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Lichtgeschützt und säurefrei

Die Graphische Sammlung der ETH Zürich ist nur zwölf Jahre jünger als die Hochschule selbst. Nun feiert sie ihr 150-Jahr-Jubiläum – mit einer Ausstellung, die bis ins Helmhaus «überschwappt».

Paulina Szczesniak
Es gibt sie schon 150 Jahre, die Graphische Sammlung der ETH Zürich. Zum runden Geburtstag leistet sie sich eine grosse Ausstellung, an der sie (fast) ausschliesslich Kunst zeigt, die in den letzten 20 Jahren entstanden ist. Zum Beispiel Marc Bauers «Threesome III», ein Blatt aus der Serie «Threesome I-III» von 2009. Digital-/Inkjet-Druck auf Offset-Papier, Expl. 5/125.
Es gibt sie schon 150 Jahre, die Graphische Sammlung der ETH Zürich. Zum runden Geburtstag leistet sie sich eine grosse Ausstellung, an der sie (fast) ausschliesslich Kunst zeigt, die in den letzten 20 Jahren entstanden ist. Zum Beispiel Marc Bauers «Threesome III», ein Blatt aus der Serie «Threesome I-III» von 2009. Digital-/Inkjet-Druck auf Offset-Papier, Expl. 5/125.
Graphische Sammlung ETH Zürich
Oder mit der Collagetechnik, wie das Boris Rebetez tut. Ohne Titel, aus der Serie «Walking Days», 2001. Collage.
Oder mit der Collagetechnik, wie das Boris Rebetez tut. Ohne Titel, aus der Serie «Walking Days», 2001. Collage.
Graphische Sammlung ETH Zürich
Ganz am anderen Spektrum der Verspieltheit: Francesca Gabbianis handkolorierte Radierung «The Night of the Hunter II» aus der Serie «The Night of the Hunter», 2008.
Ganz am anderen Spektrum der Verspieltheit: Francesca Gabbianis handkolorierte Radierung «The Night of the Hunter II» aus der Serie «The Night of the Hunter», 2008.
Graphische Sammlung ETH Zürich
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Ein weisser Spannteppich – im Ernst? Ende der 1960er-Jahre war der White-Cube-Trend auch in den altehrwürdi-gen Hallen der ETH angekommen. Genauer: im kleinen Ausstellungssaal der hauseigenen Graphischen Sammlung, im Hauptgebäudespickel an der Ecke Leonhard-/Carl-Schmid-Strasse. Neutral hatte alles zu sein. Also: Kassettendecke verschalt, Sempers filigrane Säulen verkleidet und, eben, Teppich verlegt.

In den 90er-Jahren wurde dem Spuk ein Ende gesetzt und der Originalzustand wiederhergestellt. Ein Glück: Die Spuren der Besucherschuhe auf dem weissflauschigen Boden möchte man sich wirklich nicht ausmalen. Würde die Sammlung jetzt nicht ohnehin schon feiern, man müsste prompt ein Glas auf die damalige Entscheidung heben.

Doch wie gesagt: Die Sammlung feiert, und zwar das 150. Jubiläum ihrer Gründung. 1867 war das – da war die ETH selbst erst zwölf Jahre alt und die Bundesverfassung noch keine 20. Sie ist also eine Institution mit Tradition, diese Graphische Sammlung, und pflegt entsprechend eine diskrete, aber seriöse Erscheinung (inklusive der Schreibweise mit «ph»). Kein Museum im herkömm­lichen Sinn, sondern «Kompetenzzentrum für Kunst auf Papier» (Direktorin Linda Schädler), ist sie sogar montags zugänglich. Trotzdem unterhält sie einen kleinen, feinen Ausstellungsbetrieb mit vier bis fünf Präsentationen pro Jahr, die sich jeweils aus dem inzwischen 160'000 Blätter umfassenden Sammlungsbestand speisen.

Maximal 20 Jahre alt

Ein Bestand, der konstant weiterwächst. Der jährliche, vom Bund zur Verfügung gestellte Ankaufskredit wird zwar nicht kommuniziert. Allzu üppig dürfte er aber nicht sein, denn man sammelt hier budgetbewusst: Zeitgenössisches, mit Schweizer Schwerpunkt. Was auch sinnvoll ist; schliesslich will man à jour bleiben; zudem sind die Altmeister dank Schenkungen schon recht gut vertreten.

Dass die breite Öffentlichkeit diese Sammlung dennoch nicht mit Gegenwartskunst in Verbindung bringt, mag am Medium Grafik liegen, dem nach wie vor etwas Staubiges anhaftet. Zudem erwartet man an der ETH Naturwissenschaft und Technik, nicht Schöngeistiges. Zeit also für eine Imagekorrektur: Zum Jubiläum gönnt man sich, was für diese Sammlung durchaus als Superschau gelten darf: 400 Werke hat das achtköpfige Team aus den unzähligen Flachschachteln ausgesucht, in denen die Schätze heute lichtgeschützt und säurefrei gelagert werden (seit man die bis ins 19. Jahrhundert gängige Praxis, wonach Grafiken wie Panini-Bilder in Alben geklebt wurden, fallen gelassen hat).

Die Bildthemen haben sich über die Jahrhunderte erstaunlich wenig gewandelt.

So viel auf einmal gab es aus dieser Sammlung noch nie zu sehen. Vor allem nicht aus diesem Blickwinkel: Fast alle der ausgestellten Arbeiten sind in den letzten 20 Jahren entstanden. Nur vereinzelt wurden, zwecks kunsthistorischer «Aromatisierung», Glanzstücke aus dem 15. bis 18. Jahrhundert dazwischengestreut. Sie geben eine hübsche Reibungsfläche für das Neue ab – etwa da, wo die grotesk muskelbepackten Nackedeis des niederländischen Renaissancekünstlers Hendrick Goltzius (um 1600) auf die filigranen Gestalten Zilla Leuteneggers treffen (die sie, bei spontanen Kreativitätsschüben, auch gern mal auf Hotel-Briefpapier zeichnet).

Der Körper als Kunstobjekt; die Endlichkeit des Lebens; (Traum-)Landschaften; Politisches: Die Bildthemen sind bunt gemischt – und haben sich über die Jahrhunderte erstaunlich wenig gewandelt. «Ewige Gegenwart» heisst die Jubiläumsschau deshalb – was etwas pathetisch klingt, in Wahrheit aber auf das gleichnamige Buch des Architekturhistorikers Sigfried Giedion (1888–1968) zurückgeht. Darin beschreibt er die Praxis prähistorischer Wandmaler, Vorgefundenes nicht zu übermalen, sondern vielmehr zu ergänzen. Wir begreifen: Hier herrschen Koexistenz und Kontinuität.

Weil die Fülle der Werke nicht in den Saal der Graphischen Sammlung gepasst hätte, erhielt man Asyl im Helmhaus. Einen viertelstündigen Spaziergang entfernt ist dort der Grossteil der Schau untergebracht – die erfreulich luftig daherkommt: Die Exponate hängen nicht dicht an dicht, sondern fügen sich lose zu einer abwechslungsreichen Tour de Grafik.

Köstliche Sauereien

Zeichnungen, Holzschnitte, Radierungen, Lithografien, Siebrucke hängen hier durcheinander (mehr zu den verschiedenen Techniken erfährt man an einem Expertengespräch mit Thomi Wolfensberger von der gleichnamigen Zürcher Traditionsdruckerei). Vereinzelt gibt es auch Fotografie, die schliesslich ebenfalls Papier als Bildträger hat: nüchtern, aber hypnotisch die menschenleeren ETH-Säle, aufgenommen von der Becher-Jüngerin Candida Höfer. Am anderen Ende der Verspieltheitsskala stehen die Radierungen Francesca Gabbianis: Fantasiewappen, wie sie auf dem Siegel eines Adelsgeschlechts prangen könnten – wenn da nicht, bei genauerer Betrachtung, ein Oktopus eine Schnapsflasche umklammert hielte.

Ja, Grafik kann auch lustig. Das wusste schon Jacques Callot vor rund 400 Jahren: Seine «Versuchung des Heiligen Antonius» kann mit den köstlichen Sauereien eines Hieronymus Bosch locker mithalten. Wer dessen Wimmelbilder schätzt, für den ist Callots Werk allein schon einen Besuch wert.

Ab heute Freitag. Bis 17. April. Rahmenprogramm: www.gs.ethz.ch

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