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Melancholische, aber auch heitere Seiten des Künstlers

Die Ausstellung «Neu gesehen» im Kunstmuseum Chur zeigt Alberto Giacometti in 100 bisher unveröffentlichten Fotografien.

Die Schau korrigiert das etwas einseitige Gesamtbild dieses Jahrhundertkünstlers: Alberto Giacometti 1965, ein Jahr vor seinem Tod, im Park des Louisiana Museum in Humlebæk, Dänemark.
Die Schau korrigiert das etwas einseitige Gesamtbild dieses Jahrhundertkünstlers: Alberto Giacometti 1965, ein Jahr vor seinem Tod, im Park des Louisiana Museum in Humlebæk, Dänemark.
Bo Boustedt

Gibt es einen anderen Schweizer Künstler, der so bekannt ist wie Alberto Giacometti (1901–1966)? Jeder kennt seine filigranen Figuren und Figürchen, die schlank im Raum stehen, mit grossen Schritten ins Leere gleiten oder in der Gruppe aneinander vorbeigehen und -sehen. Giacomettis Skulptur der Hände mit den gespreizten Fingern ist zu einem Sinnbild für die moderne, metaphysisch obdachlose Welt geworden.

Wer auch nur ein einziges Mal «Le chien» (1951) mit seinem tiefhängenden Kopf gesehen hat oder «Le chat» (1962) mit dem schnurgeraden, langgezogenen Körper, wird diese nicht mehr vergessen – und ihnen in der Wirklichkeit immer wieder begegnen. Alberto Giacometti selbst, von Fotografen wie Henri Cartier-Bresson oder Man Ray kongenial in Szene gesetzt, ist zu einer Ikone des Künstlers im 20. Jahrhundert geworden: ein Getriebener, der gar nicht anders konnte, ein Süchtiger und Besessener auch. Dass sogar sein intimes Verhältnis zum Rotlichtmilieu vor einer interessierten Öffentlichkeit ausgewalzt wurde, dafür sorgte der Biograf James Lord – nicht zur Freude von Annette, Giacomettis Ehefrau.

Eine grosszügige Schenkung

Nun präsentiert das Kunstmuseum Chur bisher unveröffentlichte Fotografien, aber auch 17 Zeichnungen und Skizzen, die Alberto Giacometti auf Zeitungspapier gemacht hat. Die grosszügige Schenkung eines Privaten erlaubt einen wenn nicht neuen, so doch anderen Blick auf den Künstler. Die Fotos halten vorwiegend private Momente fest, die den Künstler mit seiner Ehefrau zeigen: meditativ bei der Arbeit, diskutierend im Pariser Café Express oder unterwegs zu Freunden.

Bei einem Besuch bei Georges Braque im Sommer 1950 sieht Giacometti so entspannt und gelöst aus, wie er sonst nur bei den regelmässigen Aufenthalten in seinem Bündner Geburtsort Stampa zu sehen ist (in inniger Umarmung mit seiner Frau). Und auf einem anonymen Bild steht er allein im Schnee und wirkt ganz verloren ohne den visionären Blick, den zahlreiche Fotografien so oft bemühen. Am eindrücklichsten sind die Bilder, die Bo Boustedt 1965 im Park des Louisiana Museum im dänischen Humlebæk gemacht hat, ein Jahr vor Giacomettis Tod: Wir sehen einen Mann, der unsicher, ja verängstigt mal nach rechts, mal nach links schaut und dann nach oben. Als ob er wüsste, dass Gefahr droht, bloss nicht woher. Daneben gibt es natürlich auch Bilder, die man schon gesehen zu haben glaubt: der Künstler in seinem kleinen Atelier an der Rue Hippolyte-Maindron 46 in Paris, wo auch mal Samuel Beckett zu Gast war. Alberto Giacometti, oft mit einer Zigarette in der Hand, formt und gestaltet – und wird ganz Teil seiner Kunst.

Im Dialog mit seinen Skulpturen

Die Hängung der Fotografien ist, wie meistens im Churer Kunstmuseum, grosszügig. Man offeriert den Bildern viel Platz und lässt sie in einen Dialog treten mit Werken Giacomettis, die im Zentrum des grossen Ausstellungsraumes stehen (um klarzumachen, dass die Aufnahmen im Dienst der Kunst stehen). So liefert die ruhige Schau ein facettenreiches Puzzlestück, welches das etwas einseitige Gesamtbild dieses Jahrhundertkünstlers mit heiteren, aber auch melancholischen Seiten korrigiert. Wer der Fahrt nach Chur den Gang in die Buchhandlung vorzieht, findet einen ausgezeichneten Katalog mit Essays von Experten vor.

Die Ausstellung läuft bis 4. September.

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