Mit den Kindern ins Museum – so klappts

«Laaangweilig?» Nicht doch! Mit diesen Tipps macht der Kunst-Besuch der ganzen Familie Spass.

Zwei Kinder im Dresdner Albertinum. Fürs kindliche Publikum hatte das Museum eigens die Bilder tiefer gehängt. Foto: PD

Zwei Kinder im Dresdner Albertinum. Fürs kindliche Publikum hatte das Museum eigens die Bilder tiefer gehängt. Foto: PD

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In den Sommerferien hat man die Zeit und die Ruhe. Fremde Städte locken mit ihren alten Sammlungen und aktuellen Ausstellungen, und sowieso: Wer weiss, wann man wieder hierherkommt.

Aber was tun mit den Kindern? Die nimmt man natürlich mit. Ferienzeit ist Familienzeit, und warum soll man nicht auch Kultur als gemeinsames Erlebnis gestalten? Dagegen spricht allerdings: Kinder finden Museen laaaangweilig. Strand, Spielplatz, Glace-Stand: Da wollen sie hin. Das machen sie lautstark deutlich. Vor dem Museum, im Museum, nach dem Museum.

Es gibt aber ein paar Tricks, mit denen man diesen natürlichen Widerwillen überwinden oder unterlaufen kann. Wenn Sie diese beachten, kann ein Museumsbesuch in der Familie nicht nur erträglich werden, sondern sogar Spass machen.

I Wählen Sie das richtige Museum aus. Auch wenn es Sie zur Kunst zieht: Gehen Sie lieber in naturhistorische, in technische, in Wissenschaftsmuseen. Darauf springen Kinder viel leichter an (und auch Sie lernen etwas dazu).

II Machen Sie sich selbst kundig. Und machen Sie dann den Vermittler: Erklären Sie den Kindern, was an der Maschine, der Rüstung, der Statue interessant ist. Zum Beispiel: Wie man den Andreas auf den Heiligenbildern erkennt.

III Nutzen Sie die Museumspädagogik. Nicht, um die Kinder dort abzugeben. Erstens sind dort die (noch) besseren Vermittler, zweitens lieben es die Kleinen, selbst etwas zu machen und ihre Ergebnisse dann mit denen der historischen Künstler zu vergleichen. Die «Kirchenfenster», die meine Söhne einst auf Glas gemalt haben, schmücken immer noch unser Wohnzimmer.

IV Jedes Museum hat heute einen Shop. Suchen Sie ihn auf! Nicht nur wegen der Postkarten fürs Grosi. Es gibt originelle Objekte, die das Gesehene im Gedächtnis verankern: eine «etruskische» Kette, eine Replik des Steins von Rosette, ein Halstuch mit Monet-Motiv. (Und hinterher eine Glace ist auch nicht falsch.)

V Und wenn es wirklich eine Kunstsammlung sein muss: Denken Sie sich etwas aus, machen Sie die Bilderfolge zur Spurensuche. Lassen Sie Ihre Kinder etwas finden. Oder sammeln. Unvergesslich unser Besuch in der Accademia in Venedig mit ihrer unüberschaubaren Menge von Renaissance- und Barock-Gemälden. Die schlechte Laune des Jüngsten war wie weggeblasen, als ich ihm vorschlug, doch die Hunde auf den Bildern zu zählen. Es waren Hunderte.

Tipps von Martin Ebel

Und das sagen die Fachleute:


Nina Zimmer, Direktorin Kunstmuseum Bern
«Schon ab 3 Jahren kann ein Museumsbesuch sinnvoll sein, wenn das Kind in seiner Alltagswelt abgeholt wird – etwa im Rahmen eines Kita-Besuchs. Dann kann es das Museum als Erlebnisort kennen lernen, wozu auch die riesige Eingangstür samt Türklopfer gehört, oder die grosse Treppe. 6-Jährige können dann selbstständig an Workshops teilnehmen. Wichtig ist, dass der Zugang spielerisch bleibt.

Mein Vater war Künstler, für meine Eltern war Kunst ihre Arbeitswelt, ich ‹durfte› als Kind jeweils nicht mit in Museen oder zur Documenta, was meine Neugier sicherlich gesteigert hat.»

Bekannt für die Gurlitt-Bilder: Direktorin Zimmermann. (Keystone)

Sam Keller, Direktor Fondation Beyeler
«Es ist sinnvoll, Kindern schon in den ersten Lebensjahren Kunsterlebnisse zu ermöglichen. Allerdings muss ihre kürzere Aufmerksamkeitszeit berücksichtigt werden. Wenn man Kindern eine zu grosse Dosis Kultur verabreicht, entwickeln sie leicht einen Ablehnungsreflex.

Da hilft beim Besuch bei uns in der Fondation Beyeler auch der schöne Park. An Familientagen bieten wir für Kleinkinder ab 2 Jahren Spiele und Workshops an. Da Kunst unsere kreativen und kognitiven Fähigkeiten fördert und uns hilft, unsere Identität zu verstehen, ist es wichtig, dass wir unsere Kinder nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch zur Bildung und Persönlichkeitsentwicklung mit Kultur in Kontakt bringen.

Wir alle hatten kulturelle Erlebnisse, die wir als Kinder oder Jugendliche nicht freiwillig gemacht haben, die uns aber so starke Eindrücke vermittelt haben, dass wir uns heute noch an die Kunstwerke, Konzerte, Bücher etc. erinnern. Später sind wir den Eltern dann sogar dankbar, dass sie uns ins Museum geschleppt haben.»

Besucherinnen betrachten die Picasso-Ausstellung der Fondation Beyeler. (Keystone)

Andreas Homoki, Intendant der Oper Zürich
«6 Jahre sollten die Kinder mindestens alt sein beim ersten Opernbesuch, so unsere Erfahrung. Wir haben für diese Altersgruppe spezielle Angebote wie zum Beispiel ‹Konrad oder das Kind aus der Konservenbüchse› oder ‹Hexe Hillary geht in die Oper›. Eine Oper wie ‹Elektra› ist allerdings eher etwas für Jugendliche. Als Regisseur habe ich gemerkt, dass Kinder ein guter Gradmesser dafür sind, ob man ein Publikum erreicht oder nicht. Dass mein Vater Musiker war und mich schon im Alter von 5 in Konzerte mitnahm, hat mich natürlich geprägt.»

Die Kinderoper «Hänsel und Gretel», aufgeführt 2018 an der Oper Zürich. (Tanja Dorendorf, T+T)

Benjamin von Blomberg, Co-Intendant Schauspielhaus Zürich
«Mit Kindern hatte ich die schönsten Kunsterlebnisse überhaupt – ungelogen! Was erleben sie, was ich nicht mehr erlebe? Warum kichern die jetzt? Was trennt uns, und warum? Aber auch: Worin sind wir verbunden? In welchem Staunen, Lachen, Stirnrunzeln und Genervtsein?

Beim Schauspielhaus versuchen wir, bei allen Aufführungen mit Altersangaben eine klare Aussage zu machen. Was nicht leicht ist bzw. eines voraussetzt: die Offenbarung, dass es nur eine Empfehlung ist. Es gibt so lebenskluge 6-Jährige und so junggebliebene und wissbegierige Menschen von 77 Jahren!

Dennoch wollen wir mit diesen Altersangaben Orientierung geben und sagen: Auch Menschen ab diesem Alter ermutigen wir, zu kommen und selbst zu schauen. Beim Familienstück ‹Schneewittchen› heisst es beispielsweise: ‹ab 8 Jahren›. Bei der Sonnenlichtinstallation ‹Das Internet› von Alexander Giesche wiederum, die an verschiedenen Orten in Zürich im August und September aufpoppen wird und die Zuschauenden in alle Farben des Regenbogens eintauchen und erfahrbar werden lässt, dass Orte der Schönheit und des grenzenlosen Versprechens existieren, sagen wir: ganz klar, all in – von 0 bis 99 Jahren!»

Für Kinder vielleicht nicht ganz so geeignet: Dürrenmatt-Inszenierung im Schauspielhaus von 2019. (Matthias Horn)

Peter Stamm, Schriftsteller
«So ab 12, 13 Jahre müsste ein Lesungsbesuch funktionieren. Die Kinder sollten selbst zur Lesung gehen wollen, und das ist wohl nur der Fall, wenn sie schon Texte von mir gelesen haben. Ich fand es übrigens immer toll, wie direkt und ehrlich meine Kinder auf Kultur reagieren. Ich selber ging als Kind ins Kinderprogramm des Opernhauses, als Familie besuchten wir vor allem Kunstausstellungen. Einige davon sind mir noch in Erinnerung, ebenso Begegnungen mit lokalen Künstlern.»

Peter Stamm 2015 an einer Lesung in Leukerbad. (Keystone)

Befragung von Linus Schöpfer

Erstellt: 05.07.2019, 13:58 Uhr

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