Neues Leben für Dr. Oprecht

Die Galerie Hauser & Wirth zieht mit ihrem Kunstverlag in die historischen Räumlichkeiten an der Rämistrasse. Die Renovation der legendären Buchhandlung Dr. Oprecht ist in vollem Gange.

Verlagsleiterin Michaela Unterdörfer in der ehemaligen Buchhandlung. Foto: Sim Canetty-Clarke

Verlagsleiterin Michaela Unterdörfer in der ehemaligen Buchhandlung. Foto: Sim Canetty-Clarke

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Als am 31. Januar 2003 die Buchhandlung Dr. Oprecht für immer ihre Türen schloss, herrschte im intellektuellen Milieu Zürichs so etwas wie Nationaltrauer. Kein Laden ginge da zu, sondern eine Ära, schrieb etwa die NZZ. Die von Emil Oprecht 1925 gegründete Buchhandlung an der Rämistrasse, zu der später auch der politisch engagierte Europa-Verlag gehörte, war während des Zweiten Weltkriegs ein Treffpunkt vieler aus Nazideutschland vertriebener Schriftsteller, Schauspieler und Philosophen und blieb ein Symbol der damaligen Kulturblüte in Zürich.

Nun, 16 Jahre nach der Schliessung, die Nachricht: Die international tätige Galerie Hauser & Wirth zieht mit ihrem Verlag in die historischen Räume der ehemaligen Buchhandlung Dr. Oprecht ein. Die Eröffnung ist für Juni geplant. Von hier aus wird dann das internationale Geschäft der Hauser & Wirth Publishers koordiniert. Statt des ausziehenden Reisebüros wird es also an der Rämistrasse 5 fortan wieder Bücher geben, und in der Buchhandlung sollen wieder Künstler, Maler, Autoren verkehren.

Manuell betriebener Lift

Das Lokal und die im ersten Stock gelegenen Räume des ehemaligen Europa-Verlags werden zurzeit mit historischer Genauigkeit renoviert, damit die ursprünglichen architektonischen Details besser zur Geltung kommen. Etwa die hölzerne Wendeltreppe oder der manuell betriebene Bücherlift, an die sich Oprecht-Habitués noch erinnern, sollen wieder sichtbar werden. Laut Auskunft der Hauser-&-Wirth-Verlagsleiterin Michaela Unterdörfer wird eine Vitrine mit einer bebilderten Timeline von der Historie des Ortes erzählen.

«Wir entdecken jeden Tag Neues», sagt Unterdörfer, die die Renovationsarbeiten beaufsichtigt. Zu den Details wird auch Barbara Sidler konsultiert, die nach dem Tod von Emmie Oprecht den Buchladen geführt hat. Auch die in der Zentralbibliothek Zürich untergebrachten Nachlässe von Emil und Emmie Oprecht seien eine Fundgrube, sagt Unterdörfer. Dass es ausgerechnet Max Bill war, der viele Publikationen des Europa-Verlags grafisch gestaltete, darunter auch die antifaschistische Zeitschrift «Information», sei für die Galerie nicht unwichtig – schliesslich betreut sie Max Bills Nachlass. Um das zu unterstreichen, möchte man eine von Bills Freund, dem Künstler Georges Vantongerloo, 1932 entworfene Bar einbauen lassen (es existieren mehrere Entwurfsskizzen).

Der Umzug des Galerieverlags an diesen prominenten Ort und die damit verbundenen Expansionspläne – 2019 verdoppelt sich die Anzahl der produzierten Titel von 12 (2018) auf 26, ein weiterer Ausbau ist vorgesehen – passen gut zum aktuellen Trend auf dem Kunstbuchmarkt. Es wird zunehmend schwierig, mit professionell verlegten Qualitätsbüchern genügend Umsatz zu machen, was dazu führt, dass sich ihre Produktion aus dem klassischen Verlagssektor in den Kunsthandelsbereich verschiebt.

Erst kürzlich hat die Nachricht von der Schliessung des JRP/Ringier-Kunstverlags, in dem in den letzten 15 Jahren viele wichtige Kataloge und Künstlermonografien erschienen, für erstaunlich wenig Aufregung gesorgt. Damit verbunden musste sich auch die beliebte Buchhandlung Kunstgriff, die von JRP/Ringier unterstützt wurde, aus dem Löwenbräu verabschieden. Dass der den Kunstbüchern gewidmete Platz in den allgemeinen Buchhandlungen immer kleiner wird, ist unübersehbar. Selbst in den Museumsshops werden die Regale mit Kunstsouvenirs immer länger, die Bücherauslagen kleiner.

Lohnende Querfinanzierung

Es entsteht eine Lücke, in dievermehrt die vom boomen-den Kunstmarkt profitierenden Grossgalerien springen. Die meisten haben ihre eigenen Verlagsmarken, die grössten seit neustem auch eigene Kunstzeitschriften – wie Larry Gagosians «Gagosian Quarterly» oder Hauser & Wirths «Ursula». «Rein wirtschaftlich», gibt Galerist Iwan Wirth auf Anfrage zu, «lässt sich unsere verlegerische Tätigkeit nicht rechtfertigen. Hauser & Wirth leistet sich diese jedoch seit über 20 Jahren, weil es sich durch die Galerietätigkeit finanzieren lässt.» Wirth bezeichnet zudem den hauseigenen Verlag als seine «persönliche Leidenschaft», die biografisch begründet sei: «Meine Mutter war Lehrerin, und Bücher, fast mehr als Kunst, waren Teil meines Lebens von frühester Kindheit an.»

Das Programm von Hauser & Wirth Publishers, erklärt Michaela Unterdörfer, bleibe nah an der Galerie: Neben den Ausstellungskatalogen verlege man auch Künstlerbiografien (etwa die von Angela Thomas herausgegebene Biografie Max Bills, die auf mehrere Bände angelegt ist) oder Künstlerschriften, die man im Rahmen von Nachlassbetreuungen aus den Archiven hebe, oder man investiere in Übersetzungen, wenn sie wie etwa bei Künstlern wie Eduardo Chillida oder Piero Manzoni in der Ursprungssprache nur eine begrenzte Leserschaft finden.

Iwan Wirth bezeichnet den hauseigenen Verlag als eine «persönliche Leidenschaft».

Dass sich für eine Galerie eine solche Investition ins Qualitätsbuch ganz anders rechnet als für einen Verlag, liegt auf der Hand. Nicht nur wird die Sichtbarkeit der Galeriekünstler dadurch erhöht – mit den Büchern, die man bei den besten Druckern auf schönstes Papier druckt, erfreut man auch die Sammler. «Müsste man im Fall von Galerieverlagen nicht eher von Marketing denn von Publishing sprechen?», fragt im Gespräch der Zürcher Kunstbuch-Verleger und Kabarettist Patrick Frey, der in seiner vor 33 Jahren gegründeten Edition Patrick Frey 250 Titel verlegt hat, die mit ihrer inhaltlichen Ausrichtung sowie der Qualität der Herstellung ebenfalls aufs Sammlerinteresse zielen. Frey konnte im Rahmen des jüngsten Löwenbräu-Umbaus seine Verlagsräumlichkeiten vergrössern, ist jedoch daran, sein Programm im Sinne einer Fokussierung zu reduzieren (von 30 im Vorjahr auf neu 20). Ein Verlag wie seiner, sagt Frey, sei im Grunde ein Non-for-Profit und müsste unter dem Kapitel Mäzenatentum abgehandelt werden.

Gut gemachte Bücher, gibt indes Verlagsleiterin Unterdörfer zu bedenken, seien von Natur aus nah an der Kunst. Bei einer Präsentation ihres Programms in China sei sie beeindruckt gewesen, wie die Menschen Bücher berührt, gestreichelt und sogar an ihnen geschnuppert hätten.

Erstellt: 08.04.2019, 06:49 Uhr

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