Preisgekrönte Bilder, die haften bleiben

Der Swiss Press Photo Award zeichnet jedes Jahr die besten Arbeiten aus. Es sind kleine Momente mit grossen Emotionen, die ins richtige Licht gerückt werden. Hier ist unsere Auswahl.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Porträt, 1. Platz

Die Kunst geht baden

Aktion von Pipilotti Rist in einem Berner Hallenband, um auf das Korallensterben aufmerksam zu machen. Foto: Anthony Anex (Keystone)

Seehund? Pudel? Pipilotti Rist. Am 7. Oktober 2018 ruft sie gemeinsam mit dem WWF in ein Berner Hallenbad: Fünfhundert Gäste tummeln sich dort in einer durch Videoprojektionen erzeugten Farbenpracht, um aufs Korallensterben in den Ozeanen aufmerksam zu machen. Derweil fotografiert Anthony Anex die Künstlerin so am Beckenrand -- und gewinnt damit den Porträtpreis im Wettbewerb Swiss Press Photo. Wir zeigen die besten Bilder. (ddf)

Schweizer Geschichten, 3. Platz

Der Bauer und sein besonderer Gehilfe

«Schweizer Illustrierte», 17. August 2018: auf der Titelseite der gewohnte Prominenzbetrieb, diesmal mit Bernhard Russi («So erleben ihn Mari und seine Kinder») und Ignazio Cassis («Fussbad im Ganges»). In der Heftmitte aber dann, zwölf Seiten lang, ein ­ganz anderes Universum. Und zwar jenes von Jan Schöpfer. Der junge Mann ist 21, lebt in Kerns im Kanton Obwalden und nennt sich «An», weil er Mühe mit dem Sprechen hat. Er hat das Downsyndrom, und er wird nie Bauer werden, auch wenn das sein Traum vom Leben ist. Aber immer donnerstags und freitags arbeitet er bei einem Landwirt, und so hat ihn Fotograf Remo Nägeli in seiner grossen Reportage porträtiert: beim Misten, beim Mähen, beim Testen der automatischen Kuhbürste. So geht das seit acht Jahren schon. Sonderpädagogik im Stall? Jan profitiert von seiner Förderung, aber Bauer Beat Windlin zugleich vom Talent und vom Willen seiner Nachwuchskraft. Neuerdings hat er einen Melkroboter, und er wundert sich: Jan könne keine 5 und 5 addieren, aber den Roboter bediene er so virtuos «wie ein Jumbojet-Pilot». (ddf)

Aktualität, 1. Platz

Stell dir vor, es brennt, und keiner geht heim

9/11? Grossbrand im Basler Rheinhafen. Aber die Schaulust ist dieselbe. Foto: Stefan Bohrer

Seltsam, aber wahr: Manchmal kommt einem die Wirklichkeit erst recht wirklich vor, wenn sie aussieht wie ein Bild. Und zwar eines, das man kennt. Basel, 27. Juli 2018: Grossbrand, Giftalarm, zu Hause bleiben, Fenster schliessen! Stefan Bohrer, freischaffender Fotograf, fährt los. Für den «Blick» fotografiert er den 30 Meter hohen Turm aus Qualm im Hafen, wo das Lager einer Transportfirma brennt, dann macht er noch ein Video und will zurück, als er sie bemerkt. Die Zuschauer. «Die sind dort gesessen und haben gewartet, ein wenig wie an einem Konzert bei der Vorgruppe. Und da waren auch noch die zwei auf der Bank, die Selfies machten. Ich wusste sofort, das ist das bessere Bild als nur die Rauchsäule.» Bohrer wusste auch, dass er so etwas schon gesehen hatte: Thomas Höpker schuf mit einer ähnlichen Szene eines der berühmtesten Fotos von 9/11, in einem Park in Brooklyn, mit der Katastrophe als Kulisse. Und so überragt auch Bohrers Bild aus Basel die anderen Bilder jenes Tages. Weil es nicht bloss das Ereignis zeigt. Sondern auch unsere Gesellschaft des Spektakels. (ddf)

Porträt, 2. Platz

Der Ex-Premier brauchte sehr schnell ein blaues Tuch

Gut betucht: Damit Tony Blair einen neutralen Hintergrund erhält, müssen der Tagi-Interviewer (l.) und der Blair-Assistent ein Tuch in die Höhe halten. Foto: Urs Jaudas

Am 3. Dezember 2018 entsteht im Vorzimmer des Büros von Tony Blair dieses Porträt des ehemaligen britischen Premierministers, der sich im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» dezidiert gegen das Brexit-Abkommen ausspricht. Es ist exakt neun Uhr. Die Zeit drängt. Tony Blair ist auf dem Sprung, und der Fotograf Urs Jaudas muss improvisieren. Er braucht für sein Porträt unbedingt einen neutralen Hintergrund. In der Hektik findet sich ein blaues Tuch, das man allerdings in diesem getäferten Raum nicht an die Wand befestigen kann oder darf. Also mussten der Interviewer, Redaktor David Hesse (links), und Blairs Assistent das königsblaue Tuch hochhalten. Es fehlen nur noch ein Kreis mit goldenen Sternen, dann hätte man eine Europaflagge, die nicht nur zu Blairs Sessel passte, sondern auch zu seiner politischen Haltung in der nicht enden wollenden Brexit-Diskussion. (hm)

Sport, 3. Platz

Wie man mit der Kamera in den Zweikampf steigt

Die Formel des «entscheidenden Augenblicks» hat die journalistische Fotografie geprägt wie keine andere. Dumm allerdings für die Bildberichterstattung aus dem Sport: Die spielentscheidenden sind nicht unbedingt die bildentscheidenden Momente. Das Tor, der Punkt, die Bestzeit, der Rekord – das zählt, aber fotografisch wirft es wenig ab, nämlich oft das Gleiche. Umso gebannter schaut man sich an, was Andy Müller für die Agentur Freshfocus aufgenommen hat. Er war dabei, als sich die Schweizer Nationalmannschaft an der letztjährigen Eishockey-WM in Dänemark zur Silbermedaille kämpfte. Und diesen Kampf zeigt er aus einer Nähe, die sich nicht wie gewohnt dem Teleobjektiv verdankt. Sondern dem Plexiglas, das die vordersten Zuschauerreihen vor der Härte und der Heftigkeit dieses Spiels abschirmt – dem Fotografen aber, der es so konsequent als Linse nutzt, fast schon selbst erlaubt, in den Kampf zu steigen. Entscheidende Momente, fotografisch jedenfalls. (ddf)

Alltag, 3. Platz

Die Schweizer können Kunst im Kreisel

Im «Bieler Tagblatt» vom 5. Mai 2018 wird Kreiselschmuck als «einzigartiges Phänomen, das man bereits typisch schweizerisch nennen darf», bezeichnet. In der Tat, hierzulande ist kaum noch ein Verkehrskreisel, der sich nicht mit einer bedeutungsvollen Skulptur oder einer speziellen Bepflanzung auszeichnen würde. Das «Tagblatt» schickte ihren Fotografen Matthias Käser auf die Pirsch im Bieler Seeland, wo er eine ganze Serie ins Monumentale vergrösserter Objekte vorfand: sei das ein Stromstecker, der in der Nacht leuchtet, ein Einkaufswagen mit ein paar Bundesordnern oder eine hoch aufragende Zuckerrübe. Jedes Objekt ist möglichst naturgetreu nachgebildet. Das Geheimnis der Seeländer Kreiselkunst liegt in der Vergrösserung alltäglicher Gegen­stände, die ganz naturalistisch nachgebildet werden. Die Grösse der Objekte wird durch den vom Fotografen gewählten tiefen Kamerastandpunkt ganz besonders betont. (hm)

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 29.03.2019, 18:28 Uhr

Die Gewinner

Aktualität: Stefan Bohrer, Im Bann der Rauchsäule, «Blick»

Alltag: Christian Merz, Samichlaus im Gefängnis, «Zürcher Unterländer»

Schweizer Geschichten: Nicolas Brodard, Conseiller Fédéral, «Le Temps»

Porträt: Anthony Anex, Pipilotti Rist, Keystone, verschiedene Medien

Sport: Laurent Gillieron, National Soccer Team Switzerland at the Fifa Russia World Cup, Keystone, verschiedene Medien

Ausland: Michael Zumstein, La vie après Boko Haram, «Le Point»

Bekanntgabe «Fotograf des Jahres»: 24.4.

Ausstellung: Landesmuseum Zürich (ab 4.5.), Kornhausforum Bern (ab 12.9.).

Artikel zum Thema

Wie Software die Fotografie verändert

Algorithmen machen Fotos schöner als die Wirklichkeit. Ist das Fortschritt – oder doch Betrug am Publikum? Mehr...

Frauenblicke, Männerblicke

Die Frauen und die Fotokamera – eine Liebesgeschichte mit Happy End. Mehr...

Starfotograf Salgado überlässt Italienern Ausstellung

100 Werke des Fotografen Sebastião Salgado sind aktuell in einem verrufenen Viertel in der norditalienischen Stadt Reggio Emilia zu sehen. Damit will der Brasilianer gegen Ausländerfeindlichkeit kämpfen. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...