Rassismus? Mach Kunst draus.

Erstmals – endlich! – geht der wichtigste Kunstpreis der Welt an eine schwarze Frau: Lubaina Himid gewinnt den Turner Prize.

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Fast scheint es, als wolle man sich jenseits des Ärmelkanals nach dem Brexit-Debakel betont weltoffen geben. Erst wählt sich Prinz Harry eine prominente, geschiedene, US-amerikanische Braut aus. Und nun doppelt die Kunstzunft nach und verleiht den Turner Prize – den mit 25'000 Pfund verhältnismässig moderat dotierten, aber strahlkräftigsten Kunstpreis überhaupt – erstmals an eine dunkelhäutige Frau. Die, nebenbei, mit 63 Jahren fast schon im Pensionsalter ist.

Die BBC jubelte nach der Preisverleihung am Dienstagabend denn auch gleich, hier sei «Geschichte geschrieben worden». Aber wie das so ist mit geschichtsträchtigen Momenten: Sie kommen im eigentlichen Augenblick eher diskret daher. Da strahlte also Drum-and-Basser Goldie, den man als Preisüberreicher auf die Bühne geholt hatte, mit seinem Goldgebiss, während er die Siegerin verkündete. Applaus, ein paar Juchzer, und da stand sie dann: Lubaina Himid, in schwarzer Bluse und blauer Hose, nicht anders, als sie sonst wohl vor ihren Studenten an der Uni von Central Lancashire steht, und dankte der Jury sowie, im selben Atemzug, den Leuten auf der Strasse, die sie in den Wochen davor angesprochen und ihr Glück gewünscht hätten.

«Eine Rasse für sich»

Damit war zweierlei klar. Erstens, dass Himid den Teufel tun wird, wegen dieses Preises ihre unprätentiöse Art abzulegen. Und zweitens, dass die Medienberichte im Vorfeld, hier gehe eine Unbekannte ins Rennen, so nicht stimmten. Ja, gab Himid später im BBC-Interview zu, in der Presse sei schon nicht so oft über ihre Kunst geschrieben worden. Aber Kenner und Künstler hätten sie immer beachtet. Und für einen Orden des British Empire hat es ja auch schon gereicht, 2010, für ihre Verdienste um dunkelhäutige Kunstschaffende.

Eine tragende Rolle spielte die Presse freilich in Himids Beitrag für die Turner-Prize-Ausstellung, für die alle vier Nominierten eine Arbeit einreichen müssen. Da hingen nämlich Ausrisse aus dem «Guardian», von Himid so überarbeitet, dass man die darauf abgedruckten Fotos dunkelhäutiger Menschen plötzlich mit anderen Augen sah. Drei Rugby-Spieler aus Samoa zum Beispiel, übertitelt mit «Was hat sechs Arme, sechs Beine und wiegt 340 Kilo?», hat Himid in grossen Lettern mit «Breed apart» kommentiert, «eine Rasse für sich».

Rassismus? Mach Kunst draus

Dazu gabs eine Art Bühnensetting, das man als kolonialistisches Potpourri beschreiben könnte: lebensgrosse Pappfiguren (unter anderem von Thatcher und Reagan: Himid war selbstbewusst genug, ein paar Werke aus den 80ern in ihre Turner-Installation einzubeziehen), dazwischen poshes Porzellangeschirr, von Himid in ihrer fast kindlichen Bildsprache mit Sklavengesichtern bemalt. Wie es ist, als Schwarze zwischen Weissen immer wieder daran erinnert zu werden, wo man hingehört, weiss Himid, die als Säugling von Sansibar nach Grossbritannien kam, zu gut.

Aber wie heisst es doch? Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus. Wenn es dir Rassismus gibt, mach Kunst. «Kompromisslos», so die Jury, habe sich Himid ihr Thema angeeignet und eine «überschäumende, satirisch angehauchte» Bildwelt daraus entwickelt. Ebenso kompromisslos hat das Turner-Prize-Komitee die in den 90ern eingeführte obere Alterslimite von 50 Jahren endlich gekippt und unter vier zu Recht Nominierten – neben Himid waren der 52-jährige Jamaikaner Hurvin Anderson, die deutsche Malerin Andrea Büttner und Rosalind Nashashibi, halb Palästinenserin, halb Irin, im Rennen – die richtige Gewinnerin auserkoren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2017, 16:02 Uhr

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