Schau. Mich. An.

Marina Abramovic, die berühmteste Performancekünstlerin der Welt, wird 70. Ihre Autobiografie ist jetzt erschienen: tieftraurig, hoch komisch, grundehrlich.

Marina Abramovic garniert Tiefschürfendes mit anekdotischen Schmankerln. Foto: Christopher Wahl (Contour, Getty Images)

Marina Abramovic garniert Tiefschürfendes mit anekdotischen Schmankerln. Foto: Christopher Wahl (Contour, Getty Images)

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Sie widmet das Buch «meinen Freunden und meinen Feinden». So steht es in der eben erschienenen Autobiografie der grossen Marina Abramovic. Auf Seite 377 lesen wir dann, warum: Der Dalai Lama sagte einmal, es sei leicht, einem Freund zu vergeben, viel schwerer aber, einem Feind zu vergeben.

Und Abramovic wählte bekanntlich noch nie den leichten Weg. Was hat diese Frau nicht schon alles im Namen der Kunst durchgemacht! Sich ein Pentagramm ins Bauchfleisch geritzt. Sich ausgepeitscht, bis an den Rand der Bewusstlosigkeit. Stundenlang auf Eisblöcken gelegen. Tagelang verwesende Fleischreste von Rinderknochen geschubbert. Und dies sind nur ein paar Torturen, denen sie sich vor Publikum aussetzte.

Denn wer glaubt, dass es sich die Mutter der Performancekunst nach getaner Arbeit jeweils mit einem Glas Rotwein vorm TV gemütlich macht, der wird auf knapp 500 Seiten eines Besseren belehrt. Weil es so etwas wie «nach der Arbeit» bei Abramovic nie gab. Nie geben wird. Kunst ist Leben ist Arbeiten ist Kunst. Und so gehts denn zwischen den Auftritten vor Publikum mal ins Himalajagebirge zur Grünen-Tara-Meditation – völlige Isolation, ungesalzene Kost, eine Million und einhundertelftausendeinhundertelf Mal das Mantra der tibetischen Göttin Tara wiederholen. Oder für drei Monate nach Australien, zur täglichen Ganztages-Traumdeutung bei den Ureinwohnern, bei 50 Grad Celsius.

Auf der Suche nach Liebe

Das Kapitel zu Abramovics Zeit im Outback sorgte sogar schon vor der Veröffentlichung des Buches für Rummel. Genauer gesagt: ein Satz, den sie während ihrer Reise 1979 in ihr Tagebuch notiert und dann ins Manuskript übernommen hatte. «They look like dinosaurs», beschrieb sie überwältigt das allererste Zusammentreffen mit den Aborigines. Die Passage wurde geleakt, ein Shitstorm brach los unter dem Hashtag #TheRacistIsPresent, Abramovic strich den Satz aus dem Buch und sah sich genötigt, auf Facebook zu posten, sie empfinde «grössten Respekt für das Volk der Aborigines».

Ein lächerlicher Eiertanz. Man muss schon sehr verstockt sein, um nicht zu erkennen, wie aufgeschlossen und wissbegierig diese Künstlerin den Menschen rund um den Globus begegnet. Wie sonst könnte sie ihre Art von Kunst machen, die ja durch Menschen, für Menschen und vor Menschen entsteht?

Trailer zum Dokumentarfilm «The Artist is Present». Video: Movieclips Coming Soon (Youtube/© 2016 Pro Litteris, Zürich)

Mehr noch. Bisweilen hat man beim Lesen den Eindruck, Abramovic habe ein Leben lang ihr Herz auf einem Silbertablett vor sich hergetragen, stets auf der Suche nach der Liebe, die ihr als Kind verwehrt blieb. Ihre Eltern – serbische Partisanen, die «mit geladenen Pistolen auf dem Nachttisch» schliefen – verwechseln Geborgenheit mit Disziplin und Nähe mit Prügeln. Die heranwachsende Marina flüchtet sich in die Poesie Rilkes und in den Mystizismus. Als Teen lädt sie einen Kumpel zum Russisch-Roulette-Spielen ein, als Twen plant sie die eigene Entjungferung ähnlich minutiös wie später ihre Performances: um sich ja nicht zu verlieben und dann sitzengelassen zu werden. «Ich wollte es mit jemandem tun, der mir egal war.»

Gewaltsames Frisieren

Wunderliche Episoden wie diese finden sich fast auf jeder zweiten Seite – was, erstaunlicherweise, nie ermüdet. Zum einen, weil Marina Abramovic schnörkellos und temporeich erzählt. Zum andern, weil man es ihr abkauft: Wenn eine sich in einem Galerieraum voller angesäuselter Vernissagegäste neben einen Requisitentisch mit Hammer, Axt und Revolver stellt und die Leute auffordert, diese nach Lust und Laune gegen sie anzuwenden, dann würde es schliesslich seltsam anmuten, wäre das Leben rund um solche Aktionen herum gänzlich frei von Drama. Geht eine Beziehung in die Brüche, wird also Geschirr zerdeppert (und dann «noch einmal zerdeppert, bis zum allerletzten Teller»); wird Liebe gemacht, kommt man «eine Woche lang nicht mehr aus dem Bett».

Das liest sich süffig, zumal es eine Seite von Marina Abramovic zeigt, die man so noch nicht kannte. Letztlich ist das aber nur Beigemüse zur eigentlichen Substanz des Buchs: der Kunst. Abramovic führt ihre Leser kapitelweise durch die Jahrzehnte und von Projekt zu Projekt. Und wie man diese heute teils ikonischen Arbeiten erstmals aus der Perspektive der Ausführenden erleben kann, wird selbst den strengsten Performance-skeptiker faszinieren: das stundenlange, gewaltsame Frisieren mithilfe einer Stahlbürste (1975). Der zermürbende Marsch über die Chinesische Mauer auf Ulay – Abramovi?s Partner auf und jenseits der Bühne – und die verabredete Trennung (1988). Das Herunterschlingen von rohen Zwiebeln (1994) mitsamt Schale («nachdem ich die dritte gegessen hatte, fühlten sich mein Mund und meine Kehle wie verbrannt an»).

Marina Abramovic trifft im Museum of Modern Art in New York während ihrer Sitzperformance im März 2010 auf ihren Ex-Partner Ulay. Video: MiticoMazz (Youtube/© 2016 Pro Litteris, Zürich)

Und schliesslich, 2010: «The Artist is Present», dieser Gewaltakt von einer Performance, für den Abramovic während der gesamten Dauer ihrer Retrospektive im New Yorker Moma – 79 Tage bzw. 736 Stunden – im Museumsfoyer reglos auf einem Stuhl sass, während sich jeder, der wollte, ihr gegenüber niederlassen und ihr beliebig lange in die Augen blicken durfte. (Wer das damals verpasst hat, kann sich jetzt immerhin ans Buchcover halten. Es zeigt Abramovics Gesicht, frontal: Schau. Mich. An.)

Warum sich jemand so etwas antut? «Ich hatte die totale Freiheit erfahren», erinnert sie sich an ihren ersten blutigen Auftritt 1973, «gespürt, dass mein Körper grenzenlos war; dass Schmerz keine Rolle spielte – und es war berauschend.» Abramovic teilt diese «Initialzündung» ebenso mit ihren Lesern wie grundsätzliche Überlegungen zur Bedeutung von Performance: «Kunst muss verstörend sein. Wenn sie nur politisch ist, ist sie am nächsten Tag schon veraltet.» Und sie verrät sogar ihre persönliche Motivation, sich immer wieder an die Grenzen und darüber hinaus zu pushen: zu jenem «universellen Wissen, das uns alle umgibt, gelangt man nur über den Zustand vollkommener gedanklicher und energetischer Erschöpfung. Sobald das Gehirn nicht mehr denken kann, strömt das flüssige Wissen herein.»

Der letzte Tag der Performance. Video: CursosArteCIEC (Youtube/© 2016 Pro Litteris, Zürich)

Solcherlei Tiefschürfendes wird mit anekdotischen Schmankerln garniert. Wer hätte etwa gedacht, dass die Diva sich zeitlebens für ihren «fetten Arsch» schämte? Dass bei dem ausrangierten Polizeibus, in dem sie mit Ulay durch Europa tingelte, in einer Schweizer Winternacht die Türen zufroren («wir mussten das Schloss mit unserem Atem auftauen»)? Dass ihr Hund in einem Videoclip der Ramones mitwirkte und dass ihre ordnungsfanatische Mama ihr derart einbläute, beim Schlafen die Laken nicht zu zerwühlen, dass sie bis heute regungslos an der Bettkante schläft?

Lachen und leiden

Das ist teils herzzerreissend, teils lustig (und manchmal beides zusammen), vor allem aber: ehrlich und persönlich durch und durch. So stört auch nicht, dass der Bildanteil spärlich ausfällt. Wer Abramovic sehen will, soll googeln oder sich die grossartige Filmdoku zu «The Artist is Present» herunterladen. Wer ihr Buch liest, ist ohnehin näher dran: Er lacht und leidet mit ihr, ist überwältigt von so viel Mut und Pioniergeist. Und auch, wenn er – anders als die Künstlerin – nicht glaubt, dass ein Mensch durch Willenskraft fähig ist, unter Wasser zu atmen: Dass diese Frau «durch Mauern gehen» kann – das glaubt er. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.11.2016, 18:15 Uhr

Marina Abramovic: Durch Mauern gehen. Autobiografie. Aus dem Englischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann. Luchterhand, München 2016. 478 S., ca. 37 Fr.

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