Neue Hoffnung für den Caravaggio

Befindet sich das vor fünfzig Jahren gestohlene Weihnachtsbild aus Palermo – die Nummer zwei auf der FBI-Liste der meistgesuchten Gemälde – in Osteuropa? Oder gar in der Schweiz?

Verschollen: Die «Geburt Christi mit den Heiligen Laurentius und Franziskus» von Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610). Foto: Wikimedia

Verschollen: Die «Geburt Christi mit den Heiligen Laurentius und Franziskus» von Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610). Foto: Wikimedia

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Vor fast fünfzig Jahren wurde Caravaggios «Geburt Christi mit den Heiligen Laurentius und Franziskus» aus dem Oratorium von San Lorenzo gestohlen, einer kleinen Kirche, die zum Franziskanerkonvent in der Altstadt von Palermo gehört. Das kapitale Gemälde, es ist fast drei Meter hoch und zwei Meter breit, wurde fein säuberlich aus dem Rahmen geschnitten. Die Ermittler sprechen von einer Rasierklinge oder einem Teppichmesser als Tatwerkzeug und nehmen dies als Indiz dafür, dass professionelle Kunstdiebe am Werk waren.

Das weist wiederum darauf hin, dass das Gemälde nicht einfach den Säuen und Ratten zum Frass vorgeworfen wurde, wie ein ehemaliges Mafiamitglied behauptet hat, sondern ein­­gedenk des unschätzbaren Wertes mit einer gewissen Sorgfalt aufbewahrt wurde und –was das Wichtigste ist – mit grosser Wahrscheinlichkeit immer noch ­existiert.

Tagung im Vatikan

Mit dem Caravaggio aus Palermo ging eine der Inkunabeln der europäischen Kunstgeschichte verloren. Die «Geburt Christi» fungiert nach wie vor als Nummer zwei auf der FBI-Liste der meistgesuchten Gemälde. Und in Italien tauchen immer wieder vielversprechende Gerüchte und Spuren auf.

Vor gut zwei Monaten, am 12. Oktober, gab es im Vatikan eine Tagung, die sich zum Ziel setzte, das «meistgesuchte Gemälde der Welt» zu finden. Fernando Musella, Offizier bei den Carabinieri, äusserte sich an einer Pressekonferenz zuversichtlich, denn seine Einheit habe Hinweise dafür, dass Caravaggios «Geburt Christi» noch ganz sei, sich in einer osteuropäischen Stadt befinde und wohl bald aufgefunden werde.

Der Maler war der Mörder

Michelangelo Merisi da Caravaggio (1571–1610) hat das Gemälde vermutlich 1609 in Palermo gemalt, nachdem er wegen eines Totschlags, den er in Rom begangen hatte, über Neapel und Malta in die sizilianische Hauptstadt geflohen war. Jüngere Forschungen gehen freilich davon aus, dass das Gemälde schon 1600 in Rom entstanden ist, wo Caravaggio während 14 Jahren lebte und arbeitete und zu jenem Malerstar wurde, als der er noch heute gefeiert wird.

In Rom entstanden Meisterwerke wie «Judith enthauptet Holofernes» oder «Musizierende Knaben», die übrigens bis Ende Januar 2019 in einer hervorragenden Ausstellung im Musée Jacquemart André in Paris vereinigt sind. Sie führen einen neuen und stilbildenden Realismus der Darstellung vor Augen, der zusammen mit der Maltechnik des Chiaroscuro, die durch Hell-dunkel-Kontraste die Szenen enorm dramatisiert, eine unerhörte Wirkung entfaltet.

Caravaggios Weihnachtsbild aus Palermo steht diesen Spitzenwerken in nichts nach: Es macht durch eine geschickte Gruppierung der Figuren und eine präzise Lichtführung das Christuskind zum unbestrittenen Zentrum der Darstellung, dem die heilige Familie die Ehre erweist. Maria und Josef wirken beide müde – so müde, dass Maria ihren Sohn kaum eines Blickes würdigt. Jesus liegt auf einem weissen Tuch auf einem Heuhaufen, und es scheint, als ob der junge Mann im Vordergrund mit seinem Fuss den Säugling freundlich anstosse. Rechts im Bild sind der heilige Franziskus von Assisi und der heilige Laurentius zu sehen.

Das Gemälde hing insgesamt 360 Jahre im Oratorium von San Lorenzo. In der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1969 wurde es gestohlen. Ein Vierteljahrhundert war es wie vom Erdboden verschluckt, bis es im Rahmen diverser Einvernahmen von ehemaligen Mafiamitgliedern zum Thema wurde. Wobei sich die Quellenlage hier als enorm kompliziert erweist, kann man doch nicht davon ausgehen, dass die lückenhaften und interessengeleiteten Aussagen der Pentiti, der reumütigen Ex-Mafiosi, der Wahrheit entsprechen. Selbst dann nicht, wenn diese Zeugen in anderen Fällen die Ermittler auf die Spur zu gewichtigen Mafiabossen führten.

In schlechtem Zustand?

Im Jahre 1996 wurde der Vorhang des Schweigens in Sachen Caravaggio erstmals aufgerissen, als der Mafiainformant Francesco Marino Mannoia im Andreotti-Prozess gestand, dass er einer der Diebe war, die das Gemälde im Auftrag eines Käufers gestohlen hätten. Dieser sei zusammengebrochen, als er sah, wie schlecht der Zustand des Bildes war, und habe es zurückgewiesen. Es sei daraufhin versteckt worden– Mannoia sagte nie, wo das gewesen sein soll. Später stellte sich heraus, dass er ein anderes Gemälde meinte.

2009 entwarf Gaspare Spatuzzo die Theorie, dass das Bild in den 80er-Jahren zerstört worden sei und womöglich von Ratten und Schweinen zerfressen in einer Scheune auf Sizilien liege.

Im Mai 2017 gab Gaetano Grado gegenüber der italienischen Antimafiakommission zu Protokoll, das Bild sei in den Besitz der Cosa-Nostra-Bosse Stefano Bontade und Gaetano Badalamenti (der 2004 im Gefängnis in den USA verstorben ist) gelangt. Rosy Bindi, bis vor kurzem Präsidentin dieser Kommission, sprach dann im Februar 2018 von einem Durchbruch: Sie glaube, das Bild sei in die Schweiz geschmuggelt und von einem inzwischen verstorbenen Kunsthändler in Lugano in Stücke geschnitten worden – damit es besser verkauft werden könne.

Charles Hill, der schon Edward Munchs «Der Schrei» für Scotland Yard aufgespürt hatte, sagte kürzlich gegenüber dem «Guardian», dass er davon ausgehe, dass das Gemälde noch existiere. Aber erst auftauchen werde, wenn der Letzte der grossen Mafiabosse, Matteo Messina Denaro, gefasst worden sei. Vielleicht in Sizilien – oder doch in Osteuropa?

Erstellt: 20.12.2018, 17:49 Uhr

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