Malerische Berge

Landschaft fasziniert immer. Erst recht in der Winterthurer Ausstellung «Dutch Mountains». Sie zeigt, wie niederländische und schweizerische Künstler die Gebirgsmalerei entwickelten.

Monumentale Ruhe und Sinnlichkeit: Der untere Grindelwaldgletscher mit Lütschine und Mettenberg, Caspar Wolf (1774). Foto: SIK-ISEA (Philipp Hitz)

Monumentale Ruhe und Sinnlichkeit: Der untere Grindelwaldgletscher mit Lütschine und Mettenberg, Caspar Wolf (1774). Foto: SIK-ISEA (Philipp Hitz)

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Man könnte direkt gefühlvoll werden: So viele Landschaften, so viele gefasste Blicke auf die Welt, auf geformte, gewachsene Natur; Berge, Felsen, Wasser spielen darin die Hauptrolle. Das reicht von der kleinen, kaum postkartengrossen Radierung bis zum imposanten Ölgemälde. Das Staunen des Künstlers angesichts des Gesehenen; der Wille, durch Darstellung zu vermitteln, was er gesehen und vielleicht empfunden und erkannt hat beim Blick in die Welt; das Fassbarmachen von dem, was den Menschen übersteigt; sich künstlerisch etwas anzueignen, was zuvor kein Motiv für die Kunst war – das alles ist in der neuen Ausstellung zu finden. Einer Ausstellung, bei der die «Entdeckung der alpinen Alpenwelt aus der niederländischen Tradition heraus» im Winterthurer Museum Reinhart am Stadtgarten erstmals in grösserem Umfang ins Zentrum rückt.

Landschaften erfinden

Gebirgsmalerei also, von niederländischen und Schweizer Künstlern. Es beginnt bei Pieter Bruegel d. Ä. in der Mitte des 16. Jahrhunderts und endet in der Mitte des 19. bei Alexandre Calame. Zwischen ihnen ein gutes Dutzend weiterer Künstler mit rund 70 Werken, vor allem Zeichnungen und Radierungen, daneben aber auch eine Reihe von Ölgemälden: ein Landschaftserfindungs-Parcours, bei dem die Landschaft immer vertrauter wird, der Lebenswirklichkeit  immer näher kommt, ohne dass sie ihren Beispielcharakter verliert. Frisch und schön bei Johann Ludwig Aberli, markant barock bei Felix Meyer, von monumentaler Ruhe und Sinnlichkeit bei Caspar Wolf, noch im Kleinen gross gedacht bei Calame.

Schon Bruegels «Grosse Alpenlandschaft» besticht durch ihre weite Überschau, ihre Naturnähe, den dramatisch überzeugend in die Tiefe und Weite führenden Blick und Details wie die Gämse auf der Felsspitze oder den Galgenhügel im Tal. Topografisch bestimmbar sind solche Landschaften nicht, so wenig wie die von Allart van Everdingen, der hundert Jahre nach Bruegel zur Welt kam und seine Berge und Wasserfälle nicht wie andere Niederländer in Italien fand, sondern in Norwegen und Schweden.

Everdingens «Skandinavische Gebirgslandschaft mit Holzfällern und Blockhütten» (um 1655) macht den malerischen Auftakt zur mehr oder weniger chronologisch gehängten Ausstellung. In ihrer Nähe finden wir seinen Zeitgenossen Jan Both, auch er ein Italienreisender, der südliche Berge und südliches Licht in die niederländische Kunst brachte und für jüngere italianisierende Maler wichtig wurde.

Die Schau beginnt bei Pieter Bruegel d. Ä. und endet bei Alexandre Calame.

So auch für Jan Hackaert, der hier, zusammen mit Conrad Meyer, eine Hauptrolle spielt. Die beiden, der ältere Zürcher und der jüngere Amsterdamer auf Schweiz-Visite, haben als Erste realistische Darstellungen des Hochgebirges in die europäische Kunst gebracht. Sie arbeiteten manchmal nebeneinander und erkundeten gemeinsam das Glarner Gebirge. Danach war Hackaert noch allein unterwegs; die topografische Zeichnung der Viamala oder die luftig schwebenden ­«Ideallandschaften» sind schönste Zeugnisse dieses Unterwegsseins.

Goldenes Licht

Dass Hackaert und Meyer stille Revoluzzer waren, ist das eine; das andere ist, dass sie in dieser Ausstellung auch Gold auf Lager haben: Von Meyer gibt es eine herbstlich leuchtende «Sarganserlandschaft  mit dem Gonzen und dem Walensee», die im Katalog als erste wirklichkeitsgetreue Darstellung einer real existierenden Alpenlandschaft in Öl gewürdigt wird. Von Hackaert das nach der Rückkehr nach Amsterdam aus der Erinnerung geschaffene, in goldenes Spätlicht getauchte Meisterwerk «Der Zürichsee» (beide um 1660). Mag sein, dass manche Ufer gar steil abfallen und die Landschaft etwas stark zum Panorama geweitet erscheint: Ihrer inneren und äusseren Wahrheit tut das keinen Abbruch. 

Bis 20. Jan. 2019. Katalog Hirmer, 184 S., 35 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.07.2018, 18:35 Uhr

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