Löwenbräu, die Zweite, die Dritte, die …

Das Zürcher Powerhouse der Gegenwartskunst wird umgebaut – schon wieder.

Wird ab August 2018 erneut umgebaut: Das Löwenbräu-Areal in Zürich. Bild: Keystone

Wird ab August 2018 erneut umgebaut: Das Löwenbräu-Areal in Zürich. Bild: Keystone

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Nur sechs Jahre nach der Neueröffnung des umgebauten Kunstzentrums Löwenbräu geht es an der Limmatstrasse wieder los: Neupositionierung, Umbau, Anpassung der Infrastruktur an die Publikumsbedürfnisse. Man meint ein Echo von vor zwölf Jahren zu hören, als es mit dem zweiten Umbau des Areals losging. Schon damals wollte man die in den 1990er-Jahren erstmals erfolgreich zu einem Kunstzentrum umgestaltete ehemalige Brauerei modernisieren, verbessern, zu einem neuen Leben erwecken. Und nun informiert die Löwenbräu-Kunst AG, bei der die Stadt Zürich, die Migros und der Verein Kunsthalle Zürich beteiligt sind, über einen weiteren Umbau. «Wir erwarten die Baubewilligung dieser Tage, Rekurse gibt es keine», sagt Verwaltungspräsident der Löwenbräu-Kunst, Norbert Müller. Im August sollen die Arbeiten beginnen.

Die Geschichte des letzten Umbaus war eine schmerzhafte und liesse sich unter der Überschrift Pleiten, Pech und Pannen subsumieren: Man schlitterte mitten im Planen in die Finanzkrise, musste zwischen den Auflagen des Denkmalschutzes und den Ansprüchen der Immobilieneignerin PSP lavieren und im Bestreben um die Sicherung der kulturellen Nutzung manchen Kompromiss eingehen. Dann kamen Ausführungsfehler der Baufirma dazu, Rechtsstreit, bauliche Nachbesserungen, und als ob das nicht genug Unglück wäre, machte der veränderte internationale Kunstmarkt mit Tendenz zur Konzentration auf grosse Galerien und grosse urbane Zentren den im Löwenbräu angesiedelten Kunsthändlern das Leben schwer.

Höhere Gewalt? Mag sein. Doch wenn die Löwenbräu-Kunst AG heute ihr allerneustes Gesundungskonzept für das Kunstzentrum bekannt gibt, drängt sich die Frage auf: Warum nicht schon damals? Das Kernstück des neuen Konzepts soll nämlich ein Restaurant im Parterre-Bereich des Areals bilden. Als ob man damals nicht gewusst hätte, dass Kunst und Cappuccino zusammengehören. Das neue Konzept brilliert immerhin mit einem architektonischen Kniff, auf den damals niemand gekommen ist – obwohl schon damals das auch jetzt beauftragte Architekturbüro Gigon/Guyer am Umbau beteiligt war. Um die denkmalgeschützte Brauerei zu schonen, wird das Areal neu über einen Bereich erschlossen, den es bisher gar nicht gab: eine Schneise zwischen dem sogenannten kleinen und dem grossen Löwenbräu.

Als kleines Löwenbräu wird bisher umgangssprachlich der mit der Limmatstrassen-Nummer 268 versehene Teil bezeichnet, in dem früher die Daros-Sammlung untergebracht war und der seit dem Auszug Daros’ an die Galerien Francesca Pia, Gregor Staiger sowie die Edition Patrick Frey und an den Parkett-Ausstellungsraum vermietet ist. Der bisher getrennte linke und rechte Teil des Löwenbräus wird durch den neuen Eingang verbunden, eine zusätzliche Erschliessung des Gesamtareals wird so möglich, die viele Vorteile bietet, nicht zuletzt jene des wirklich bequemen Behinderten- und Kinderwageneingangs.

Den grössten Teil des Parterre wird neu der Gastrobetrieb Tschingg AG belegen, der seinen bereits bestehenden unkomplizierten Pasta-Lokalen im Oberdorf, in Oerlikon und am Stauffacher damit eine West-Erweiterung hinzufügt. Eine Kooperation mit der Markthalle der Gasometer AG ist von Fall zu Fall vorgesehen. Im Sommer wird es Tische auf der Limmatstrasse vor dem Löwenbräu geben, doch hier funkt wieder der Denkmalschutz dazwischen, denn eine direkte Verbindung zwischen dem Innen- und dem Aussenbereich des Restaurants darf man nicht herausbrechen, die Bedienung der Aussentische geschieht über den gemeinsam mit den Museen und Galerien genutzten Eingangsbereich.

Die grossen Galerien haben nicht angebissen

Eine gemeinsame Nutzung darf denn auch als das Leitmotiv des neuen Belegungskonzepts bezeichnet werden, welches Norbert Müller manchmal neusprachlich «Art-Hub» nennt, und manchmal gut schweizerisch «Allmend». Nicht nur soll das Leben in den Gängen und auf den Terrassen des Löwenbräus intensiviert werden, die ehemalige Bob van Orsouw Galerie im Obergeschoss wird auch als eine gemeinsame Heimstätte an mehrere kleinere Galerien vermietet. Drei dieser neuen Mieter stehen schon fest, es ist die bereits jetzt im Löwenbräu angesiedelte Galerie Barbara Seiler, die bisher an der Hardstrasse geschäftende Galerie Annex 14 sowie die Berliner Galerie Hubertushöhe, die Kunst und Architektur in einem stark kuratorisch geprägten Konzept präsentiert.

Das Galerie-Sharing-Konzept ist vorbildlich, scheint aber im vorliegenden Fall eher eine aus der Not entstandene Tugend zu repräsentieren. Offensichtlich hat man zuvor eine der grossen internationalen Galerien nach Zürich locken wollen (dieses Konzept hätte «Headquarters» geheissen), doch keiner der vorhandenen Interessenten hat am Ende angebissen. Die Unlust der Grossen mag für den Kunsthandelsstandort Zürich keine gute Prognose abgeben, sie kann aber auch einfach durch die Angst vor mächtiger Konkurrenz motiviert sein, denn im Löwenbräu ist einer der wichtigsten Global Players schon zu Hause: die hier gross gewordene und trotz Filialen auf der ganzen Welt dem Areal unverbrüchlich Treue haltende Galerie Hauser & Wirth. Auch bei H&W hat man nachgerüstet, wie Direktor Florian Berktold erklärt, durch den Einbau einer Klimaanlage im Parterre werden noch hochkarätigere Ausstellungen mit historischer Kunst möglich.

Migros-Kulturprozent zieht ein

Eine weitere Veränderung in der Zusammensetzung der Löwenbräu-Mieterschaft ist womöglich ähnlich wie das Konzept «Allmend» weniger ein konzeptueller Schachzug als eine pragmatische Lösung: In die ehemaligen Räume der Galerie Eva Presenhuber (die hier bis vor kurzem einen Zweitstandort betrieb) ziehen nun die Kulturprozent-Büros der Migros ein. Die Direktion Kultur und Soziales, also die Co-Vermieterin selbst, siedelt ihre sechzig Mitarbeiter neben dem ebenfalls von der Genossenschaft finanzierten Migros-Museum für Gegenwartskunst an und hofft, dass diese gemeinsam mit den Partnern und Gesuchstellern der vom Kulturprozent unterstützten Projekte ein neues, auch tagsüber präsentes Publikum stellen.

Der Zeitplan für das alles ist straff, bereits im März 2019 soll das neue Restaurant den Betrieb aufnehmen. Das Budget des Umbaus beläuft sich auf 3,5 Millionen Franken und wird aus den Mitteln der Löwenbräu-Kunst AG bestritten. Für die Zeit des Umbaus gibt es komplexe Raumrochaden, die erlauben, dass alle Galerien und Museen offen bleiben. Neuerliche Baumängel fürchtet man nicht, die Bausubstanz an dem Ort, wo gebaut wird, sei stabiler.

Unter dem Strich bleiben ungelöste Probleme, die den künftigen Hausfrieden kaum befördern werden. Zum einen weiss man nicht, wohin mit der beliebten Buchhandlung Kunstgriff, die dem Restaurant weichen muss. Vorübergehend zieht sie in die Räume des JRP-Ringier-Verlags, doch die sind alles andere als eine gute Passantenlage. Und dann ist da noch das Problem mit den Mieten. Zwischen den beiden nun einander gleichgestellten Teilen des Areals besteht nämlich ein steiles Gefälle. Die Mieten im «kleinen» Löwenbräu sind um einiges niedriger, weil sie an einen bis 2021 gültigen Vertrag mit Daros gebunden sind, den Francesca Pia übernehmen konnte (die anderen im 268 sind ihre Untermieter). Sollte dies zu Reibereien zwischen den Löwenbräulern führen, können sie immerhin neu bei einem Gläschen Prosecco direkt vor dem Haus streiten und damit zur lebhaften Ausstrahlung des Zentrums beitragen.

Erstellt: 01.06.2018, 10:01 Uhr

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