«Religion bleibt für viele tabu»

Daniel Baumann, Direktor der Zürcher Kunsthalle, will mit den Gottesdiensten in der Ausstellung «The Church» bewusst Reibung erzeugen. Und er kritisiert Fetische in der Kunst.

Kunst als Ersatzreligion: Blick in die Ausstellung «The Church» in der Zürcher Kunsthalle. Foto: Annik Wetter

Kunst als Ersatzreligion: Blick in die Ausstellung «The Church» in der Zürcher Kunsthalle. Foto: Annik Wetter

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Seit Wochen läuft die Ausstellung «The Church». Sind Sie als Kunsthalle-Leiter dabei der Priester, der Papst oder der liebe Gott?
Ich sehe mich am ehesten in der Rolle eines Agent Provocateur.

Es ist ja nicht nur Provokation, in der Ausstellung wird echter Gottesdienst angeboten.
Ja, jeden Sonntag.Wir wollen nicht immer nur von aussen über die Welt reden, wir wollen mit dem Projekt Teil der Welt sein. Die Religion ist wieder ein wichtiges Thema in der Gesellschaft.Wir erleben das Wiederaufflammen der Religionskriege. Die Fronten verlaufen heute nicht zwischen den Ideologien – nach dem Muster hier Kapitalismus, dort Sozialismus. Heute geht es um den Islam, um Sunniten, Schiiten oder um christliche Werte. Identität wird wieder über Religion konstruiert.

Aber sind das nicht verkappte Wirtschaftskriege, die wir in Syrien, Afghanistan oder dem Irak erleben?
Auch. Doch die Spannungen nur auf wirtschaftliche Interessen zu reduzieren, würde zu kurz greifen. Die Religion als eine mächtige Identitätsstifterin spielt bei den Konflikten eine grosse Rolle. Der Mensch will offenbar mehr sein als ein Symptom der Ökonomie.

Sind die Gottesdienste in der Kunsthalle ökumenisch?
Nein, protestantisch. Weil die Ausstellung Teil der Feier zu 500 Jahren Zürcher Reformation ist, aber auch, weil wir keine ökumenische Feelgood-Wolke kreieren wollten. Es darf ruhig Reibung bieten.

Und, gibt es Reibung?
Ja, vor allem meine Freunde reiben sich daran, dass Religion hier Eingang findet. Das hat mich erstaunt und auch wieder nicht. Religion bleibt für viele tabu.

Sind Sie selber protestantisch?
Ja, von der Erziehung her. Die Ausstellung ist aber eine Zusammenarbeit mit dem US-Künstler Rob Pruitt, und er ist katholisch.

Kirchen klagen über stetigen Gläubigenschwund, wie gut ist der Kunsthalle-Gottesdienst besucht?
Es kommen im Schnitt zwanzig bis dreissig Personen. Es sind eher nicht die üblichen Kunsthalle-Besucher, aber auch. Die Pfarrer und die Theologiestudenten, welche für die Gottesdienste zuständig sind, probierten viel Neues aus. Bei einem Gottesdienst hat die Berner Band Swanky Mothers Elemente von Spoken Poetry gospelartig ins Ritual eingestreut, ein anderer Pfarrer spielte Saxofon, angehende Pfarrerinnen sassen barfuss auf dem Boden.

Die hohen Räume der Kunsthalle erinnern an eine Kathedrale. Rob Pruitts Installation darin – mit Silberfolie beklebtes Mobiliar, bedruckte Tücher, Plakate – eher an die Occupy-Bewegung. Absicht?
Ja, denn eine Kirche ist auch ein (Kirch-)Gemeindehaus. Die Ausstellung ist ein solcher «community space». Wir arbeiten darin mit Openki zusammen, einer Zürcher Grassroot-Organisation für Bildung für alle, die auch mit der Autonomen Schule Kurse organisiert.

«Use a museum as a church» heisst Ihr aktueller Slogan. Ist das nicht die totale Kapitulation einer Kunstinstitution? Es ist wohl der Abschied von einer bestimmten Vorstellung von Kunst und Museum.
Was ist denn mit der modernen Erwartung passiert, dass Kunst die Religion entthront?
Im 20. Jahrhundert wurde Kunst zu einer säkularen Religion. Gerade die abstrakte Kunst hat alles, was sie zu einer Ersatzreligion macht: den Anspruch auf den absoluten Raum ausserhalb von Zeit und Geschichte. Das Ende der Malerei, der Abschied vom Künstler, vom Autor wurde in diesem Zusammenhang auch schon proklamiert.

Anstatt zu verschwinden, hat sich der Künstler selbst zum Kunstwerk erklärt – wie Andy Warhol.
Warhol ist sein eigener Darsteller – eine transparente, omnipräsente, eigenschaftslose Figur und Projektionsfläche. Er hat ein Versteckspiel orchestriert, das gerade jetzt aus der Mode kommt. Denn es war utopisch zu denken, dass Kunst losgelöst von Biografie und Politik stattfindet. Der Postkolonialismus und der Feminismus setzen dieser Auffassung ein Ende. Es war, wie sich jetzt doch klar zeigt, eine Fantasievorstellung des weissen Mannes, seiner privilegierten Stellung geschuldet. Sie war bequem, weil man sich dank ihr wichtigen Diskussionen nicht stellen musste.

Wie etwa dem Diskurs um die Gleichstellung der Frau?
Ja. Es muss ja nicht alle Kunst politisch sein. Die Rezeption aber schon.

Bis jetzt hat die abstrakte Kunst mit ihrem Absolutheitsanspruch nichts an ihrer Bedeutung verloren – Rothko, de Kooning, Pollock sind begehrt wie noch nie.
Begehrt ist aber nicht a priori ein Qualitätsurteil. Es sind Fetische.

Leidet die Kunst darunter?
Ja, sicher. Wir befinden uns in einem historisch einzigartigen Moment: Nicht ein Argument entscheidet über die Qualität eines Werks, sondern der Preis. Das gab es noch nie. Also weil für Werke von Jackson Pollock oder Gerhard Richter Millionen bezahlt werden, sind sie gut und wichtig. Das halte ich für einen Irrtum. Da erwarte ich mehr von Kunst, aber auch vom Publikum und den Experten.

Am Sonntag, 13. Mai, findet in der Kunsthalle Zürich zum Abschluss der Ausstellung «The Church» ein «Mother’s Day Spring Flea Market» mit dem Künstler Rob Pruitt statt; 10 bis 15 Uhr.

Erstellt: 08.05.2018, 18:46 Uhr

Daniel Baumann
Der 1967 geborene Kunsthistoriker aus Burgdorf hat als Kurator zunächst Basel aufgemischt und internationale Erfolge gefeiert. Seit 2014 leitet er die Zürcher Kunsthalle.

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