserer Vorfahren ab. Kunst war überlebenswichtig.

Das ist interessant, wenn man in Betracht zieht, dass viele Leute die Kunst heute für einen verzichtbaren Luxus halten.
Absolut. Vor allem, wenn man sich die zweite Ur-Funktion der Kunst vor Augen führt, die Partnerwahl. Wenn man in einer Gruppe gemeinsam etwas macht, sticht jemand sofort hervor, der sich dabei besonders geschickt anstellt. Er hebt sich von der Masse ab und wird als attraktiver Sexualpartner wahrgenommen. Deswegen ist dem Mensch der Drang angeboren, Kunst zu machen.

Er steckt bis heute in uns?
Abgeschwächt vielleicht, und nicht bei allen gleich stark ausgeprägt – aber ja. Insofern hatte Joseph Beuys recht: Jeder Mensch ist ein Künstler.

Beobachtet man diesen Drang auch bei Menschenaffen?
Eben nicht. Weil Affen viel weniger auf Kooperation angewiesen sind als wir Menschen und weil sie keine langfristigen Paarbindungen kennen. Schimpansen, denen man im Rahmen einer Studie Malutensilien zur Verfügung stellte, zeigten kaum Interesse dafür. Es existiert kein biologischer Nutzen dafür, also braucht es auch keine «Affenkunst».

Gibt es denn gar keine Tiere, die kunstähnliche Dinge tun?
Doch, da kann man immer wieder verblüffende Parallelen feststellen. Nämlich bei Tierarten, bei denen die Männchen nicht über das Äussere werben, wie etwa beim Pfau mit seinem prachtvollen Rad. Bei Delfinen zum Beispiel beobachtet man Synchronsprünge: Je gleichmässiger das einem Verbund von Delfinmännchen gelingt, umso effektiver ist die Allianz, und umso mehr ist die Konkurrenz beeindruckt. Auch im Vogelreich gibt es einen solchen Fall: Das Laubenvogel-Männchen baut am Boden eine Ast-Skulptur und dekoriert sie, indem es bunte Beeren, Blüten oder auch bunten Abfall darum herum arrangiert. Vor dieser Kulisse singt es dann und führt eine Art Tanz auf. Je üppiger dieses Gesamtkunstwerk ausfällt, umso eher lässt sich ein Weibchen anlocken. Ihm wird eine regelrechte Oper geboten.

Frühe Menschen musizierten und tanzten, wie Sie gesagt haben. Das sind Kunstformen, die man in der Gruppe ausführt. Wie passen Malerei und Bildhauerei ins evolutionäre Bild?
Ich vermute, dass die sogenannten solitären Kunstformen später entstanden sind als die Gruppenkünste. Trotzdem müssen auch ihnen soziale Funktionen zugrunde liegen, etwa insofern, als der Künstler oder die Künstlerin seine oder ihre Qualität kommuniziert und sich so als Individuum von den anderen abhebt. Da wird es zwangsläufig kompetitiv: Mein Faustkeil ist schöner als deiner.

Inwiefern spiegeln sich diese Erkenntnisse und Theorien in der Art, wie sich Kinder künstlerisch ausdrücken?
Zum Beispiel darin, dass man kein Kind dazu zwingen muss, kreativ zu sein. Singen, tanzen, zeichnen – es tut das alles spontan, und zwar unabhängig vom Geschlecht sowie vom sozialen und kulturellen Umfeld. Das ist kein Wunder: Die Wurzeln der Kunst sind biologisch. Gibt man einem Kind Stift und Papier, wird es erst Striche zeichnen, dann geschlossene Formen, schliesslich Farbflächen. Das sind keine spontanen Kritzeleien, da ist ein Plan dahinter. Krass gesagt, läuft da ein biologisches Programm ab. Deswegen ist es auch komplett falsch, wenn man das Kind unterbricht und ihm «helfen» will. Keine Überraschung, wehrt sich das Kind vehement dagegen: Was es da tut, ist intuitiv richtig.

Kinderzeichnungen erscheinen oft abstrakt. In der modernen Kunst wetteifert das Abstrakte schon lange mit dem Figurativen. Bringt das Wissen um diese biologische Programmierung ein neues Argument in die Diskussion?
Vermutlich sind die Abstraktionen in Kinderzeichnungen figurativ gemeint. Damit wäre nicht nur das Abstrakte aus dem Figurativen hervorgegangen, sondern eben auch umgekehrt. Das wäre dann wohl wie beim Huhn und dem Ei.

Ein philosophisches Rätsel.
Vom anthropologischen Standpunkt aus ist die Kunst durchaus mit der Religion vergleichbar. Grob gesprochen, sind wir alle ethnografisch irgendwie religiös, glauben an übernatürliche Akteure. Mit den Umständen, in denen die Menschen lebten, änderten sich die Vorstellungen dieser Akteure. Die Inkas hatten andere Götterbilder als ein Seefahrervolk. Der Glaube passte sich immer der Zeit, dem Umfeld, den Bedürfnissen der Leute an. Und so sind auch Form und Funktion der Kunst in stetem Wandel.

Wenn wir nach dem heutigen Wissensstand also eigentlich keinen Schöpfergott mehr brauchen, dann könnte man auch spekulieren, dass auch die Kunst irgendwann überflüssig wird.
Braucht es Leistungssport? Natürlich nicht. Trotzdem wird er ausgeführt. Es ist menschlich, sich sportlich zu messen. Und es ist ebenso menschlich, an etwas zu glauben, sich künstlerisch auszudrücken, das Leben wertvoll zu gestalten. Man kann ja nicht nur Kartoffeln sammeln den ganzen Tag lang.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2016, 17:42 Uhr

Carel van Schaik. Der holländische Anthropologe und Primatenforscher leitet seit 2004 das anthropologische Institut und Museum der Uni Zürich.

Ausstellung

Kunst in der Evolution

«Kunst – ein evolutionärer Denkansatz» heisst die kleine Sonderausstellung im Anthropologischen Museum der Uni Zürich, die den Vorläufern und der Frühzeit von Ästhetik und Kunst nachspürt. Besonderes Augenmerk gilt den Ergebnissen eines Kooperationsprojekts der Uni Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK), bei dem man die Kunstaffinität von Schimpansen untersuchte. Die Ausstellung dauert noch bis 28. April 2017. (psz)

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