Lebe und stirb, schrei und lebe

Sein Werk ist wie ein Naturgesetz: Die Retrospektive des US-Künstlers Bruce Nauman ist in Basel zu sehen. Danach wird sie im Museum of Modern Art in New York gezeigt.

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Das Leben ist ein Loop. Die Greise werden wie Kinder, Säuglinge sehen wie Greise aus. Auch Kunstgeschichte geht im Kreis herum – seit es 1960 mit der zeitgenössischen Kunst so richtig losging, dreht sich das Karussell gar schneller: Noch während man das Ende der Malerei (der Ironie, der Abstraktion, der Materialität usw.) feierlich verkündet, taucht das soeben Totgesagte am anderen Ende wieder auf.

Erst jetzt, anlässlich seiner grossen Retrospektive, die heute im Schaulager Vernissage feiert, wird man so richtig gewahr: Einer bleibt. Bruce Nauman. Sein Werk ist wie ein Naturgesetz – es definiert das Verhältnis zwischen Mensch und Kunst, unabhängig von Parametern und Moden. Dabei hat der 77-jährige Amerikaner eine Ähnlichkeit mit dem Magier Houdini. Gerade wenn man meint, dem Geheimnis seiner Kunst auf die Spur gekommen zu sein, macht er sich aus dem Staub.

Kunst, die den Verstand raubt

In seinem Nick-Wilder-Korridor (so benannt nach Naumans Galeristen in Los Angeles, welcher die Installation erstmals 1970 ausstellte) zeigt sich das exemplarisch. Die Anlage ist, wie meist bei Nauman, kindlich einfach: Zwei Wände, eng aneinander. In diesem klaustrophobischen Raum versteckt sich eine Kamera. Betritt man ihn, erscheint auf den Monitoren ein Überwachungsbild. Irritierenderweise halb genau: Man sieht sich auf dem Bildschirm von hinten statt von vorne, auch die Grössenverhältnisse spuken. Klingt harmlos? Zieht einem aber den Boden unter den Füssen weg.

Das tiefe Gefühl der Verunsicherung, welches Nauman beim Besucher so zielgenau zu erzeugen weiss, hat im Verlauf der Jahre an Aktualität gewonnen – selten in der Geschichte der Menschheit war die Bedrohung einer bildverzerrenden Überwachung so akut wie zurzeit. In den 70er-Jahren deutete man die Installation konkret und politisch (Vietnam, CIA, Folter); in den 80ern wirkte sie durch die starke Emotion, die sie erzeugt, expressiv. Im Schaulager steht sie im Kontext von Naumans ganzem Lebenswerk, und man hat zum ersten Mal das Gefühl, den hinter seinem Werk versteckten Künstler wenigstens aus einem Augenwinkel, irgendwo am Rande des Geschehens zu erblicken.

Die Schaulager-Ausstellung wurde «Disappearing Acts» betitelt, frei übersetzt «Das Gesetz des Verschwindens». Und der kuratorische Zugriff der Ausstellungsmacherinnen eifert der diskreten Virtuosität des Meisters nach. Der Besucher kann die Zusammenhänge selbst erfahren, erahnen, ohne dass sie ihm je auf die Nase gebunden werden. Die Entwicklung der Korridor-Arbeit etwa, man kann sie vom Saal zu Saal verfolgen – wenn man will. Beim unauffälligen ersten Schritt beginnen, dem bescheidenen Videowerk «Walking with Contrapposto».

Contrapposto ist ein uralter Bild­hauer­trick – ein Bein der Marmorfigur wird neckisch vorgelagert, wodurch die ganze Komposition mehr Schwung erhält. Auf diese Weise zu «gehen», ist eine Absurdität, in einem engen Korridor gar ein Ding der Unmöglichkeit. Und doch versucht es der Künstler, immer wieder. Zuletzt in den neuen, grossartigen Projektionen in 3-D-Technik. Sichtlich gealtert, in einem T-Shirt mit Löchern, übt der Meister in seinem jüngsten Werk immer noch den unmöglichen Schritt. Sein schlichtes Atelier in New Mexico, wohin er sich verzog, um Pferde zu züchten und dem Kunstrummel aus dem Weg zu gehen, wird erneut zum Zeugen seines schönen Scheiterns.

Eine Ehre für Basel – aber auch ein Glücksfall fürs Moma.

Es ist die erste grosse Retrospektive Naumans seit 25 Jahren. Bevor sie im Museum of Modern Art (Moma) in New York gezeigt wird, ist sie im Schaulager zu sehen. Eine Ehre für Basel – aber auch ein Glücksfall fürs Moma. Denn schon seit den 70er-Jahren erkannte man in der Stadt am Rhein Naumans Bedeutung. Franz Meyer, Direktor des Kunstmuseums Basel, und die von Maja Sacher gegründete Emanuel-Hoffmann-Stiftung, deren Bestände dem Museum zur Verfügung stehen, haben damals die ersten Werke des noch jungen Künstlers angekauft. Seither behielt sowohl die Hoffmann-Stiftung wie auch die neue, von Maja Sachers Enkelin Maja Oeri gegründete Laurenz-Stiftung den Ausnahmekünstler im Auge. Mit dem Resultat, dass es jetzt in Basel eine grössere Gruppe wichtiger Nauman-Arbeiten gibt als sonst irgendwo auf der Welt.

«Nichts an seinem Werk erscheint altmodisch», sagt Kathy Halbreich, die langjährige Moma-Kuratorin, die die Schau nun gemeinsam mit Heidi Naef vom Schaulager ausrichtet, bei einer frühen Begehung der Säle. Halbreich hat auch die letzte Retrospektive Naumans kuratiert. Diese tourte damals durch sechs Museen und kam 1995 ins Kunsthaus Zürich. Was sich seither verändert habe? «Die Haltung des Künstlers», sagt Halbreich. «Jene heilige Wut, die ihn einst auszeichnete, ist einer distanzierten Melancholie gewichen, einer professionellen Nüchternheit und ruhiger Meisterschaft.»

Wem oder was die angsteinflössende Wut Naumans galt, hilft diese Ausstellung wie keine andere bisher zu verstehen: Vor allem in den 80er-Jahren erreichten seine Installationen eine beinahe unerträgliche, aggressive Intensität. Etwa die 1987 entstandene «Clown Torture», eigentlich eine läppische Burleske auf mehreren Bildschirmen: Ein Clown sitzt auf dem Klo, balanciert ein Goldfischglas oder wird mit Wasser übergossen. Das ist alles sehr laut, und wer je in einem Galerieraum mit dem Werk konfrontiert wurde, mag sich noch an dieses herzzerreissende (und nervtötende) «No! No! No!» des Clowns erinnern, ein Aufschrei geschundener Kreatur, der einem gnadenlos, endlos in die Ohren hämmerte und danach nicht mehr aus dem Kopf wollte.

Themen spielerisch umtanzen

Umgeben von Vorstudien, Zeichnungen und anderen zur gleichen Zeit entstandenen Werken offenbart die Clownfolter eine eigene Logik, die einer vernichtenden Einsicht des Künstlers gilt: die in die lächerliche Vergeblichkeit des menschlichen Bemühens, die ultimative Brutalität der Existenz. Paradoxerweise ist es tröstlich zu sehen, wie geduldig sich Nauman dem düsteren Thema nähert, es spielerisch umtanzt, es hin und her trägt («wie ein Hund den Knochen», so Halbreich). Die Wut entpuppt sich nicht als eine aggressive Urkraft, sondern als ein bewusst herbeigeführter Arbeits­zustand, zwecks Überwindung kreativer Hindernisse.

Leben und Tod, Gewalt und Liebe sind in diesem Werk allgegenwärtig. Doch den unheilvollen Streit zwischen diesen Prinzipien kann auch die Kunst nicht schlichten. Hauptsache ist, dass sie es versucht. Und an der Unmöglichkeit des Erfolgs nicht scheitert. Manchmal wirkt das wie eine Folter, ein anderes mal wie eine Litanei. Das Werk «One Hundred Live and Die» von 1984 ähnelt so einer. «Live and die / live and live / sing and die / scream and live», leuchten die bunten Neonsätze rhythmisch auf. Bis sie am Schluss alle glühen, wie eine Hymne. «Lebe und sterbe» heisst der erste Satz. «Bezahl und lebe» der letzte.

17. 3. bis 26. 8. im Schaulager Basel

Erstellt: 15.03.2018, 17:41 Uhr

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