Mehr als Strichmännchen

Der Maler, Dissident und Vater einer Künstlergeneration A. R. Penck ist am Dienstag in Zürich gestorben.

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Es ist unumgänglich, jetzt schnell auf die «Strichmännchen» zu sprechen zu kommen, den Begriff, der an dieser Kunst und diesem Maler klebt wie ein Etikett. Und dieses Werk falsch auspreist.

Dass sich ein Œuvre so auf eine Formel bringen lässt, ist selten. Doch der Stil des am 5. Oktober 1939 in Dresden unter dem Namen Ralf Winkler geborenen Künstlers war prägnant. Auf seinen Gemälden tummeln sich Hunde, Männer, Penisse, Totenköpfe, gefasst in kräftige Konturen, flach gezeichnet wie Symbole oder Piktogramme. Dass ein Autodidakt, ein DDR-Dissident, ein Ausgebürgerter auch anders gekonnt hätte, das traute ihm die Öffentlichkeit offensichtlich nicht zu. Schon weil er seinem Stil über Jahrzehnte treu blieb und vor seinen Gemälden breitschultrig, bärtig und dickbäuchig auftrat wie ein malerisches Urviech.

International geschätzt

Seine Kunst war allerdings unter diesem Label nach der Ausbürgerung aus der DDR in den Achtzigerjahren auch so ausserordentlich erfolgreich, dass es erstens nicht nur in der Bundesrepublik dafür ausreichte, in Zusammenarbeit mit dem Künstler Jörg Immendorff und dem Galeristen Michael Werner deutsche Malerei als international höchst geschätztes Markenprodukt zu etablieren. Sondern zweitens eine ganze Generation von Nachfolgern als «Neue Wilde» an die Staffelei und in Lohn und Brot zu bringen. Und, drittens, auch noch in den USA einen Nachhall zu finden in der Malerei von Grössen wie Keith Haring oder Jean-Michel Basquiat.

Die Malerei, die deutsche Kunstgeschichte und der Markt haben sich an A. R. Pencks Kraftmeiereien gelabt. Und dabei geflissentlich übersehen, dass «Strichmännchen» womöglich eine schablonenhafte Vereinfachung des Lebensprojektes eines Ausnahmekünstlers war, der zum Autodidakten wurde, weil ihm, der nicht einmal die Volksschule abgeschlossen hatte, in der DDR die Aufnahme in die Akademie gleich viermal verweigert wurde.

Nachdem Künstler wie Jürgen Böttcher ihn in Abendkursen ausgebildet hatten, sorgten sie dafür, dass die Szene auch im Westen von diesem Talent erfuhr – während der Osten daran festhielt, ihm das Künstlersein zu verweigern, indem man ihn einfach nicht in den Berufsverband aufnahm. Es nützte nichts, dass er bei seiner zweiten Bewerbung listig den eigenen Namen hinter dem Pseudonym A. R. Penck versteckte, eines von vielen übrigens.

Der Künstler, der sich mit Mathematik, Physik und Kybernetik beschäftigt hatte, arbeitete an grundlegenderen Bildfindungen, als sie die zeitgenössische Kunst zu bieten hatte. Seine «Stand-Art» entwickelte er als universale Sprache aus Symbolen und Icons, schon lange bevor die ganze Welt nach der Jahrtausendwende von herkömmlichen Schriften und Bildern auf die Verwendung solcher Motive umstellte.

Das alles hat A. R. Penck dann aber wohl vergessen, als er – nach der Ausbürgerung und nach Jahren, in denen er mehrmals zur Documenta, aber auch epochalen Ausstellungen wie «Von hier aus» geladen war – zuletzt auch Weinetiketten und Sportwagen mit schlichten Motiven in klaren Konturen überzog. Und in den Medien das Strichmännchen gab. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.05.2017, 14:35 Uhr

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A. R. Penck

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