Musik kennt keine Farbe

Können nur Schwarze Schwarze spielen? Biologistische Vorgaben widerstreben dem emanzipatorischen und offenen Charakter von Kunst.

Für «Die Verlobung in St. Domingo: Ein Widerspruch», nun in Zürich uraufgeführt, verlangt der Autor mindestens zwei schwarze Schauspieler. Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

Für «Die Verlobung in St. Domingo: Ein Widerspruch», nun in Zürich uraufgeführt, verlangt der Autor mindestens zwei schwarze Schauspieler. Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

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15 der 28 weissen «Porgy and Bess»-Sänger an der Ungarischen Staatsoper in Budapest haben, auf Druck der Bühne, offenbar eine Erklärung unterzeichnet, nach der «afroamerikanische Herkunft und Bewusstsein einen untrennbaren Teil ihrer Identität» bilde. Grund ist ein drohender Rechtsstreit. Der – weisse – Komponist George Gershwin hatte revolutionärer­weise verfügt: Nur Schwarze dürfen die schwarzen Rollen seiner «Folk-Opera» von 1935 geben, die in einem Schwarzenviertel in South Carolina spielt. Und Gershwins Erben bestehen auf der strikten Umsetzung der ­Vorgabe.

Mal grundsätzlich: Kann man sich zum Schwarzen erklären? Spätestens beim Skandal um Rachel Dolezal 2015 zeigte sich: Darauf gibts heute keine simple Antwort. Die weiss geborene Frau hatte knapp ein Jahrzehnt überzeugend als Schwarze gelebt und es als Civil-Rights-Kämpferin bis zum Kaderposten in der National Associa­tion for the Advancement of Colored People gebracht. Inzwischen hat sie eingeräumt, biologisch als Weisse geboren zu sein, sie identifiziere sich aber als Schwarze. Dolezal verlor, als ihre Herkunft aufflog, alle Jobs. Nicht nur Schwarze verurteilten ihre ­Anmassung scharf. Zu Recht, zumal sie unehrlich gewesen war.

Trotzdem: Gerade in den USA wird die stete Selbsterfindung propagiert. Genderwechsel ist mittlerweile anerkannt; «Race»-Modifikation (auch ohne unlautere Motive) führt hingegen zu heftigen Debatten. Schon weil man sich das Aufwachsen unterm Rad der Diskriminierung, im Schatten einer blutigen Geschichte nicht einfach aneignen kann.

Keine Restriktionen

Umso empörender, dass sich ausgerechnet die Ungarische Staatsoper falsche Afroamerikaner bastelt – zählt ihr Intendant doch zu den nationaltrunkenen Orban-Freunden und steht voll hinter den rassistischen wie homophoben Tendenzen der Regierung. Zudem sind die liberale Verhandelbarkeit von Identität und das Bekenntnis zur Selbstbestimmtheit des Individuums so gar kein Anliegen der ungarischen Blut-und-Boden-Berserker. Die Unterschriftenaktion ist hohler Pragmatismus: Lüge. Sie haben eben keine Schwarzen im Ensemble.

Das wahre Problem ist: Ensembles sind zu wenig divers. Aber ist es wirklich hilfreich, wenn Komponisten und Dramatiker die Besetzung diktieren?

Der grosse schwarze Opernsänger Simon Estes – der 1978 als erster Schwarzer an den Bayreuther Festspielen auftrat und sich gegen die Benachteiligung von Schwarzen an der Oper wehrt – formulierte dazu bereits 2002: «Musik kennt keine Farbe. Das klingt vielleicht extrem, aber ich finde, es ist fast verfassungswidrig, dass ‹Porgy and Bess› nur von Schwarzen aufgeführt werden darf.» Ein klares Wort.

Fragwürdige Festlegung der Hautfarbe

Estes hatte 1977 am Zürcher Opernhaus in «Porgy and Bess» gesungen und dort im gleichen Jahr als schwarzer Fliegender Holländer Furore gemacht: Er förderte die Farbenblindheit an hiesigen Bühnen massgeblich. Und er hält mit Nachdruck fest: ­«‹People of Color› können ‹Porgy› grandios singen – Menschen ‹not-of-color› auch.» Die Besetzung solle nach Eignung erfolgen.

Estes ergänzt, dass das grossartige Werk aufgeführt gehört. Damit haperts, wenn eine rein schwarze Besetzung gefordert wird. Anfang Jahr rief etwa die Grange Park Opera in Surrey schwarze Opernsänger dazu auf, sich bitte zu melden: Man bekomme den «Porgy and Bess»-Chor nicht voll.

Auch abgesehen vom logistischen Genetikstress ist eine Festlegung der Hautfarbe fragwürdig – so die jüngste von Dramatiker Necati Öziri für «Die Verlobung in St. Domingo: Ein Widerspruch» am Schauspielhaus Zürich. «Mindestens zur Hälfte schwarze Menschen und Menschen mit Rassismuser­fahrung» sollten im Ensemble sein; Zürich hatte tolle Schauspieler des Gorki-Theaters Berlin dafür. Aber ist das dann tatsächlich ein antirassistischer Akt, wie Öziri hofft? Und: Soll man Kunstwerke auf diese Weise festnageln?

Bruch der Kunst-Verfassung

Der Kunst muss – anders als der Berufswelt, wo Quoten durchaus Sinn machen – zuzutrauen sein, dass sie, als Raum imaginierter Möglichkeiten, mit Identität zu spielen versteht. Dass sie gesellschaftliche Unterdrückungsmuster spiegeln und unterlaufen kann. Biologistische Vorgaben widerstreben dem emanzipatorischen und offenen Wesen von Kunst ebenso wie plumpe politische Ansagen. Und sie werfen die Frage auf, was noch festzuzurren wäre: Geschlecht, Kulisse, Alter. Von solchen Fixierungen hatte man sich doch mal befreien wollen?

Wie geschmeidig Theater mit Identitäten jonglieren kann, beweist keiner besser als derzeit Regisseur Sebastian Nübling in seiner Öziri-Inszenierung: In dem Schatten- und Maskenspiel sind die Darsteller zwischendurch allesamt schwarz. Öziri sagt, Schwarze hätten im Theaterbusiness schlechtere Karten, darum sei «affirmative action» vonnöten. Stimmt. Aber während die Ensembles heute definitiv heterogener werden sollten, sind Restriktionen für die Aufführungsfantasie – fürs konkrete Kunstwerk – kontraproduktiv. Ein Bruch der Kunst-Verfassung.

Erstellt: 14.04.2019, 22:00 Uhr

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