Poesie aus den Tiefen des Internets

Zum Glück langweilt sich der US-Amerikaner Doug Battenhausen. Denn so hat er Zeit, das Internet nach vergessenen Bildern zu durchforsten.

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«Seltsam banal» nennt Doug Battenhausen seine Funde, und irgendwie passt das. Der US-Amerikaner durchforstet das Internet nach Fotos, die auf längst obskur gewordenen Sharing-Plattformen vergessen gingen. Was er findet, teilt er auf seinem Blog «Internet History» – eine faszinierende Sammlung von misslungenen und alltäglichen Schnappschüssen; von skurrilen Aufnahmen, die höchstens aus Versehen einem künstlerischen Anspruch gerecht werden.

Aus Langeweile begann Battenhausen sein Projekt vor acht Jahren; sein Job als Bürokraft bei einer New Yorker Nonprofitorganisation erfüllt ihn nicht. «Es ist sehr entspannend, das Internet nach Fotos zu durchkämmen», erklärte er kürzlich sein Hobby gegenüber dem Kulturmagazin «Huck». «Es hat etwas von Zen, wenn man sich auf der Suche nach einem speziellen Bild durch Hunderte von alten Fotos klickt.»

«Ich vermisse die Ehrlichkeit dieser alten Blogposts»

Was Battenhausen mit «speziell» meint: Fotos, die jemand aus dem fahrenden Auto schoss. Bilder von etwas Seltsamem, die nur aufgenommen wurden, um sie jemandem zu schicken. Dazu verschwommene Sujets, abgeschnittene Körperteile, misslungene Architekturfotografie. Der 35-Jährige sucht sich Fotos aus, die eine gewisse Melancholie in ihm auslösen, ein Gefühl von Verlust. Viele der Bilder, die es auf seinen Blog schaffen, stammen deutlich aus einer anderen Zeit: leuchtend orange Zeitstempel holen den Betrachter zurück in die 1990er und frühen 2000er.

«Ich vermisse die Ehrlichkeit dieser alten Blogposts aus den 2000ern», sagt Battenhausen. Er scheint ein Nostalgiker zu sein. Doch scrollt man sich durch seine Sammlung, erkennt man schnell, was er meint. Da gibt es enthemmte Party-Bilder, peinliche Posen, überschwängliche Karaoke-Einsätze. Da gibt es verwackelte Landschaften und überbelichtete Festbuffets. Da gibt es jede Menge skurriler Alltagsszenen.

Die Unschuld des alten Internets

Kein Wunder ist Battenhausens Blog ein Erfolg – die Kollektion erinnert an einen unschuldigen Reiz, den das Internet hatte, bevor Filter jeden Schnappschuss zu glätten begannen, bevor mit Instagram und Co. die Selbstvermarktung Einzug hielt. Diese Fotos sind einfach nur überraschend, berührend oder urkomisch. Denn, wer von uns hat nicht schon versucht, New Yorks Stadtlandschaft aus dem Hotelzimmer zu fotografieren? Und ist dabei kläglich gescheitert. Kläglich und irgendwie poetisch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2018, 12:08 Uhr

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