Meisterwerke mit Irritationspotenzial

Die Fondation Beyeler zeigt eine Retrospektive des Malers Balthus – mitten in der Kontroverse, was in der Kunst erlaubt sein soll und was nicht.

1938 von Balthus gemalt: «Thérèse rêvant» © Balthus, The Metropolitan Museum of Art, New York, Jaques und Natasha Gelman Collection, 1998 Foto: The Metropolitan Museum of Art/Scala Florenz

1938 von Balthus gemalt: «Thérèse rêvant» © Balthus, The Metropolitan Museum of Art, New York, Jaques und Natasha Gelman Collection, 1998 Foto: The Metropolitan Museum of Art/Scala Florenz

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Das Bild verstört. Ein Mädchen an der Schwelle zur Pubertät ist in einem erotischen Traum versunken. Ihre Wangen glühen, ihr Körper ist angespannt. Der Maler lenkt den Blick des Zuschauers mit mathematischer Präzision zum leuchtende Zentrum hin, dem von einer Unterhose bedeckten Schritt. Und als ob das noch nicht genug der Eindeutigkeit wäre, schleckt die Katze im Vordergrund an einem Teller, so weiss wie die Wäsche des Mädchens. Skandal?

Tatsächlich steht das 1938 entstandene Bild «Thérèse rêvant» des französisch-polnischen Malers Balthasar Klossowski de Rola, genannt Balthus, inmitten der jüngsten Kontroverse darum, was nun in der Kunst erlaubt sein sollte und was nicht. Eine Besucherin des Metro­politan Museum in New York, wo das Bild zur Sammlung gehört, verlangte vergangenen Dezember vom Museum eine Entfernung des Werks oder zumindest eine Relativierung des heiklen Bildinhalts. Was nicht verwundert: Das 20. Jahr­hundert mag viele Themen rund um die Sexualität enttabuisiert haben – die Instrumentalisierung der kindlichen Erotik durch Erwachsene wurde dabei umgekehrt aus dem unappetitlichen Dunkel ans Licht geholt und zu Recht kriminalisiert. Schwierig, den Blick auf «Thérèse rêvant» von dieser Kontroverse abzukoppeln.

Die Basler Ausstellung wurde vor #MeToo geplant

Ab kommendem Sonntag ist das Bild in der Fondation Beyeler in Riehen anlässlich der Retrospektive von Balthus zu sehen. Es ist die erste grosse Schau des Malers in der Schweiz seit jener in der Fonda­tion Gianadda vor zehn Jahren. Die Bedeutung des Malers ist in dieser Dekade gewachsen, sowohl was die positive Einschätzung seines kunsthistorischen Wertes anbelangt wie auch das Irritationspotenzial seiner Inszenierungen. Der Künstler hat es bei vielen seiner Werke auf eine starke, verstörte Reaktion der Zuschauer abgesehen.

Die aktuelle Ausstellung war schon lange in Planung, noch vor dem Aufflammen der – im Zusammenhang mit den #MeToo-Enthüllungen – entbrannten Kontroverse um die Darstellung junger Mädchen in aufreizenden Posen. Der Direktor der Fondation Beyeler, Sam Keller, erklärt: «Die Schau ist zwar nicht im Hinblick auf die Debatte konzipiert, doch sie hat damit an Aktualität und Bedeutung gewonnen. Deshalb haben wir uns vertieft mit diesem Aspekt im Werk von Balthus sowie der Frage nach der Kunstfreiheit auseinandergesetzt und das Vermittlungsprogramm erweitert.»

Ebenfalls in Riehen zu sehen: Noch einmal Thérèse ...

... und die «Passage du Commerce-Saint-André».

Konkret heisst das, dass während der ganzen Dauer der Ausstellung Kunstvermittler in den Sälen anwesend sein werden und für Fragen und Diskussionen zur Verfügung stehen. Es wird auch eine Wand eingerichtet, wo die Besucher ihre Kommentare anbringen können. Ein Panel zum Thema «Freiheiten und Grenzen der Kunst» ist in Vorbereitung. «Nur indem man Werke zeigt, kann die Öffentlichkeit sich ein Bild von ihnen machen und sich eine eigene, fundierte Meinung bilden», sagt der Beyeler-Kurator Raphaël Bouvier, der gemeinsam mit Michiko Kono die Ausstellung verantwortet. Sam Keller fügt an: «Zensur ist der falsche Weg. Gerade in der Debatte äussert sich ein wichtiges Potenzial der Kunst, nämlich zu Reflexionen und Diskursen anzuregen.»

Dass eine gezielte Provokation bereits hinter der Motivwahl Balthus’ stand, ist klar. Der 2001 im Alter von knapp 93 Jahren in der Schweiz verstorbene Künstler hinterliess persönliche Dokumente, die darauf hinweisen. Vor allem in seinen frühen Werken aus den 1930er-Jahren legte er es darauf an, das Publikum zu schockieren.

Gezielte Provokationenals Mittel zum Zweck

Hinter den Provokationen stand nebst einem künstlerischen Drang auch ein ganz profanes Kalkül, der Künstler wollte schnell berühmt werden und damit die Bernburgerin Antoinette de Watteville erobern. Seine Jugendliebe war damals einem anderen versprochen. Die Rechnung ging auf, Balthus wurde schnell bekannt, und die beiden konnten 1937 heiraten.

Das gewagteste der frühen Bilder, die «Leçon de guitare» von 1934, wurde in der ersten Ausstellung Balthus’ in der Galerie Pierre in Paris in einem separaten Zimmer, hinter einem Vorhang gezeigt. Der Künstler wollte später nicht mehr, dass es ausgestellt wird, und als sein Galerist Pierre Matisse, der Sohn des Malers Matisse, das beunruhigende Bild dem MoMA schenkte, zwangen die Geldgeber das Institut, es zu verkaufen. Es zeigt ein ausgestrecktes nacktes Mädchen, auf dem eine ältere Frau wie auf einer Gitarre spielt: die eine Hand an der kindlichen Vulva, die andere an den Haaren zerrend.

Die sorgfältigen Kompositionen Balthus’ wirken nie anzüglich.

Um die Provokation perfekt zu machen, pervertiert das Bild ein christliches Motiv: die Pietà, bei der die Mutter Gottes um den toten Jesus trauert. In Riehen hätte man das Werk gerne als einen wichtigen Bestandteil der historischen ersten Balthus-Ausstellung gezeigt, hat aber von der Privatsammlung, in der sich das Bild befindet, die Anleihe nicht bekommen.

Selbst dieses krasse Bild (welches 2001, nach dem Tod des Malers, noch ein letztes Mal in Venedig gezeigt wurde) entbehrt jeder pornografischen Schlüpfrigkeit. Die sorgfältigen Kompositionen Balthus’ wirken nie anzüglich. Sie sind stark, sie sind geheimnisvoll, sie haben eine unmittelbare, ernste Präsenz. Sie stehen in der Tradition der grossen Maler wie Piero della Francesca oder Nicolas Poussin, das verleiht ihnen etwas Akademisches. Man wird durch sie mit den Kräften der Existenz konfrontiert, dem Eros, der Gewalt, dem Tod. Sie wurzeln im intellektuellen Klima des beginnenden 20. Jahrhunderts, einer Zeit, in der die Künstler bürgerliche Moral bekämpften.

Der Schriftsteller George Ba­taille, der Psychoanalytiker Jacques Lacan, der Dichter Charles Baudelaire («Les fleurs du mal») gehörten zu den Einflüssen des jungen Balthasar Klossowski und seines ebenfalls als Künstler bekannten Bruders Pierre. Der Erfinder des «Theaters der Grausamkeit», der französische Autor Antonin Artaud, mit Balthus befreundet, schrieb über seine Bilder, dass man in ihnen «die Pest, den Sturm, die Epidemie» spüre – das war als ein Kompliment gemeint.

Keine unziemlichenAnnäherungsversuche

«Balthus’ Darstellungen heranwachsender Mädchen bergen tatsächlich eine Spannung, die sich zwischen infantiler Unschuld, selbstbewusster Anmut und erotischer Ausstrahlung bewegt», sagt die Kuratorin Michiko Kono, «wenn man genau hinsieht, stellt man fest, dass der Künstler diese jungen Mädchen in würdevoller, selbstbewusster Haltung darstellt.»

Das Motiv des Mädchens sei zudem nur eines von vielen. Porträts, Interieurs und Landschaften gehören ebenso zu diesem vielfältigen Werk. Balthus’ Beharren auf der figurativen Malerei, seine Distanznahme zum Surrealismus, in der Kunstszene damals als eine unverständliche Anomalie angesehen, machen seine Werke heute umso moderner. Seine ironisch gebrochene Begeisterung für Kinderbuchillustrationen, fast in jedem Werk spürbar, erleichtert den Zugang zu den rätselhaften Bildern.

Die Obsession des Malers, Mädchen im Alter von 8 bis 14 Jahren zu malen, bleibt bei aller kunsthistorischen Einordnung eine unübersehbare Tatsache, die zur Ausstellung ebenso gehört wie die Bewunderung für seine Bilder. Die damals kindlichen Modelle wie die mehrmals porträtierte Thérèse Blanchard oder die später im Bild «Les beaux jours» dargestellte Odile Emery aus Châbles in der Schweiz berichten von langweiligen Porträtsitzungen, bei welchen sie unbequeme Posen einnehmen sollten. Mütter oder andere Aufsichtspersonen waren dabei, es fanden keine unziemlichen Annäherungsversuche des Künstlers statt.

Als der greise Balthus den Zeichenstift nicht mehr halten konnte, machte er in seinem Schweizer Alterssitz in Rossinière unzählige Polaroid-Aufnahmen der knapp bekleideten Tochter seines Arztes, Anna Wahli, als Vorstudien zu Bildern. Diese Fotografien hatte die Galerie Gagosian 2013 ausgestellt, das Essener Museum Folkwang entschied danach, die Ausstellung nicht zu übernehmen. Es geschah damals im Kontext einer Pädophiliedebatte. In der Fondation Beyeler lässt man sie aus konzeptuellen Gründen weg, weil es sich bei der Ausstellung in Riehen um eine reine Malerei-Retrospektive handelt.

Die aussergewöhnlichen Gemälde von Balthus – in Riehen werden ihrer fünfzig gezeigt – können so bald für sich sprechen. Sie kreisen das Mysterium des Begehrens ein, ohne ihm das Geheimnis zu rauben.

«Balthus», Fondation Beyeler, 2. 9. 2018 bis 1 .1. 2019

Erstellt: 25.08.2018, 19:06 Uhr

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