«Mich kann man nicht einfach kaufen»

Peter Zumthor erweitert das Beyeler-Museum, plant in Los Angeles einen 600-Millionen-Bau und hat auch noch sein Atelier vergrössert.

«In miefigen Wohnblocks könnte ich nicht arbeiten»: Peter Zumthor. Foto: Martin Mischkulnig (13 Photo)

«In miefigen Wohnblocks könnte ich nicht arbeiten»: Peter Zumthor. Foto: Martin Mischkulnig (13 Photo)

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Sie veranstalten ein grosses Kunstfest. Haben Sie genug von der Architektur?
Nein, überhaupt nicht. Mit der Einladung, das Kunsthaus Bregenz zu bespielen, bot sich die Gelegenheit, die verschiedenen Künste zusammen zu zeigen. Das gefällt mir gut. Ich habe einen Hang zum Gesamtkunstwerk. Ich wollte auf keinen Fall meine eigene Arbeit ausstellen. Eine Ausnahme ist die biografische Collage, die der Filmemacher Christoph Schaub zusammengestellt hat. Aber sonst geht es um Literatur, Musik und Landschaft.

Wie haben Sie denn die Künstler ausgewählt?
Ich habe lediglich die Kuratoren bestimmt. Mein Sohn Peter Conradin Zumthor, der Musiker ist, hat 25 Konzerte organisiert. Die Sprache habe ich der Literaturwissenschaftlerin Brigitte Labs-Ehlert übergeben.

Ist es Ihnen leichtgefallen, die Kontrolle aus den Händen zu geben?
Sehr. Mein Ruf als schwieriger Mensch, der alles kontrolliert, ist falsch und klischiert. Ich respektiere die Leute und lasse ihnen ihre Freiheiten. Die Crew des Museums ist hervorragend. Die machen alles. In einem Brief habe ich im Scherz geschrieben, ich hätte gerne schöne Frauen an der Bar und drei Drinks: einen knallgrünen, einen roten und einen blauen. Und die gibt es nun tatsächlich. (lacht)

«Kunst ist der Humus meines Lebens. Das Erlebnis von Intelligenz,  Trauer, Ironie: Diese Dinge sind mir wichtig.»Peter Zumthor

Inwiefern beeinflusst die Kunst Ihre Architektur?
Das ist ein grosses Ganzes, es hängt alles zusammen. Es gibt viele Einflüsse. Die Kunst ist der Humus meines Lebens. Das Erlebnis von Kunst, von Intelligenz, von Trauer, von Melancholie, von Ironie: Alle diese Dinge sind mir wichtig, denn sie gehen über das pragmatische Leben hinaus. Meine Offenheit liegt auch am Alter. Ich bin hellhöriger geworden.

Wie meinen Sie das?
Ein junger Architekt braucht eine gewisse Standfestigkeit und Widerstandsfähigkeit. Als ich zum ersten Mal ein Museum baute und es finanzielle Probleme gab, wurde ich zum Prügelknaben. Ich musste mich behaupten und konnte mich nicht auf meinen Ruf abstützen. Ich war niemand. Heute muss ich nicht mehr so hart kämpfen.

Ihre Arbeit ist also einfacher geworden.
Ja, diesbezüglich schon. Es lauern dafür andere Gefahren. Wenn man erfolgreich ist, wollen viele Bauherren etwas von einem. Also muss ich genau hinschauen, aus welchen Gründen. Mich kann man nicht wie eine teure Stereoanlage kaufen, einstecken, und es läuft. Ich arbeite als Autorenarchitekt, ich mache Originale. Planen ist ein Prozess, ein Stück Weg, den man zusammen geht.

Sie mussten allerdings auch Niederlagen einstecken, weil sich Bauherren auf Ihre Art des Arbeitens nicht einlassen wollten, etwa in Berlin.
Mit dem Museum Topographie des Terrors in Berlin habe ich zum ersten Mal einen Wettbewerb im Ausland gewonnen. Also war ich geneigt, alles zu tun, dass auch gebaut wird. Und so überhörte ich in der Begeisterung gewisse Warnzeichen. Heute würde ich das nächste Flugzeug nach Hause nehmen.

Sie haben kürzlich Ihr Atelier in Haldenstein erweitert. Welche Räume befördern die Kreativität?
Nicht bedrückende, nehme ich an. Leichte, luftige und grosszügige Räume. Vielleicht ein schöner Bezug zur Stadt oder zur Landschaft. Aber ich könnte auch in einer alten Holzstube oder einer alten Fabrik arbeiten. In miefigen Wohnblocks, da könnte ich nicht arbeiten.

Kann ein Architekt alles planen?
Im besten Fall ist die Stimmung besser als gedacht – wie zum Beispiel hier im Kunsthaus Bregenz. Aber es gibt auch Überraschungen. Ein Student hat mich in Harvard einmal gefragt: «Wussten Sie, wie das Detail dort hinten ausschaut?» Da meinte ich: «Ehrlich gesagt, nein. Aber ich versuche dank Modellen, möglichst alles zu wissen, bevor ich baue.»

Haben Sie auch schon scharfe Kritik für einen Bau einstecken müssen?
Unter Architekten gab es manchmal schon Bemerkungen, die wie ein Pfeil ins Herz stiessen. Das ist normal. Aber einen richtigen Verriss gab es nie – oder ich habe ihn verdrängt. Die schärfste Kritik war meine eigene. Nach den ersten paar Bauten in den 80er-Jahren, die noch stark geprägt waren von Vorbildern wie Louis Kahn oder Mario Botta, schämte ich mich für gewisse Dinge und dachte: Das bin nicht ich.

Welches Gebäude meinen Sie?
Das fragen mich meine Grosskinder jeweils auch. (lacht) Aber das verrate ich Ihnen nicht.

«Nach meinen ersten paar Bauten in den 80er-Jahren schämte ich mich und dachte: Das bin nicht ich.»Peter Zumthor

Sie erweitern das Museum Beyeler bei Basel. Wie ist es, an einem Ort zu bauen, den man gut kennt?
Das ist super. Ich kann aus dem Vollen schöpfen. Anderswo muss ich mir dies stärker erarbeiten, obschon ich ein Gespür für Orte habe und mich auch in einer südkoreanischen Stadt zurechtfinden kann.

In den USA planen Sie derzeit das Los Angeles County Museum of Art – für 600 Millionen Dollar. Wie stemmen Sie ein solches Projekt mit Ihrem kleinen Büro?
Es gibt eine Kerngruppe und rundherum viele Spezialisten. Mich unterstützt das bekannte amerikanische Büro Skidmore, Owings & Merrill, das zum ersten Mal überhaupt für einen anderen Architekten plant. Entscheidend sind auch die elektronischen Medien, wir schicken die Pläne einfach rüber und schauen sie gemeinsam an. Am Ende laufen bei mir die Fäden zusammen. Das Museum behandelt mich wie einen Künstler: Sie reden viel mit, aber am Ende signiere ich das Bild.

Die Digitalisierung macht einen ortsunabhängiger. Der Ort sei aber wichtig, meinten Sie eben. Ist das nicht ein Widerspruch?
Die Digitalisierung vereinfacht den technischen Teil. Früher haben wir die Pläne mit Rasierklingen auf Pergament gekratzt, jede Änderung dauerte Dutzende von Stunden. Aber ich muss den Ort nach wie vor kennen, das hat sich nicht geändert.

Sie bauen sehr exakt. Die USA sind nun nicht gerade bekannt für gute Bauqualität. Geht das zusammen?
Das Museum mit seinen grossen Auskragungen und Spannweiten ist einfach wie ein Ingenieurbauwerk konstruiert. Der Architekt Frank Gehry hat die Pläne einmal angeschaut und meinte: Peter Zumthor hat etwas von Amerika verstanden: nur drei Details! (lacht)

Sie haben das Projekt den Verhältnissen angepasst?
Nicht unbedingt. Das war eher unbewusst. Zudem: In Kalifornien kann man durchaus hohe Qualität haben, wenn man sie bezahlt.

Derzeit werden viele Kunstmuseen gebaut. Ist deren Bedeutung gerechtfertigt?
Kunst sollte nicht elitär sein, man braucht kein Diplom dafür. Und dass Kunst auch unterhalten kann, finde ich gut. Natürlich besuchen viele Leute Museen, ohne sich dabei die Kunstwerke anzuschauen. Aber das spielt keine Rolle. Mein Grossvater ging jeden Freitag in die Oper nach Basel. Fragte ich ihn, wie es war, meinte er: «Die haben schöne Kostüme.» Er war nämlich Schneider. (lacht)

Erstellt: 17.09.2017, 19:56 Uhr

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