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Schlagzeilen werden zu provokanten Bildern

Das Londoner Künstlerduo Gilbert & George bricht Tabus – auch in einer grossartigen Ausstellung in Zürich.

Christoph Heim
«Bombers» (2006). Courtesy Gilbert & George
«Bombers» (2006). Courtesy Gilbert & George

Laut ist sie, bunt ist sie, ohne Tabus ist die Kunst von Gilbert & George. Die beiden haben sich über die Jahrzehnte eine ironisch gebrochene Radikalität bewahrt, wie sie nur in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts konzipiert werden konnte. Das Spielfeld dieser Kunst war von Anfang an England, eine bigotte Gesellschaft, die man aufmischen, provozieren, aus ihrer Selbstzufriedenheit herausreissen wollte. Die Akteure waren zwei junge Künstler Ende zwanzig, George ein Engländer aus Devon, geboren 1942, Gilbert ein Italiener aus den Dolomiten, ein Jahr jünger. Sie traten von Anfang an als Paar auf. Auch heute noch sind sie untrennbar verbunden.

In der Retrospektive mit dem Titel «The Great Exhibition», die in der Kunsthalle und im Luma Westbau in Zürich bis zum 10. Mai stattfindet, wird das Werk dieser Ikonen der britischen Pop-Art in drei grossen Ausstellungssälen ausgebreitet. Zwischen 1971 und 2016 entstanden Hunderte von Fotocollagen, deren Format immer grösser wurde, deren Oberfläche immer bunter und deren Inhalte von einem ausserordentlichen gesellschaftspolitischen Engagement zeugen: Gilberts & Georges Hauptthemen sind Tod, Hoffnung, Leben, Angst, Sex, Geld, Rasse, Religion.

Drogen und Bärte

Der Bezugspunkt dieser provozierenden Kunst, die einen von den Wänden der Ausstellungssäle herab regelrecht anschreit, ist immer die Aktualität. Sie kommentieren terroristische Bombenattentate und Aids-Epidemie, kritisieren Drogenmissbrauch und das Tragen von Burkas in den Londoner Strassen. In den letzten Jahren ist eine ganze Serie von wunderbar grotesken Bildern entstanden, auf denen die inzwischen fast 80-jährigen Gentlemen die modischen Bärte der jungen Hipster verulken.

 «City Drop» (1991). Courtesy Gilbert & George
«City Drop» (1991). Courtesy Gilbert & George

Von zentraler Bedeutung ist die Werkgruppe mit dem Titel «London Pictures», in der die beiden Künstler die Schlagzeilen der englischen Boulevardpresse nach Stichworten ordnen. Ein Riesenbild versammelt zum Beispiel vierzig Schlagzeilen à la «Campus Killer Stalked Me», «Serial Killer Confesses» bis zum «Mystery Killer Inferno». Andere Grossformate bringen Schlagzeilen mit dem Wort «Sex» oder dem Wort «Teacher» zusammen. Weitere befassen sich mit «Suicide», «Gun» oder «Teen».

Gilbert & George sind nicht nur rigoros in ihrer Kritik an der Gesellschaft, ihre Kunst ist immer auch Kritik an den Medien. Ohne eine Boulevardpresse, die Tag für die Tag sensationsgeile Bilder und Texte produziert, wäre diese Kunst gar nicht vorstellbar. Auch wenn sie inzwischen mit neuester computergestützter Technologie entstehen, tragen diese Werke, für die man heute gut und gerne eine halbe Million Franken auf den Tisch legen muss, wie ein Wasserzeichen in sich die Spuren der Zeit: Die plakativen Figuren, die comichaften Zeichnungen, das grell-bunte Farbspektrum und die Collagetechnik machen sie zu Überlebenden einer historisch gewordenen Popkultur.

Gerasterte Bilder

Dennoch haben sich diese Werke eine Frische erhalten, die den geradezu musealen Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Gilbert & George zur grossen Freude macht. War es nicht genial von den beiden, dass sie von Anfang an jedes Bild mit einem schwarz gezeichneten Raster ausstatteten, das den Bildern einerseits Halt gibt und sie zusammenhält, andererseits die dargestellten Inhalte permanent konterkariert? Während die Bilddetails und die Texte alles daransetzen, Tabus zu brechen und Grenzen zu sprengen, werden sie vom schwarzen Raster aus lauter Quadraten fortwährend zurückgebunden.

So scheinen die visuellen und textuellen Ausbrecher in Gilberts & Georges Universum immer schon in der Falle der gesellschaftlichen Verhältnisse zu sein. Die Frechheiten und Spitzen sitzen hinter Gitter wie Gefangene im Käfig. Sie werden zudem von den Künstlern, die fast in jedem Bild ein Abbild ihrer selbst platziert haben, kommentiert – sei es nackt oder mit Kleidung, sei es mit spezieller Gestik oder auffälliger Mimik.

 «One World» (1988). Courtesy Gilbert & George
«One World» (1988). Courtesy Gilbert & George

So gesehen wirkt diese Kunst auch abgeklärt und entspricht ganz gut dem zurückhaltenden Auftritt der beiden Künstler, die sich seit fünfzig Jahren als lebende Skulpturen verstehen. Ihre farblich sorgsam aufeinander abgestimmten Tweedanzüge sind längst zum Markenzeichen geworden. Mit einer geradezu stoischen Ruhe erzählen sie die immer wieder gleichen Anekdoten aus ihrer Vergangenheit und beantworten Fragen zu Kunst und Politik aus dem Publikum. Man vergleicht sie, die so untrennbar miteinander verbunden sind, gerne mit Laurel und Hardy. Und wenn man sie fragt, was denn das Rezept ihrer nicht nachlassenden Treue sei, antwortet Gilbert verschmitzt, aber ganz ohne Lächeln: «Wir wollen gewinnen.»

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